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Geldpolitik Die Zentralbanken sorgen für neue Blasen

Aus Angst vor einem Rückfall in die Rezession zögern die großen Zentralbanken Zinserhöhungen hinaus. Damit aber könnten sie neue Spekulationsblasen erzeugen.

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Hausverkauf in den USA Quelle: dpa

Selten fieberten Börsianer und Analysten den Presseerklärungen der US-Notenbank Fed, der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Bank von England (BoE) mit so viel Spannung entgegen wie in der vergangenen Woche. Zwar hatte niemand erwartet, dass die Notenbanker die Leitzinsen schon jetzt wieder anheben und damit ihren Kollegen in Israel, Australien und Norwegen folgen würden, die in den vergangenen Wochen die Zinswende bereits eingeleitet hatten. Dennoch war die Spannung groß. In den semantisch fein austarierten Statements hofften Analysten erste Hinweise zu finden, wann die Notenbanken die Politik des superbilligen Geldes beenden wollen.

Doch die Währungshüter denken gar nicht daran. In ihren Augen ist es noch zu früh, auf die geldpolitische Bremse zu treten. Die Aussichten für die Konjunktur seien trotz positiver Signale „mit großer Unsicherheit behaftet“, urteilte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet. Der eingeschlagene Kurs niedriger Zinsen und massiver Liquiditätszufuhr sei angemessen. Ähnlich sieht es die US-Notenbank Fed. Die britischen Währungshüter um Mervyn King kündigten gar an, ihr Ankaufprogramm für Wertpapiere und damit die Liquiditätszufuhr für die Banken um 25 Milliarden auf 200 Milliarden Pfund auszuweiten. Das zeigt: Die großen Notenbanker werden den Zinshebel erst umlegen, wenn klar ist, dass der Funke von den staatlichen Konjunkturprogrammen auf die Privatwirtschaft übergesprungen ist – und der Aufschwung auf einem selbsttragenden Fundament steht. Vor Mitte 2010 dürfte es somit keine Zinswende geben.

Die Strategie ist riskant. Im Bemühen, die Konjunktur zu stabilisieren, pumpen die Notenbanken neue Spekulationsblasen auf.

Börsenkurse Steigen

Anzeichen dafür gibt es bereits. Seit März dieses Jahres haben die im Standard & Poor’s-Index enthaltenen Aktien 56 Prozent an Wert zugelegt, ihr Kurs-Gewinn-Verhältnis explodierte auf 138 – den höchsten Stand seit 1871. Der Dax hat im gleichen Zeitraum 48 Prozent zugelegt. Noch steiler ging es mit den Schwellenländer-Börsen nach oben. Der MSCI-Emerging-Markets-Index hat seit März um mehr als 90 Prozent zugelegt. Auch an den Rohstoffmärkten haben die Haussiers das Zepter wieder in der Hand. Der vom Hamburger Weltwirtschafts-Institut ermittelte Rohstoffpreisindex ist seit Frühjahr um rund 36 Prozent gestiegen. Ein Fass Öl der Sorte Brent kostet mit knapp 78 Dollar derzeit doppelt so viel wie zu Jahresbeginn – obwohl die Lager in den Industrieländern randvoll sind und die Opec-Mitglieder seit vier Monaten eine Million Fass mehr am Tag fördern, als es ihrer Quote entspricht. Sogar an den Immobilienmärkten – dem Epizentrum der Finanzkrise – geht es wieder bergauf. Der Case-Shiller-Hauspreisindex, der die Preisentwicklung in den 20 größten US-Städten misst, liegt bereits um fünf Prozent über seinem April-Tief. Und in Großbritannien berichten Makler vom Ansturm bonusbeschenkter Investmentbanker auf teure Immobilien in den feinen Lagen. Robert Shiller, Professor an der Eliteuni Yale, warnt daher, die Welt steuere derzeit auf neue Blasen zu.

Die Rückkehr der Blasenwirtschaft

Dass diese in denselben Anlageklassen auftreten wie die zuvor geplatzte Blase, passt zum historischen Muster von Finanzkrisen. Nach dem Platzen großer Spekulationsblasen, so zeigt die Geschichte, bilden sich danach häufig „Echo-Blasen“. Ursache sind die massiven Liquiditätsspritzen, mit denen die Zentralbanken die Realwirtschaft in der Krise stützen. Echo-Blasen erreichen im Schnitt 30 bis 40 Prozent der Größe der vorangegangenen Spekulationsblase und platzen schneller als diese. Allerdings fallen die Asset-Preise nicht mehr auf ihre vorangegangenen Tiefstände zurück.

Dass Spekulanten ihre Fehler gerne wiederholen, zeigen auch Experimente des US-Nobelpreisträgers Vernon Smith. Smith hat Probanden in Laborexperimenten mit Wertpapieren handeln lassen. Nachdem die Teilnehmer den Preis immer weiter in die Höhe getrieben hatten, platzte die Blase.

Lerneffekt in der 3. Runde

Aufgefordert, das Experiment zu wiederholen, trieben die Probanden die Kurse erneut in luftige Höhen, offenbar weil sie hofften, diesmal schlauer zu sein und rechtzeitig auszusteigen. Wieder ging das schief, allerdings schneller als beim ersten Mal. Erst in der dritten Spielrunde setzte bei den Teilnehmern ein Lernprozess ein.

Gefördert werden Spekulationsblasen nach Ansicht von Yale-Ökonom Shiller, wenn sie mit einer ökonomischen Story unterfüttert sind. Die verbreitete Euphorie im Hinblick auf Schwellenländer, die zum neuen Wachstumsmotor für die Weltwirtschaft hochgejazzt werden, könnte eine solche Story sein. Die Hausse an den chinesischen Aktien- und Immobilienmärkten jedenfalls sollte misstrauisch machen.

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    Die Zentralbanker befinden sich in einer Zwickmühle. Sie müssen früh genug auf die geldpolitische Bremse treten, um neuen Blasen entgegenzuwirken, und spät genug, um die Konjunktur nicht abzuwürgen. Ihre jüngsten Statements deuten darauf hin, dass sie eher zu spät als zu früh handeln werden.

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