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Geldpolitik Mario Draghi und der Code der Zentralbanker

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"Gefangene ihrer eigenen Politik"

Mario Draghi trieb die Kraft der Worte in der Geldpolitik auf die Deutlichkeitsspitze. Mit seiner öffentlichen Ankündigung auf dem Höhepunkt der Euro-Krise 2012, den Euro um jeden Preis zu retten und dafür notfalls auch unbegrenzt Staatsanleihen zu kaufen („Whatever it takes“) , kalmierte er die Märkte so sehr, dass er das sogenannte OMT-Programm nie umsetzen musste. Ein Jahr später versprach er, „dass die Notenbankzinsen im Euro-Raum für einen ausgedehnten Zeitraum auf dem aktuellen oder einem niedrigeren Niveau bleiben werden“. Das Versprechen niedriger Leitzinsen sollte die langfristigen Zinsen, die sich als Durchschnitt der über den entsprechenden Zeitraum erwarteten Kurzfristzinsen bilden, nach unten drücken. Damit wollte Draghi die Kreditkosten für die überschuldeten Regierungen der Euro-Zone gering halten. „Ohne das Niedrigzinsversprechen und die Käufe von Staatsanleihen hätte die EZB die Leitzinsen weit in den Minusbereich drücken müssen, um die langfristigen Kapitalmarktzinsen zu senken“, sagt Johannes Mayr, EZB-Experte bei der BayernLB.

Korsett angelegt

Nach Ansicht von EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Cœuré ist es der EZB gelungen, allein mit ihrer Kommunikationsstrategie die langfristigen Zinssätze der als sicher angesehenen Staatsanleihen um rund 80 Basispunkte zu verringern. Doch der Erfolg hat seinen Preis. Er hat den Euro-Hütern ein Korsett angelegt, das ihnen den geldpolitischen Bewegungsspielraum nimmt. Auch die kreditfinanzierte Welle an Fusionen und Übernahmen, die über Europa hinwegrollt, ist ein Produkt der Niedrigzinsen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel warnt bereits vor einem gefährlichen Kreditzyklus, der in ein paar Jahren in eine neue Finanzkrise münden könnte.

Schon jetzt sorgen sich Ökonomen um die Preisblasen an den Vermögensmärkten. Vor allem Deutschland, wo die Konjunktur heißzulaufen droht, ist davon betroffen. Berechnungen des Flossbach von Storch Research Institute zeigen, dass die Vermögenspreise im ersten Quartal um 6,5 Prozent höher lagen als im Vorjahr. „Je länger die EZB den Märkten signalisiert, dass die Leitzinsen niedrig bleiben, desto größer werden die Verzerrungen und Blasengefahren – und desto mehr verliert die EZB ihre Handlungsfähigkeit“, warnt Mayr. Ob sich die EZB hinter verschlossenen Türen schon Gedanken macht, wie sie das dann am besten den Märkten kommuniziert?

Geldpolitik der EZB

Zwar rechnet kaum jemand damit, dass die Herren des Geldes kurz vor der Sommerpause, in der die Umsätze an den Finanzmärkten dünn sind, einen geldpolitischen Kurswechsel vollziehen. Doch im September, so die allgemeine Einschätzung, könnte die EZB beschließen, ihre monatlichen Anleihekäufe schrittweise zurückzufahren. Auf der nun anstehenden Sitzung werden die Analysten daher besonders sensibel nach Indizien suchen und auf Zwischentöne hören, ob, wann und wie die Währungshüter den Exit aus der expansiven Geldpolitik bewerkstelligen wollen.

Gleichwohl ist das Ende des Zeitalters der Niedrigzinsen noch nicht in Sicht. Zu groß ist die Abhängigkeit der hoch verschuldeten Südländer und der Banken vom billigen Geld aus Frankfurt. Frühestens für den Herbst 2018, wenn die EZB ihre Anleihekäufe voraussichtlich eingestellt haben wird, erwarten Ökonomen ein Drehen an der Zinsschraube. Große Sprünge nach oben dürften die Zinsen selbst dann nicht machen. Denn die EZB hat sich mit ihrer Kommunikationspolitik in eine Sackgasse manövriert. Durch ihr Versprechen, die Leitzinsen „für längere Zeit“ niedrig zu halten („Forward Guidance“), sind die Zinsen über das gesamte Laufzeitspektrum nach unten gerutscht. Im Vertrauen auf weiterhin niedrige Geldkosten haben Anleger ihr Vermögen in teils fragwürdige Investments gesteckt. Das bindet den Notenbankern nun die Hände. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank: „Die EZB ist zur Gefangenen ihrer eigenen Politik geworden.“

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