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GeldpolitikVerliert die EZB den Kampf gegen die Inflation?

Die EZB zögert weiterhin, die Leitzinsen zu senken. Grund sind die hohen Lohnsteigerungen. Diese könnten die Inflation nachhaltig über die Zielmarke von zwei Prozent treiben.Malte Fischer 07.03.2024 - 14:30 Uhr aktualisiert

Die EZB entscheidet heute über den weiteren Kurs in der Geldpolitik. Beobachter rechnen damit, dass die Notenbanker die Leitzinsen unverändert lassen. 

Foto: dpa

Ein Standardvorwurf gegen Politiker und andere prominente wirtschaftspolitische Entscheidungsträger lautet, ihr Leben spiele sich fernab der grauen Normalität der Bürger ab. Deren Sorgen und Nöte nähmen sie daher kaum mehr wahr. So gesehen ist es zu begrüßen, dass Christine Lagarde, die Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB), ihren Wohnsitz mitten in Frankfurt hat. Die Stadt ist nicht nur das Finanzzentrum, sondern auch das wichtigste Drehkreuz im Luftverkehr sowie ein Knotenpunkt für den Zugverkehr in Deutschland.    

Am Frankfurter Hauptbahnhof und am örtlichen Flughafen kann Lagarde in diesen Tagen studieren, was die Volkswirte im EZB-Turm seit geraumer Zeit umtreibt: die Gewerkschaften fordern Lohnerhöhungen in Größenordnungen, wie es sie seit der Einführung des Euros nicht gegeben hat, um den Kaufkraftverlust der Arbeitnehmer auszugleichen. Dafür streiken sie lange und ausgiebig. In diesen Tagen sind es (mal wieder) die Zugführer, die den Schienenverkehr in Deutschland lahmlegen. Der Umstieg auf das Flugzeug ist keine Alternative, denn auch das Bodenpersonal der Lufthansa streikt für höhere Löhne. 

Löhne und Preise schaukeln sich hoch

In den übrigen Euroländern sieht es kaum anders aus. Auch dort setzen die Arbeitnehmer alles daran, den Kaufkraftverlust der vergangenen Jahre auszugleichen. Im vierten Quartal 2023 legten die Tariflöhne in der Eurozone im Schnitt um 4,5 Prozent zu. Frühindikatoren der EZB für die Lohnentwicklung deuten für das laufende Jahr auf ähnlich hohe Lohnsteigerungen hin.  

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Damit droht ein Prozess in Gang zu kommen, den die Notenbanker fürchten wie der Teufel das Weihwasser: Preise und Löhne schaukeln sich gegenseitig hoch, die Rückkehr zur Preisstabilität droht zu scheitern. 

Am Donnerstag entschieden die Euro-Notenbanker, ihre derzeitige Geldpolitik beizubehalten: Der Leitzins bleibt unverändert bei 4,50 Prozent. Zwar befinden sich die Inflationsraten in der Eurozone auf dem Rückzug. Doch allzu rasche Zinssenkungen könnten von den Gewerkschaften und Unternehmen als Signal interpretiert werden, dass die Zentralbank grünes Licht für höhere Löhne und Preise gibt.   

Zähe Inflation bei den Dienstleistungen

Allein in Deutschland stehen in diesem Jahr Verhandlungen über die Löhne und Gehälter von 12 Millionen Beschäftigten an. Darunter sind so wichtige Branchen wie die Chemieindustrie, die Metall- und Elektroindustrie sowie das Bauhauptgewerbe. Bereits im vergangenen Jahr legten die Gehälter hierzulande im Schnitt um sechs Prozent zu. Dass das Lohnplus in diesem Jahr niedriger ausfällt, ist kaum zu erwarten. 

Der Kostendruck von der Lohnseite könnte die Inflation daher bald wieder anfachen. Zwar lag die Teuerungsrate in der Eurozone im Februar nach vorläufigen Berechnungen mit 2,6 Prozent nicht mehr weit vom Zielwert der EZB von 2,0 Prozent entfernt. Im Oktober 2022 hatte die Teuerungsrate mit 10,6 Prozent ihr Allzeithoch erreicht. Ausschlaggebend für den Abwärtstrend der vergangenen Monate war, dass die Preise für Energie gesunken sind. Rechnet man die Energie- und Nahrungsmittelpreise aus dem Index der Euro-Verbraucherpreise heraus, lag dessen Zuwachsrate gegenüber dem Vorjahr im Februar bei 3,1 Prozent. 

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Vor allem im Dienstleistungssektor ist die Inflation zäh. Im Februar legten die Preise für Dienstleistungen um 3,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. Die Preise für Industriewaren ohne Energie stiegen im Vergleich dazu mit 1,6 Prozent weniger als halb so stark. Dass die Preise für Dienstleistungen stärker steigen als jene für Waren, liegt nach Ansicht von Claudio Borio, Chefvolkswirt der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), daran, dass die Löhne bei Dienstleistungen ein größeres Gewicht haben und der preisdämpfende internationale Wettbewerb geringer ausfällt. Denn viele Dienstleistungen sind international nicht handelbar.  

Das stabilitätskonforme Lohnplus liegt bei drei Prozent

Setzen die Gewerkschaften in den anstehenden Tarifverhandlungen ihre Forderungen durch, geraten die Gewinnspannen der Unternehmen unter Druck. Die Betriebe dürften dann versuchen, die höheren Kosten an die Verbraucher weiterzugeben, indem sie die Preise erhöhen. Ob ihnen das gelingt, hängt von der Entwicklung der Konjunktur ab. 

Schneller schlau: Inflation
Wenn die Preise für Dienstleistungen und Waren allgemein steigen – und nicht nur einzelne Produktpreise – so bezeichnet man dies als Inflation. Es bedeutet, dass Verbraucher sich heute für zehn Euro weniger kaufen können. Kurz gesagt: Der Wert des Geldes sinkt mit der Zeit.
Die Inflationsrate, auch Teuerungsrate genannt, gibt Auskunft darüber, wie hoch oder niedrig die Inflation derzeit ist. Um die Inflationsrate zu bestimmen, werden sämtliche Waren und Dienstleistungen herangezogen, die von privaten Haushalten konsumiert bzw. genutzt werden. Die Europäische Zentralbank (EZB) beschreibt das wie folgt: „Zur Berechnung der Inflation wird ein fiktiver Warenkorb zusammengestellt. Dieser Warenkorb enthält alle Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte während eines Jahres konsumieren bzw. in Anspruch nehmen. Jedes Produkt in diesem Warenkorb hat einen Preis. Dieser kann sich mit der Zeit ändern. Die jährliche Inflationsrate ist der Preis des gesamten Warenkorbs in einem bestimmten Monat im Vergleich zum Preis des Warenkorbs im selben Monat des Vorjahrs.“
Eine Inflationsrate von unter zwei Prozent gilt vielen Experten als „schlecht“, da sie ein Zeichen für schwaches Wirtschaftswachstum sein kann. Auch für Sparer sind diese niedrigen Zinsen ein Problem. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflation von zwei Prozent an.
Deutlich gestiegene Preise belasten Verbraucherinnen und Verbraucher. Sie können sich für ihr Geld weniger leisten. Der Privatkonsum ist jedoch eine wichtige Stütze der Konjunktur. Sinken die Konsumausgaben, schwächelt auch die Konjunkturentwicklung.
Von Disinflation spricht man, wenn die Geschwindigkeit der Preissteigerungen abnimmt – gemeint ist also eine Verminderung der Inflation, nicht aber ein sinkendes Preis-Niveau.

In Deutschland befindet sich die Wirtschaft in der Rezession, die Nachfrage ist schwach. In anderen Ländern der Währungsunion läuft es konjunkturell deutlich besser. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Überwälzung dort gelingt. So zeigen die Unterindikatoren der Einkaufsmanagerindizes für den Euroraum, dass der Anteil der Unternehmen, die ihre Verkaufspreise erhöhen wollen, zunimmt.  

Soll der Preisanstieg auf zwei Prozent begrenzt werden, dürfen die Löhne nur um zwei Prozentpunkte stärker steigen als die Produktivität. Unterstellt man, dass der Output je Stunde wie im Schnitt der vergangenen 20 Jahre weiterhin um knapp ein Prozent pro Jahr zunimmt, ergibt sich daraus eine Obergrenze von drei Prozent für stabilitätskonforme Lohnsteigerungen.     



Knappe Arbeitskräfte

Ob die Lohnzuwächse in den nächsten Jahren unter dieser Grenze bleiben, ist allerdings fraglich. Denn Arbeitskräfte sind knapp und dürften in den nächsten Jahren noch knapper werden. Die stark besetzten Jahrgänge der Baby-Boomer scheiden demnächst aus dem Arbeitsmarkt aus. Weil die nachrückenden Kohorten zahlenmäßig schwächer besetzt sind, nimmt die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter ab, in Deutschland schrumpft sie um 0,5 Prozent pro Jahr. 

Die Möglichkeiten, die Anzahl der Erwerbspersonen ohne Zuwanderung von Fachkräften auszuweiten, sind begrenzt. In der Eurozone sind schon jetzt 70 Prozent aller Personen im erwerbsfähigen Alter erwerbstätig. Das ist der höchste Wert seit 20 Jahren. In Deutschland liegt die Partizipationsquote bei 80 Prozent.

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Die Verknappung von Arbeitskräften hat nach Berechnungen der Commerzbank die Kerninflation in der Eurozone in den vergangenen drei Jahren im Schnitt um etwa 0,75 Prozentpunkte in die Höhe getrieben. In Deutschland fiel die preistreibende Wirkung mit 1,5 Prozentpunkten doppelt so hoch aus. 

Die EZB nimmt Rücksicht auf die Konjunktur

Den Druck von den Lohnkosten könnte nur eine scharfe Rezession brechen, die die Arbeitslosigkeit kräftig in die Höhe treibt. Das aber will die EZB um jeden Preis verhindern. Isabel Schnabel, Mitglied im Direktorium der EZB, versicherte jüngst, die Notenbank wolle vor dem Hintergrund der ohnehin schwachen Konjunktur „niemandem unnötigen Schmerz zufügen“. 

Im Klartext heißt das: die EZB nimmt bei ihrem Kampf gegen die Inflation Rücksicht auf die Konjunktur. Beobachter rechnen damit, dass die Notenbank daher im Juni die Zinswende nach unten einleitet. Damit aber steigt die Gefahr, dass sich die Inflation durch die Lohnhausse mittelfristig über der Zielmarke von zwei Prozent verfestigt.

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