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GeldpolitikWirtschaftswachstum in Sicht: EZB-Chefökonom gibt sich optimistisch

Die wirtschaftliche Entwicklung Europas steht aktuell vor bedeutenden Herausforderungen. Dennoch gibt sich der Chefökonom der EZB zuversichtlich. Was dahinter steckt. 19.08.2023 - 12:31 Uhr

Die EZB habe mit ihrer Zinspolitik nicht vor, die Nachfrage tief in den negativen Bereich zu stoßen, so ihr Chefvolkswirt Philip Lane.

Foto: REUTERS

Die Wirtschaft in der Eurozone wird nach Ansicht von EZB-Chefökonom Philip Lane voraussichtlich in den nächsten Jahren auf Wachstumskurs bleiben. Es sei unwahrscheinlich, dass es zu einer schweren und anhaltenden Rezession kommen werde, sagte Lane in einem am Freitag veröffentlichten Podcast der Europäischen Zentralbank (EZB). Die aktuelle Geldpolitik bringe mit sich, dass die hohen Zinsen eine Verringerung der Nachfrage auslösten.

„Aber wir denken nicht, dass es zu dieser Art von Sog führt, die zu einer tiefen Rezession führt“, sagte der Chefvolkswirt. Ein tiefer und anhaltender Konjunkturabschwung, der sehr schädlich sei, sei nicht zu sehen. Es gebe viele Gründe der Ansicht zu sein, dass die europäische Wirtschaft in den nächsten Jahren wachsen werde.

Die Erholung von der Corona-Pandemie halte immer noch an, sagte Lane. „Wir sind weit unter dem Niveau der Wirtschaft, das wir erwartet hätten, wenn es die Pandemie nicht gegeben hätte.“

Schneller schlau: Rezession
Der Begriff Rezession bedeutet Rückgang und stammt aus dem Lateinischen. Es handelt sich um eine Rezession, wenn die Wirtschaft nicht wächst, sondern schrumpft – sich also in einem Abschwung beziehungsweise Rückgang befindet. Für die Bemessung der Konjunktur dient das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Offiziell tritt eine sogenannte technische Rezession ein, wenn das BIP in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen im Vergleich zu den jeweiligen Vorjahresquartalen nicht wächst, sondern zurückgeht.Die Rezession ist eine der vier Phasen, die der Konjunkturzyklus einer Volkswirtschaft durchlaufen kann. Sie folgt auf die Phase der Hochkonjunktur und kann im schlimmsten Fall in eine Depression übergehen. Auf eine Depression folgt dann früher oder später ein Aufschwung.
Eine Rezession zeichnet sich durch unterschiedliche Merkmale aus. Dazu gehören unter anderem:Rückgang der Nachfrageüberfüllte LagerAbbau von Überstunden und beginnende KurzarbeitEntlassung von Arbeitskräftenausbleibende Investitionenteilweise Stilllegung von Produktionsanlagenstagnierende oder sinkende Preise, Löhne und Zinsenfallende Börsenkurse
Zu den Ursachen einer Rezession gehören unterschiedliche Punkte, die sich nur schwerlich verallgemeinern lassen. Aktuell wirkt sich etwa der Krieg in der Ukraine erheblich auf die Konjunktur in Europa und den USA aus.
In einer Rezession halten Unternehmen und private Haushalte ihr Geld in der Regel beisammen. Zu den Folgen einer Rezession zählen steigende Arbeitslosenzahlen, außerdem arbeiten mehr Menschen in Kurzarbeit. Beides führt zu geringerer Nachfrage. Denn wenn die Bürger weniger Geld verdienen, konsumieren sie auch weniger. Dies ist wiederum schlecht für Unternehmen, die dadurch weniger verkaufen und auf ihren Lagerbeständen sitzen bleiben. Die fehlenden Einnahmen können zu weiteren Entlassungen führen, sodass die Arbeitslosigkeit weiter steigt.Auch Menschen, die auf der Suche nach einem neuen Job sind, stehen in einer Rezession vor Problemen. Denn wer sich um eine neue Stelle bewirbt, dürfte während einer Rezession Schwierigkeiten haben eine entsprechende Stelle zu finden – denn geht es Unternehmen wirtschaftlich schlechter, stoppen sie Neueinstellungen.
Durch eine steigende Inflation sinkt die Kaufkraft der Menschen. Durch eine sinkende Kaufkraft sinkt wiederum die Konsumbereitschaft der Menschen, da sie ihr Geld beisammen halten, statt es für Waren und Güter auszugeben.

Zudem seien die rückläufigen Energiepreise noch nicht vollständig in den Energierechnungen der Haushalte angekommen. „Aber mit der Zeit werden niedrigere Energierechnungen helfen.“ Zudem stiegen die Löhne. „Im Laufe der Zeit sollten die Haushalte in einer besseren finanziellen Lage sein.“

Inflation bremst den Konsum

Nach dem Abschluss der Pandemie und der erzwungenen Konsumzurückhaltung, die zeitweise dazu führte, dass die Sparquote der deutschen Bevölkerung auf über 18 Prozent stieg, wurde der Verbraucher – genauer gesagt, sein angestauter Bedarf – von vielen Experten als treibende Kraft für die wirtschaftliche Erholung angesehen. Doch aktuell wächst die Unsicherheit unter den Bürgern erneut. Die Erwartungen an das Einkommen, ein entscheidender Indikator für das Konsumklima, haben sich deutlich verringert. Die Bereitschaft, langlebige Güter anzuschaffen, liegt derzeit sogar noch niedriger als während der Lockdown-Phasen während der Pandemie.

Diese Entwicklungen haben direkte Auswirkungen auf die wirtschaftliche Lage, da die privaten Konsumausgaben nominal mehr als die Hälfte des deutschen Bruttoinlandsprodukts ausmachen. Im ersten Quartal 2023 verringerten die Haushalte ihre Konsumausgaben um 1,2 Prozent. Bereits im vierten Quartal 2022 hatte es eine Reduktion um 1,7 Prozent gegeben.

Der dominierende Faktor, der den Konsum in Deutschland bremst, bleibt die Inflation. Die Inflationsrate entfernt sich zwar allmählich von den zweistelligen Spitzenwerten des vergangenen Winters, gleichzeitig steigen die Löhne in vielen Branchen in einem Maße, das seit Langem nicht mehr gesehen wurde. Trotzdem nimmt die reale Kaufkraft weiterhin ab, und viele Verbraucher hegen Zweifel daran, dass die Preisanstiege in absehbarer Zeit wieder auf das Niveau vor der Krise zurückkehren werden. Laut jüngsten Umfragen der Bundesbank erwarten die Bürger in den kommenden zwölf Monaten eine durchschnittliche Inflation von knapp fünf Prozent, während sie vor der Pandemie im Jahr 2019 unter drei Prozent lag.

Ein weiterer Faktor ist ein Konzept, das von Ökonomen als „gefühlte Inflation“ bezeichnet wird. Wenn besonders häufig gekaufte Güter wie Grundnahrungsmittel signifikant teurer werden, neigen viele Verbraucher dazu, die tatsächliche Inflation zu überschätzen.

Die Eurozone war im zweiten Quartal nach einem schwachen Winterhalbjahr auf Wachstumskurs zurückgekehrt – trotz der Stagnation in ihrer größten Volkswirtschaft Deutschland. Von April bis Juni legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,3 Prozent zu im Vergleich zum ersten Quartal. Bislang gehen die Volkswirte der EZB für das Gesamtjahr von einem BIP-Wachstum von 0,9 Prozent aus. Für 2024 wird ein Wachstum von 1,5 Prozent erwartet, für 2025 von 1,6 Prozent.

Die EZB hat im Kampf gegen den Preisschub in der 20-Länder-Gemeinschaft die Zinsen seit Sommer 2022 bereits neunmal in Folge angehoben.

Foto: Reuters

Die EZB habe mit ihrer Zinspolitik nicht vor, die Nachfrage tief in den negativen Bereich zu stoßen, sagte ihr Chefvolkswirt. „Sie muss nur langsamer wachsen als das Angebot.“ Die EZB hat im Kampf gegen den Preisschub in der 20-Länder-Gemeinschaft die Zinsen seit Sommer 2022 bereits neunmal in Folge angehoben – zuletzt Ende Juli um einen viertel Prozentpunkt.

Die Inflation im Euro-Raum geht trotz der Serie von Zinserhöhungen der EZB nur langsam zurück. Die Verbraucherpreise nahmen im Juli um 5,3 Prozent zu, wie das Statistikamt Eurostat am Freitag mitteilte und damit eine erste Schätzung von Ende Juli bestätigte. Im Juni lag die Teuerung bei 5,5 Prozent.

Gemäß den Äußerungen von EZB-Präsidentin Christine Lagarde besteht die Option einer Erhöhung oder Stagnation der Zinssätze. Die bevorstehende Sitzung der EZB zur Zinspolitik ist für den 14. September angesetzt.

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rtr, dpa, mgr
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