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Gerüchte um Zahlungsunfähigkeit Unsicherheit um Chinas Banken

Die chinesische Zentralbank zieht die Zügel an. Das sorgt bei den Banken für Unruhe: Sie leihen sich untereinander nur noch sehr zögerlich Geld. Chinas Regierung steckt in einem Dilemma.

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Die straffere Geldpolitik bringt Chinas Banken in Bedrängnis: Ein Kunde der Agricultural Bank of China. Quelle: Reuters

Peking Die Bank of China hat Gerüchte über Zahlungsunfähigkeit dementiert. Nachdem massive Liquiditätsengpässe zu Aufruhr an Chinas Finanzmärkten geführt hatten, unterstrich die große Staatsbank, dass sie nicht in Verzug geraten sei und alle Verpflichtungen zeitgemäß erfüllt habe, wie Staatsmedien am Freitag zitierten. Eine Wirtschaftszeitung hatte berichtet, die Bank of China habe ihre Zahlungen um eine halbe Stunde hinausschieben müssen, weil ihr das Geld ausgegangen sei. Zuvor waren die Zinsen am sogenannten Interbankenmarkt dramatisch in die Höhe geschnellt. Experten sagten, der Handel sei wie nach der Lehmann-Pleite in den USA „eingefroren“.

Nachdem in den vergangenen zwei Wochen mehrfach mehrfach systemweit die Liquidität knapp geworden sind, leihen sich die Institute nur noch ungern gegenseitig Geld. Die Interbankenrate, der Zinssatz für Geldgeschäfte zwischen Banken, ist seitdem von unter vier Prozent auf über fünf Prozent hochgeschossen. „Die Liquidität ist dramatisch knapper geworden“, sagt Ökonom Zhang Zhiwei vom Investmenthaus Nomura. „Das stark schuldenfinanzierte Finanzsystem steht vor einer Phase der Konsolidierung.“

Zudem dürfte auch der sich anbahnende Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik in den USA Auswirkungen auf die Zinsen in China und anderen Schwellenländern haben. Vor kurzem hatte Weltbank-Präsident Jim Yong Kim energische Maßnahmen internationaler Geldgeber gefordert, um die Versorgung der Schwellenländern mit bezahlbaren Krediten sicherzustellen. Das Wachstum dürfe nicht abgewürgt werden, wenn Staaten wie die USA ihre Geldpolitik änderten, sagte Kim am Donnerstag in Berlin. Allein in den sogenannten BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China gebe es einen Finanzierungsbedarf für Infrastrukturprojekte von 4,5 Billionen Dollar in den kommenden fünf Jahren. "Die Frage ist: Wenn die Staaten schon in Zeiten sehr niedriger Zinsen Probleme bei der langfristigen Finanzierung haben - was passiert, wenn die Lockerung der Geldpolitik langsam zu Ende geht oder sogar stoppt?", fragte er.


Banken drängen auf Lockerung

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    Hinter den Kulissen bedrängen die Chefs der chinesischen Banken nun die Zentralbank, die Lage durch eine Lockerung der Geldpolitik zu entschärfen. Sie fordern konkret eine Ausweitung der Geldmenge und eine Lockerung des Mindestreservesatzes. Der Mindestreservesatz bezeichnet Einlagen, die die Banken für ihre vergebenen Kredite bei der Zentralbank hinterlegen müssen. Mit rund 20 Prozent liegt dieser Wert in China derzeit vergleichsweise hoch. Eine Senkung würde aus Sicht der Banken Kapital freisetzen. Statt dessen hat die Notenbank jedoch im Mai die Geldpolitik eher noch gestrafft.

    Nun knirscht es allenthalben. Ein mittelgroßes Institut, die Everbright-Bank, musste sich kürzlich erst gegen den Vorwurf wehren, ihr gehe das Geld aus. Auch große Institutionen wie die Agricultural Bank of China (ABC) haben plötzlich schwierigkeiten, Abnehmer für ihre Anleihen zu finden. Wegen der schlechten Qualität vieler Schuldner hat die Ratingagentur Fitch bereits innerchinesische Staatsanleihen herabgestuft - die Banken gehören durchweg der öffentlichen Hand.

    Die chinesische Führung befindet sich in einem schweren Dilemma. Das reibungslose Funktionieren des Finanzsystems ist für Wachstum und Stabilität zwar unverzichtbar. Doch Premier Li Keqiang hat zu seinem Amtsantritt im März auch klargemacht, dass er die Geldschwemme der vergangenen Jahre eindämmen will. Es werde vorerst keine neue Lockerung geben, kündigte er an. Die Zentralbank ist verpflichtet, sich an seine Weisungen zu halten. Wenn sie den Banken nun entgegenkommt, hat Li an Glaubwürdigkeit verloren.

    Außerdem würde sich mit einer neuen Lockerung die Sucht der chinesischen Wirtschaft nach allzu billigem Geld fortsetzen. Nach dem Ausbruch der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise vor fünf Jahren hat Peking die Wirtschaft durch Freisetzung von viel frischem Geld am Laufen gehalten. Kurzfristig war der Erfolg spektakulär: Das Wachstum schoss trotz Exportschwäche über zehn Prozent. „Doch die Regierung hat damals maßlos mit der Ausweitung der Geldmenge übertrieben“, sagt Ökonom Yuan Gangming von der Chinese Academy of Social Sciences (CASS). Die neue Führung und Li Keqiang müsse nun mit den Nebenwirkungen der Aufputschmittel fertigwerden.


    Ökonomen erwarten Kompromiss

    Ökonomen erwarten nun, dass Peking sich für einen Kompromiss entscheidet und den Banken auf gesichtswahrende Weise entgegenkommt. Eine neue Runde von Konjunkturprogrammen wir 2008 oder 2012 gilt jedoch als unwahrscheinlich. Die Zentralbank habe dem Anstieg der Interbankenrate bisher tatenlos zugesehen, sagt Nomura-Ökonom Zhang. Er erwartet nun eine Kettenreaktion im Bankensystem und der Realwirtschaft: „Eine Straffung der Geldpolitik kann auf eine stark schuldenfinanzierte Wirtschaft extrem schädlich wirken.“ Das Risiko einer Finanzkrise steige damit deutlich an. Nomura hat – wie andere Beobachter der chinesischen Wirtschaft – die Wachstumsprognose für das Gesamtjahr bereits gesenkt.

    Premier Li steht nun vor seiner ersten Bewährungsprobe. Er muss dem Ruf der Banken nach mehr billigem Geld standhalten, ohne die Realwirtschaft abstürzen zu lassen. Für ihn hat es in der ersten Phase seiner Amtszeit erst einmal Priorität, wieder eine gute Ausgangslage für Wachstum und Reformen zu schaffen. Deshalb er beispielsweise zahlreiche Schlupflöcher im Finanzsystem stopfen lassen – und damit den derzeitigen Liquiditätsengpass erst heraufbeschworen. Er hat beispielsweise den Zoll angewiesen, illegalen Geldzufluss durch manipulierte Handelsgeschäfte strikt zu unterbinden – auch das verknappt das Geld im Inland. Außerdem lässt Li den grauen Kapitalmarkt derzeit rigoros regulieren.

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