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Goldman-Sachs-Chefökonom Jan Hatzius "Das Deflationsrisiko ist erheblich"

Der Chefökonom der US-Investmentbank Goldman Sachs, Jan Hatzius, fordert von der EZB die weitere Lockerung der Geldpolitik, um einer Deflation in der Euro-Zone vorzubeugen.

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Foto von Jan Hatzius Quelle: handelsblatt.com

WirtschaftsWoche: Herr Hatzius, die Wirtschaft in der Euro-Zone wächst kaum, Japan ist erneut in die Rezession abgerutscht, auch China schwächelt. Nur Amerika geht es besser. Wieso?

Hatzius: Die Kreditvergabe an Unternehmen und Privathaushalte in den USA läuft wieder. Die Verschuldungsquote ist gesunken, die Lage auf dem Immobilienmarkt hat sich stabilisiert, und der fiskalpolitische Gegenwind hat sich gelegt – das sind die Hauptgründe für die positive Entwicklung in den USA. Die Geldpolitik der US-Notenbank, also sehr niedrige Zinsen, das Anleihekaufprogramm wie auch die Rekapitalisierung der Banken haben dabei unterstützend gewirkt.

Welchen Anteil hat der Fracking-Boom am steigenden Wachstum in den USA?

Die Öl- und Gasförderung trug in den vergangenen Jahren kontinuierlich 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte zum US-Wachstum bei. Da hat sich 2014 gegenüber 2012 und 2013 nicht viel verändert. Deshalb spielt das Fracking für die Wirtschaftsbeschleunigung in diesem Jahr eher eine untergeordnete Rolle. 2015 wird der Beitrag von Fracking wegen des gesunkenen Ölpreises sogar abnehmen.

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    Wie nachhaltig ist das Wachstum in den USA? Die Exporte tragen ja kaum zum Wachstum bei, und der steigende Dollar belastet die Unternehmen jetzt zusätzlich.

    Das Wachstum ist mehr von der heimischen Nachfrage getragen als vom Außenbeitrag, das ist richtig. Aber dafür erhöhen die Unternehmen in den USA ihre Investitionen. Die Arbeitslosenzahl sinkt, der private Konsum steigt wieder. Ich gehe davon aus, dass das Wachstum in den USA im kommenden Jahr über den 2,25 Prozent der vergangenen Jahre liegen wird.

    Zur Person

    Das heißt konkret?

    2015 und die zwei folgenden Jahre rechnen wir mit einem Wachstum von je drei Prozent in den USA. Ich bin optimistisch, dass die heimische Nachfrage in den Kernbereichen, also beim privaten Konsum, bei Unternehmens- und Wohnungsbauinvestitionen, weiter anzieht.

    Aber konsumieren die Amerikaner nicht schon wieder hauptsächlich auf Pump und wiederholen den alten Fehler einer zu hohen Verschuldung?

    Etwas mehr Schuldenwachstum ist schon zu erwarten. Das heißt aber nicht, dass wir wieder ein bedenkliches Niveau bei der privaten Verschuldung erreichen wie vor der Finanzkrise. Je nach Sektor gibt es unterschiedliche Tendenzen. Die Vergabe von Hypothekenkrediten halte ich derzeit für eher restriktiv. Beim Autokauf wird hingegen teilweise zu lax Kredit gewährt. Insgesamt ist das Niveau nicht besorgniserregend.

    Wann rechnen Sie mit einer Zinswende in den USA?

    Entscheidend für die Erhöhung der Leitzinsen ist, wie nah die Fed an ihrem Mandat ist, ein Inflationsziel von zwei Prozent sowie Vollbeschäftigung zu erreichen. Eine erste Zinserhöhung der Notenbank erwarten wir im September 2015.

    Was heißt das für den Dollar?

    Er wird weiter aufwerten. Bis 2017 rechnen wir mit einer Parität des Dollar zum Euro.

    Wie schwierig werden die letzten zwei Amtsjahre von US-Präsident Barack Obama? Was erwarten Sie aus Washington?

    Ehrlich gesagt: nicht viel. Der politische Stillstand dürfte weitergehen. Die Republikaner haben immer noch nicht die für viele Entscheidungen notwendige Mehrheit von 60 Stimmen im Senat – und der Präsident verfügt über ein Vetorecht. Größere Änderungen etwa bei der Gesundheitsreform wird es deshalb in den kommenden zwei Jahren wohl nicht geben.

    Lohnenswert bis 60 Dollar pro Barrel

    Blockiert Washington die Konjunktur, oder läuft es so gut, weil die Politik nicht viel tut?

    Im Moment ist die Politik kein größeres Problem für die Konjunktur. Es liegt natürlich einiges im Argen, etwa bei der Einwanderungspolitik, bei der Unternehmensbesteuerung, bei der Infrastruktur. Aber das ist nichts, was kurzfristig kritisch für das Wachstum ist. Wenn wieder eine Krise kommt, sieht das anders aus. Dann ist eine entscheidungsfähige Mehrheit notwendig.

    Wird der Ölpreis weiter sinken?

    Ich erwarte mittelfristig keinen weiteren Rückgang beim Ölpreis. Es ist ein Niveau erreicht, bei dem die Angebotsseite in absehbarer Zeit reagieren dürfte. Das heißt, es wird weniger in zusätzliche Förderungskapazität investiert. Das führt längerfristig zu einer Verknappung des Angebots und einem tendenziellen Anstieg des Ölpreises. Natürlich spielt auch die Nachfrage eine Rolle, also die Entwicklung der Weltwirtschaft.

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      Hilft der niedrige Ölpreis der Konjunktur?

      Zumindest in den Industrieländern. In Europa und Japan wird ja kaum heimisches Öl produziert. Und in den USA ist der positive Einfluss auf die privaten Haushalte immer noch größer als die negativen Folgen für die Ölproduzenten.

      Lohnt sich die heimische Förderung in den USA angesichts des gesunkenen Preises überhaupt noch?

      Wenn sich der Ölpreis auf dem derzeitigen Niveau stabilisiert, dürfte die Ölproduktion in den USA 2015 noch steigen – wenn auch weniger stark als in den vergangenen Jahren. Bei einem Preis unter 60 Dollar pro Barrel ginge es mit der US-Produktion aber vermutlich bergab.

      Für Mario Draghi, den Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), ist der sinkende Ölpreis nicht nur ein Segen. Er drückt auf die Inflation. Wie groß ist nun das Deflationsrisiko in der Euro-Zone?

      Das Deflationsrisiko in der Euro-Zone ist erheblich. Es ist nicht mehr ausgeschlossen, dass es auf breiter Front zu sinkenden Preisen kommen könnte. Die derzeitige Inflationsrate von unter 0,5 Prozent ist für die Anpassung der Verschuldungsquoten und relativen Preise im Euro-Raum schädlich.

      Muss die EZB angesichts sinkender Inflationsraten und einer stagnierenden Wirtschaft aggressiver eingreifen und ihre Geldpolitik weiter lockern?

      Ja, eine weitere Lockerung wäre angemessen. Denn von ihrem Inflationsziel von knapp zwei Prozent ist die EZB weit entfernt. Im Gegensatz zur Fed hat die EZB auf die niedrige Inflation viel zu spät reagiert. Ich staune immer noch über die Zinserhöhung des Jahres 2011.

      Was der deutschen Wirtschaft Mut und Angst macht
      Konsum Quelle: dpa
      Investitionen Quelle: dpa
      Angstmacher: EurokriseSie hat sich dank dem Einschreiten der Europäischen Zentralbank (EZB) merklich beruhigt. Seit ihr Chef Mario Draghi Ende 2012 den unbegrenzten Kauf von Staatsanleihen kriselnder Euro-Länder angekündigt hat, hat nach Ansicht der Finanzmärkte die Gefahr einer Staatspleite in Spanien und Italien deutlich abgenommen. Doch die Ruhe könnte sich als trügerisch erweisen. So reagieren die Börsianer zunehmend nervös auf die Umfrageerfolge von Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der bei der Parlamentswahl kommende Woche in Italien wieder kandidiert. Berlusconi will viele Reformen seines Nachfolgers Mario Monti wieder zurücknehmen und beispielsweise die Immobiliensteuer wieder abschaffen. Quelle: REUTERS
      Angstmacher: Euro-StärkeDie Gemeinschaftswährung steht unter Aufwertungsdruck. Seitdem die japanische Notenbank ihre Geldschleusen geöffnet hat, ist der Euro um 20 Prozent im Verglich zum Yen gestiegen. Dort sitzen einige der größten Konkurrenten der deutschen Exporteure, darunter Autokonzerne wie Toyota und viele Maschinenbauer. Sie können ihre Produkte dank der Yen-Abwertung billiger anbieten. Quelle: dpa
      Auch im Vergleich zu anderen Währungen ist der Euro teurer geworden. Experten warnen bereits vor einem Abwertungswettlauf. Noch können die deutschen Exporteure mit dem Wechselkurs gut leben. Die größere Sorge ist, dass weniger konkurrenzfähige Euro-Länder wie Frankreich oder Italien darunter leiden. Das würde am Ende auch Deutschland treffen, das fast 40 Prozent seiner Waren in die Währungsunion verkauft. Quelle: dpa

      Aber steht uns nicht ein weltweiter Währungskrieg bevor, wenn die EZB mit einer weiteren Lockerung reagiert?

      Um einen Währungskrieg mache ich mir keine großen Sorgen. Wenn sich jede Zentralbank auf das konzentriert, was für die heimische Wirtschaft notwendig ist, dann hat das Auswirkungen auf die jeweiligen Währungen. Aber das ist Teil des Anpassungsprozesses. Sollte der Dollar in den kommenden Monaten tatsächlich stark aufwerten, wird die Fed das berücksichtigen – und die Zinswende womöglich später einleiten als geplant.

      Deutschland wird kritisiert, als stärkste Wirtschaftsnation nicht genug für eine Konjunkturbelebung zu tun. Wie ist Ihr Ausblick für Deutschland?

      Wir sehen für 2015 ein Wachstum von etwa einem Prozent in Deutschland. Das ist weniger als vor ein paar Monaten erwartet, aber immer noch ganz respektabel. Gleichzeitig glaube ich aber, dass Deutschland angesichts seiner entspannten Haushaltslage durchaus Spielraum für eine fiskalpolitische Lockerung hat. Das wäre sowohl aus deutscher als auch aus europäischer Sicht sinnvoll.

      Abwertung des Euros als konjunktureller Impuls

      Zieht die Konjunktur in der Euro-Zone 2015 wieder an?

      Ich rechne mit einem Wachstum in der Euro-Zone von knapp einem Prozent. Das ist nicht viel, aber besser als das durchschnittliche Wachstum der vergangenen zwei Quartale. Dabei hilft der niedrigere Ölpreis. Auch die Abwertung des Euro dürfte einen leichten konjunkturellen Impuls geben. Wir gehen davon aus, dass es in den kommenden Monaten eine weitere geldpolitische Lockerung mit dem Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB geben wird. Auch der Heilungsprozess im Finanzsystem geht weiter, wenn auch langsam. In den kommenden Monaten wird es ein höheres Kreditangebot geben als noch vor einem Jahr.

      Als Wachstumsbremsen in Europa gelten vor allem Italien und Frankreich. Wie sehen Sie die Entwicklung dort?

      Strukturreformen in verschiedenen Bereichen, insbesondere am Arbeitsmarkt, sind sicherlich sinnvoll. Starke Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen in der Konjunkturflaute halte ich aber für einen Fehler. Um es mit Keynes zu sagen: „The boom, not the slump, is the right time for austerity at the Treasury.“

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        Griechenland und Spanien haben Strukturreformen eingeleitet und begonnen, ihre Haushalte zu sanieren. Diesen Ländern geht es heute besser als Italien und Frankreich, wo weder das eine noch das andere stattgefunden hat.

        In Spanien gab es mehr Strukturreformen, das ist positiv. Aber trotz der jüngsten Erholung ist die Arbeitslosenquote in Spanien immer noch doppelt so hoch wie in Italien. Deshalb würde ich die positive Entwicklung nicht überbewerten. Und ich bestreite entschieden, dass es Griechenland besser geht als Frankreich oder Italien.

        Wenn wir einen Blick auf die Weltkonjunktur werfen, wie schätzen Sie die wirtschaftliche Lage in Japan und in China ein?

        Die erneute Rezession in Japan in den vergangenen zwei Quartalen resultiert aus der verfehlten Entscheidung, im April 2014 die Verbrauchsteuern um drei Prozentpunkte anzuheben. Zum Glück hat die japanische Regierung ihren Fehler erkannt und die zweite Stufe der Steuererhöhung auf 2017 verschoben. Zusammen mit dem niedrigen Ölpreis und der Abwertung der Währung dürfte dies zu einer Wachstumsbeschleunigung auf 1,0 Prozent im Jahr 2015 und auf 1,25 Prozent 2016 führen. Das hört sich zwar nicht beeindruckend an, liegt aber erheblich über dem japanischen Potenzialwachstum und schafft zumindest eine gewisse Chance, dass die Bank of Japan mittelfristig ihr Inflationsziel von zwei Prozent erreicht.

        Wie geht es in China weiter?

        Das Wachstum wird dort in den nächsten Jahren weiter zurückgehen. 2015 rechne ich mit einer Abschwächung des Wachstums auf sieben Prozent, bis 2018 prognostizieren wir einen weiteren Rückgang auf nur noch gut sechs Prozent. Und die Abwärtsrisiken sind erheblich.

        Konjunktur



        Zum Beispiel?

        Der Verschuldungsgrad ist stark gestiegen, und der Immobilienmarkt kommt nun unter Druck. Das ist potenziell eine gefährliche Kombination, wie wir in den Krisen der vergangenen Jahrzehnte immer wieder gesehen haben. Die chinesische Regierung hat allerdings immer noch genügend Instrumente, um die Abschwächung abzufedern.

        Welche denn?

        Zumindest kurzfristig gibt es bei einem Einbruch am Immobilienmarkt noch Spielräume für eine stabilisierende Lockerung der Geld- und Fiskalpolitik. China hat in dieser Hinsicht vermutlich mehr Mittel als Amerika und Europa in den Jahren der Finanzkrise. Aber über kurz oder lang muss die Anpassung kommen – und die wird auf dem chinesischen Wachstum lasten.

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