Große Ökonomen Der Konstrukteur der Marktwirtschaft

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Wie er es geschafft hat, während der NS-Diktatur weiter lehren zu dürfen, während Weggefährten emigrieren mussten (Alexander Rüstow, Wilhelm Röpke) oder im Gefängnis landeten (Adolf Lampe, Constantin von Dietze) ist unklar. Eucken wird zweimal von der Gestapo verhört. Seine gut besuchte Vorlesungsreihe „Der Kampf der Wissenschaft“ soll eine kaum verhüllte Eloge auf die Freiheit des Denkens gewesen sein. Eine Neuauflage seiner Schrift „Nationalökonomie – wozu?“ wird von den Nazis verboten, persönlich aber bleibt Eucken unbehelligt.

1947 nimmt der Ökonom auf Einladung von Friedrich August von Hayek, mit dem er einen regen wissenschaftlichen Austausch pflegt, als einziger Deutscher an der Gründungsversammlung der Mont-Pèlerin-Gesellschaft teil, einem Club führender Liberaler. Dort gerät er heftig mit Ludwig von Mises aneinander, einem radikalen Staatsverächter der Österreichischen Schule. Ein Jahr später gründet Eucken mit Franz Böhm das „Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft“, in dem sich fortan Ökonomen von Hayek bis Milton Friedman mit Fragen der Wirtschafts-, Sozial- und Gesellschaftsordnung auseinandersetzen. „Ordo“, so der Kurztitel, wird zu einem publizistischen Thinktank des Liberalismus – und besteht bis heute.

Tod im Hotel

Was wissen wir über den Menschen Walter Eucken? Der Ökonom war hochgewachsen, gut 1,90 Meter groß und hager. Ein Hauch von Askese umwehte den oft distanziert wirkenden Wissenschaftler. Sein Schüler Leonhard Miksch erinnerte sich, wie Eucken „nach oft langem Schweigen das Wort nahm, dann rangen sich die einzelnen Sätze schwer von seinen Lippen. Er kämpfte sichtbar um den angemessenen Ausdruck, kraftvolle Gesten von Arm und Hand schienen die im Raume schwebenden Gedanken und Worte zusammenzuzwingen.“ Die Hochschule war seine Welt, und nicht von ungefähr lernte er seine spätere Frau Edith in einem Uni-Seminar in Berlin kennen, in dem die Studentin ein Referat über Anarchismus hielt.

Walter Eucken starb am 20. März 1950 in einem Londoner Hotel an einem Herzinfarkt. Er sollte einige Gastvorlesungen an der London School of Economics halten und hoffte wohl insgeheim, damit auch Zugang zu den akademischen Zirkeln des angelsächsischen Raums zu erhalten. Sein früher Tod hingegen führte dazu, dass Eucken international trotz seiner großen Bedeutung für Deutschland vergleichsweise unbekannt blieb.

Auch an den deutschen Universitäten ist die Bedeutung der Ordnungspolitik zuletzt stetig gesunken, viele Lehrstühle für Wirtschaftspolitik wurden mit mathematisch orientierten Wissenschaftlern besetzt. „Vielerorts haben Theoretiker das Kommando übernommen“, kritisiert Lars Feld, Mitglied der fünf Wirtschaftsweisen und Direktor des 1954 gegründeten Eucken Instituts in Freiburg. Der Ökonom fordert eine Renaissance der Ordnungspolitik, und dies nicht nur an den Hochschulen. Feld: „Ich empfehle allen Politikern, sich Euckens ,Grundsätze der Wirtschaftspolitik‘ unters Kopfkissen zu legen.“

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