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Hans-Werner Sinn "Wir können den Sozialstaat nicht für die ganze Welt öffnen"

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"Die deutschen Sparer werden heimlich enteignet"

Halten Sie auch ihre Kritik an den Euro-Rettungsschirmen aufrecht oder urteilen Sie rückblickend milder?

Für Milde gibt es keinen Anlass. Hier werden Marktprozesse ausgeschaltet, weil die Politik Schulden durch gemeinsame Rettungsschirme sozialisiert. Das drückt künstlich die Risikoprämien der Anleihen von Schuldenstaaten nach unten – und die Länder können sich auch weiterhin munter verschulden. Der von Angela Merkel gefeierte Fiskalpakt ist ein Rohrkrepierer. Der Hang zur Verschuldung lässt sich durch politische Vereinbarungen nicht bremsen. Der Bremsversuch macht Deutschland nur zum Bösewicht, der angeblich anderen eine Austeritätspolitik vorschreibt und sie in die Arbeitslosigkeit treibt. Ohne die gemeinsame Haftung müsste jeder selbst versuchen, den Gläubigern mehr Geld zu entlocken, etwa indem er sein Tafelsilber als Sicherheit bietet. Dann käme er von ganz allein zur Vernunft.

Ökonomie-Vorlesung: Hans-Werner Sinn im Gespräch mit den WirtschaftsWoche-Redakteuren Bert Losse (Mitte) und Malte Fischer Quelle: Wolf Heider-Sawall für WirtschaftsWoche

Was heißt das für die EZB? Kann sie die Zinsen je wieder erhöhen oder ist der politische Druck zu stark?

Formal besitzt die EZB die nötige Unabhängigkeit. In der Praxis wird das schwer werden. Wie weit kann sich ein nationaler Notenbanker von den Verhältnissen in seinem Heimatland frei machen? Einige Politiker und Notenbanker aus den überschuldeten Ländern würden die Zinsen am liebsten sogar in den negativen Bereich drücken, um die Gläubiger zur Kasse bitten zu können. Zum Glück schützt uns die Existenz des Bargeldes davor.

Ist die EZB-Strategie richtig, die Inflationsrate zu erhöhen?

Da der Süden zu teuer geworden ist, muss er nun bei der Inflation hinter Deutschland zurückbleiben, und das geht am einfachsten, wenn die durchschnittliche Inflation steigt. Deutschland muss also quasi versuchen, das Preisniveau der vorausgelaufenen Südländer wieder einzuholen, damit diese Länder wieder wettbewerbsfähig werden. Das ist die ökonomische Rationalität, die ich hinter dem QE-Programm der EZB vermute. Man kann sich ihr nicht ganz verschließen.

Neun Klischees über die EU – und die Wahrheit dahinter

Und die deutschen Sparer werden enteignet.

So ist es. Da die Schuldner in Südeuropa ihre Verbindlichkeiten so oder so nicht zurückzahlen werden, sehen viele diese heimliche Enteignung durch Inflation als den sozialverträglichsten Weg, den Euro, Südeuropa und Frankreich zu retten.

Wenn Sie ihre wissenschaftliche Arbeit Revue passierter lassen: Wo haben Sie sich als Ökonom geirrt?

Beim Euro. Am Anfang war ich ein klarer Befürworter. Zum Glück habe ich das nicht publiziert.

Gegner werfen ihnen weit mehr Fehleinschätzungen vor. Das Handelsblatt etwa bezeichnete Sie als „falschen Propheten“ und führte einige bekannte Ökonomen als Kritiker gegen Sie ins Feld...

...aber die Aufmachung war schärfer als der Inhalt. Manches Argument der Kollegen war keine Fundamentalkritik, sondern eine Auseinandersetzung mit Details, wie sie in unserer Wissenschaft nicht unüblich ist. Manches richtete sich gegen ein Zerrbild, dass man sich selbst gemalt hatte. Ein Kollege hat sich bei mir entschuldigt. Ich fand es bemerkenswert, dass das Handelsblatt fast den gleichen Titel vorher zu Keynes gemacht hat. Während das Blatt mir fünf Irrtümer attestierte, hatte es ihm sogar sieben vorgeworfen. Keynes war halt produktiver.

Wie stehen Griechenland, Spanien und Co. da?
Bruttoinlandsprodukt, BIP, Griechenland, niedrigsten Stand, Spanien, Irland, Portugal, Wirtschaftskraft, Level
Die Lohnstückkosten sind in Griechenland, Irland und Spanien vergleichbar hoch. Für Griechenland senkt das die Wettbewerbsfähigkeit im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung deutlich herab.
Griechenland, Spanien Arbeitslosigkeit, jeder vierte Erwerbsfähige ohne Arbeit, Portugal, Irland Krise, Anstieg, Eindämmung
Alle vier Länder haben den Abbau der Staatsausgaben verbessert. Besonders Griechenland war hier auf einem guten Weg, bis im Januar Syriza an die Macht kam.
Mit dem Abbau der Staatsverschuldung haben alle vier Länder noch ein Problem und sind noch weit entfernt von einem akzeptablen Stand. Am besten schlagen sich hier Spanien und Irland.
Krisenfolgen, Auflagen, Wende, Irland, Spanien, Portugal, Konjunktur, Reformen, Griechenland, Krise

Haben Sie je Druck aus der Politik verspürt?

Eigentlich nicht.

Gerlinde Sinn: Na, es gab zumindest einen Fall. Da wurde uns zugetragen, dass Hans-Werners Aussagen in politischen Kreisen auf wenig Wohlgefallen gestoßen seien – und er mit negativen Konsequenzen für seine Karriere rechnen müsse.

Hans-Werner Sinn: Okay, das war’s dann aber auch. Das war lange vor der ifo-Zeit, als es um die Wiedervereinigung ging.

Die meisten Ökonomen werden vom Staat finanziert, auch die großen Forschungsinstitute. Hat man da eine Schere im Kopf, um nicht anzuecken?

Man muss schon überlegen, was man sagt, denn man hat eine Verantwortung. Aber ich schneide nicht viel weg, schon gar nicht, um Politikern zu gefallen. Wenn ich mich äußere, dann bin ich mir meiner Sache sicher. Das ifo Institut ist wirtschaftlich und wissenschaftlich stark und wird durch die Leibniz-Gemeinschaft geschützt. Uns kann so leicht keiner was ans Zeug flicken.

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