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Hans-Werner Sinn "Wir können den Sozialstaat nicht für die ganze Welt öffnen"

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"Man muss als Ökonom einfach formulieren. Sonst wird man nicht verstanden"

Frau Sinn, an einigen Büchern und Aufsätzen haben Sie mitgearbeitet. Sie sind der Sparringspartner Ihres Mannes, der seine Thesen überprüft?

Gerlinde Sinn: Sparringspartner ist nicht der richtige Ausdruck. Ich bin der Familien-Joker mit Multitasking-Funktion. Mein Mann und ich haben uns im Studium in Münster kennengelernt. Nach dem Studium ging ich als Assistentin an die Universität Dortmund, mein Mann blieb als Assistent in Münster. Später gingen wir zusammen nach Mannheim. Als unsere drei Kinder kamen, wurde es schwierig, Familie und Karriere unter einen Hut zu bekommen. Aber ja, wir unterhalten uns viel über seine Forschung.

Gerlinde Sinn ist Volkswirtin und hat mit ihrem Mann das viel beachtete Buch

Haben Sie der Wissenschaft den Rücken gekehrt?

Gerlinde Sinn: Nicht ganz. Anfang der Neunzigerjahre habe ich mit meinem Mann zusammen das Buch „Kaltstart“ geschrieben, in dem wir die Probleme der Wiedervereinigung analysierten. Heute bin ich als Dozentin tätig und halte an der Universität München Vorlesungen für Lehramtskandidaten in Wirtschafts- und Sozialpolitik.

Wie sehen Sie die Lage in Ostdeutschland heute?

Gerlinde Sinn: Leider haben wir uns in den wesentlichen Punkten nicht geirrt. Die Hauptthese war, dass die vorauseilende Lohnentwicklung, die unter dem Einfluss und im Interesse westdeutscher Tarifpartner durchgeboxt wurde, bevor die Treuhand-Betriebe privatisiert waren, die Konvergenz behindern würde. In der Tat haben wir seit fast 20 Jahren keine wirkliche Konvergenz mehr.

Herr Sinn, kränkt es Sie eigentlich, dass Sie nie in den Sachverständigenrat berufen wurden?

Nein, wie kommen Sie darauf? Ich habe stets signalisiert, dass ich keine Möglichkeit sah, das mit der Leitung des ifo-Instituts, des CESifo-Netzwerks und meines Uni-Instituts, des CES, zu vereinbaren.

Vielleicht lag es ja auch daran, dass kaum ein anderer Ökonom in Deutschland so stark polarisiert wie Sie. Ihre Kritikergemeinde ist groß, die BILD-Zeitung hingegen nennt sie „den klügsten Professor“ des Landes ...

Als ich das mitbekam, habe ich mich geärgert und das Blatt gebeten, diese Bezeichnung zu unterlassen. Und was die Kritiker angeht: Ja, ich spreche eine klare Sprache und stehe für einen klaren marktwirtschaftlichen Kurs. Das deckt sich nicht mit der Befindlichkeit vieler Medienvertreter. Ihre Kollegen sind ja größtenteils Menschen, die etwas anderes als Volkswirtschaft studiert haben und unsere Argumente als provokant empfinden. Man muss aber als Ökonom – ohne dass es falsch wird – einfach formulieren können. Sonst wird man nicht verstanden, und sonst hat man es auch selbst vielleicht nicht verstanden.

Wie würden Sie sich selber charakterisieren?

(überlegt lange) Ernsthaft. Hartnäckig. Jemand, der gelernt hat, die Zähne zusammenzubeißen.

Sind Sie auch streitsüchtig?

Überhaupt nicht. Wie kommen Sie darauf?

Weil man das Gefühl hat, dass Sie zu besonderer Hochform auflaufen, wenn Sie provozieren können und scharfer Gegenwind einsetzt.

Als Wissenschaftler liebe ich nun einmal den wissenschaftlichen Disput, durchaus mit Emotion; es darf nur nie persönlich werden.

In einem Ökonomen-Blog heißt es über Sie: „Sinn entwirft mit Vorliebe düstere Untergangsszenarien, die sich nur durch größtmöglich radikale Reformen abwenden lassen.“ Erkennen Sie sich wieder?

Das war einer dieser linken Ökonomen-Hasser. Aber gibt eine bemerkenswerte Analogie zwischen Ökonomen und Ärzten. Die Medizin beschäftigt sich auch weniger mit dem gesunden Körper als mit Krankheiten. Man macht eine Diagnose und entwickelt eine Therapie. Die Diagnose ist meistens nicht erbaulich.

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