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Heiko Stiepelmann „Angst vor der nächsten Konjunkturdelle“

Dr. Heiko Stiepelmann ist der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Verbands Die Deutsche Bauindustrie. Quelle: Presse

Das Baugewerbe boomt, viele Unternehmen arbeiten an ihrem Limit. Wie die Branche der Auftragsflut Herr werden will - und wo Probleme lauern, erklärt Heiko Stiepelmann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Deutschen Bauindustrie.

Herr Stiepelmann, es fällt privaten, öffentlichen und gewerblichen Bauherren immer schwerer, Bauhandwerker und Bauunternehmen für ihre Aufträge zu finden. Warum reagiert die Baubranche nicht auf die wachsende Nachfrage?
Sie reagiert doch. Neue Mitarbeiter werden eingestellt. Inzwischen arbeiten 812.000 Beschäftigte in der Baubranche. Es gibt auch mehr Auszubildende. Und zusätzliche Gerätekapazitäten werden gerade aufgebaut. Mehr als ein Viertel der Bauunternehmen plant derzeit Investitionen zum Zweck von Kapazitätserweiterungen. Allein im Januar hat der Umsatz der Baubetriebe mit 20 und mehr Beschäftigten nominal um 21,3 Prozent zugelegt. Das zeigt die hohe Dynamik in der Branche.

Mit 85 Prozent Auslastung sind die Unternehmen inzwischen nah am Limit.
Wir haben eine hohe, aber im Vergleich zu anderen Branchen des verarbeitenden Gewerbes keine außergewöhnliche Auslastungssituation. Das erscheint nur so, weil die Baubranche seit 1995 in einem langanhaltenden Tief steckte. Wir hatten Jahr für Jahr Rückgänge. Die Zahl der Beschäftigten lag mal bei 1,4 Millionen und war auf 700.000 zurückgegangen. Lange Zeit konnten die Auftraggeber die Firmen auf die Preisuntergrenze drücken.

Jetzt hat sich der Markt zugunsten der Auftragnehmer gedreht. Aber sowohl bei Maschinen als auch bei Arbeitskräften ist kapazitätsmäßig noch Luft. Bei Kapazitätserweiterungen muss die Branche jedoch mit Augenmaß vorgehen, weil zu große Kapazitäten bei der nächsten Konjunkturdelle nicht mehr ausgelastet würden. Davor haben die Unternehmen mit Recht Angst. Zumal wir in der Bauwirtschaft vor einer Digitalisierungswelle stehen, die mittelfristig die Arbeitsproduktivität deutlich erhöhen wird.

Woran fehlt es aktuell denn vor allem? An qualifizierten Führungskräften, an hiesigen Fachkräften oder an noch mehr Subunternehmern aus Polen und Osteuropa, die die eigentliche Drecksarbeit auf den Baustellen machen?
Fachkräfte sind derzeit zweifellos knapp. Deshalb bilden viele Unternehmen inzwischen wieder mehr Nachwuchskräfte aus. Weitere Fachkräfte werden aus unseren europäischen Nachbarstaaten angeworben. Ja, und es werden auch wieder mehr ausländische Nachunternehmen eingesetzt. Da hilft uns der europäische Binnenmarkt. Im Übrigen: Auch diese Unternehmen können Qualitätsarbeit leisten. Wir sollten deren Arbeit nicht mit dem Wort „Drecksarbeit“ abqualifizieren. Jede Arbeit hat ihren Wert, auch wenn man sich dabei dreckig macht.

Manager von Bau-Unternehmen mit Milliarden-Umsatz sagen uns, dass sie frühestens in einem halben Jahr auf neuen Baustellen die Arbeit aufnehmen können und dass sie auch Aufträge ablehnen. Die Bauwirtschaft wird zum Nadelöhr für die Entwicklung anderer Branchen.
Auch wir hören natürlich von Lieferfristen. Für mich ist dies aber eher Teil des Normalisierungsprozesses am Baumarkt. Auch andere Branchen kennen Lieferfristen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Markt total ausgequetscht ist. Dann müsste der Preisauftrieb viel stärker sein als er ist. Wie gesagt: Es stimmt, dass sich der Markt gedreht hat. Gott sei Dank! Die Branche ist aber noch in der Lage, ihre Aufträge abzuarbeiten. Die Unternehmen sind aber anders als in der Vergangenheit nicht mehr gezwungen, jeden Auftrag – seien die Konditionen auch noch so schlecht – anzunehmen, allein um die Kapazitäten auszulasten.

Gerade die Kommunen stöhnen, dass sich an Ausschreibungen für öffentliche Aufträge oft keine Unternehmen beteiligen oder nur ein oder zwei Anbieter zu überhöhten Preisen. Der Sanierungsstau bei Schulen und Straßen wird dadurch immer größer.
Wenn es nicht vergebene Aufträge gibt, dann wohl im öffentlichen Hochbau. Viele Bauunternehmen übernehmen in der Tat lieber private und gewerbliche Aufträge als öffentliche.

Warum?
Weil die öffentliche Auftragsvergabe kompliziert und aufwändig ist. Will ein öffentlicher Auftraggeber bei der Vergabe nicht dem billigsten, sondern einem teureren, aber insgesamt wirtschaftlicheren Angebot den Zuschlag geben, muss dies in ellenlangen Vermerken begründet werden. Dann bleibt man doch lieber gleich bei der Vergabe an den Billigsten. Zudem ist es für Unternehmen, die sonst als Generalunternehmer fungieren, nicht attraktiv, sich an öffentlichen Projekten zu beteiligen, wenn diese in möglichst kleinen Teillosen aufgesplittet werden müssen. Gleichzeitig ist es für die Bauunternehmen schwieriger, wie im privaten Bereich langfristige Geschäftsbeziehungen aufzubauen. Was man bei einem früheren Auftrag gut gemacht hat, spielt bei der nächsten Ausschreibung nicht die entscheidende Rolle. Und: in der Vergangenheit hatte die öffentliche Hand stets die schlechtere Zahlungsmoral.

Was folgt daraus?
Partnerschaftsmodelle wie bei gewerblichen Bauaufträgen brauchen wir auch im öffentlichen Sektor. Die in Deutschland noch immer vorherrschende Trennung von Planen und Bauen muss überdacht werden. Der Vorrang der Fach- und Teillosvergabe gegenüber der Generalunternehmervergabe muss gelockert werden. Es ist für alle von Vorteil, wenn Bauunternehmen enger in die Planung von Bauprojekten einbezogen werden und – wenn gewünscht – auch die Instandhaltung leisten.

Wirkt die Bauindustrie im Moment als Konjunkturbremse und verhindert einen stärkeren Aufschwung?
Wir sind keine Konjunkturbremse. Wir treiben die Konjunktur sogar an, denn die Bauwirtschaft wächst ja überdurchschnittlich.

Und wenn der von den USA ausgehende Handelskrieg die Konjunktur kippen lässt?
Dann würde das zuerst der Wirtschaftsbau spüren: Autoindustrie und Zulieferer etwa bremsen ihre Investitionen, Aufträge werden storniert. Noch ist davon aber nichts zu spüren.

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