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Historie Der Inflation schutzlos ausgeliefert

In den vergangenen 1000 Jahren rollten vier große Inflationswellen über Europa. Die Menschen waren ihnen meist schutzlos ausgeliefert.

5-Milliarden-Mark-Schein aus den Zwanzigerjahren Quelle: Roger Zenner

„Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker, der hatte nicht viel zu brechen und zu beißen. Als große Teuerung über das Land kam, konnte der Vater seine Kinder nicht mehr nähren“, heißt es in „Hänsel und Gretel“. Das Märchen stammt aus der Zeit der dritten großen Inflationswelle in Europa, die etwa von 1720 bis 1820 dauerte.

Damals überzogen Herrscher wie Napoleon den Kontinent mit Kriegen; um ihre Heere zu finanzieren, machten sie Schulden; als diese aus dem Ruder liefen, druckten sie Geld. Der US-Historiker David Fischer hat vier große Inflationsschübe der vergangenen 1000 Jahre identifiziert und sie untersucht. Dabei konnte er Millionen von Preisdaten auswerten.

Gute Quellenlage

„Nirgends ist die Quellenlage besser als bei Preisen; schon die Sumerer haben sie auf Tontafeln fixiert“, sagt er. Sein Fazit: Immobilien eigneten sich zwar prinzipiell als Mittel des Werterhalts. Aber nur, wenn die mit Inflation oft einhergehenden Krisen nicht zu Unruhen eskalierten; dann wechselten viele Liegenschaften zwangsweise den Besitzer. Außerdem weist Fischer nach, dass die Preise in Hochinflationszeiten sehr selektiv stiegen: Einige fast gar nicht, andere verdoppelten sich in Jahresfrist.

So wie heute Benzin schneller teurer wird als Computer, kletterten schon in der ersten Inflationswelle ab etwa 1180 die Preise für Holz und Holzkohle extrem, die für Nahrung und Land stark; in Manufakturen hergestellte Kleidung oder Werkzeug wurden kaum teurer, wie Fischer anhand von Markt- und Steuerlisten aus England und Flandern belegt.

Nahrungsmittelknappheit durch Bevölkerungswachstum

Diese erste Preiswelle wurde durch Bevölkerungswachstum ausgelöst, mit dem die Nahrungsmittelerzeugung nicht Schritt hielt. Die Realeinkommen der meisten fielen schnell, denn durch den Kinderreichtum war Arbeitskraft nicht knapp. Immobilien waren nur für jemanden eine Wertaufbewahrung, der seinen Besitz verteidigen konnte.

Gold und Silber konnte man immerhin verstecken. Im Spätmittelalter ab etwa 1350 fielen die Preise europaweit wieder. Hungersnöte, Kriege und Pest sorgten ab 1300 für schwindende Bevölkerung, Wirtschaft und Preise: Deflation. Diese wurde befeuert durch Geldknappheit: In den unruhigen Zeiten davor hatten viele ihre Gold- und Silbermünzen vergraben.

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