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Hyperinflation Warum eigentlich ...können ausufernde Staatsschulden zu einem Inflationsschock führen?

Hohe Inflationsraten gibt es nicht nur in Simbabwe. Auch in Deutschland ließ von 1919 bis 1923 eine Hyperinflation breite Teile der Bevölkerung verarmen.

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Ein Haufen Geld aus Simbabwe, Quelle: REUTERS

Es ist der Albtraum aller Notenbanker: 200.864.125.034.589 Prozent Inflation – gemessen in Simbabwe 2008. Nie zuvor hat es auf der Welt eine so hohe Inflationsrate gegeben. Gleichzeitig schoss das Haushaltsdefizit in dem von Diktator Robert Mugabe ruinierten Land auf 19 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in die Höhe.

Die unheilvolle Kombination von explodierenden Schulden und rasanter Geldentwertung ist keine afrikanische Spezialität. Von 1919 bis 1923 etwa ließen in Deutschland Hyperinflation und steigende Staatsschulden breite Teile der Bevölkerung verarmen. Auch in anderen Ländern zeigte sich immer wieder, dass steigende Staatsschulden mit höherer Geldentwertung einhergehen. Deshalb blicken Ökonomen mit Skepsis auf die sprunghaft steigende Kreditaufnahme des Staates in den Industrieländern.

Rund um den Globus haben die Regierungen riesige Konjunkturprogramme aufgelegt, um eine Depression zu verhindern. Die Löcher im Staatshaushalt stopfen die Politiker mit Krediten, die sie am Kapitalmarkt aufnehmen. Nach Schätzung von Barclays Capital werden die USA, die Länder der Euro-Zone, Japan und Großbritannien 2009 Anleihen im Volumen von 3,6 Billionen Dollar emittieren – 800 Milliarden Dollar mehr als 2008. Ökonomen fürchten, dass dies mittelfristig die Inflation anheizt.

Staatsverschuldung und Inflation haben zunächst wenig miteinander zu tun

Dabei haben Staatsverschuldung und Inflation zunächst einmal wenig miteinander zu tun. Ob und wie stark die Preise in einer Volkswirtschaft steigen, ist abhängig davon, wie viel Geld die Notenbank in Umlauf bringt. Steigt die Geldmenge nur so stark wie das Produktionspotenzial – also die Menge an Gütern und Dienstleistungen, die die Wirtschaft bei normaler Auslastung ihrer Kapazitäten produzieren kann –, so bleiben die Güterpreise konstant. Erst wenn die Geldmenge stärker zulegt als das Produktionspotenzial, klettern die Preise.

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    Weitet die Notenbank die Geldmenge potenzialorientiert aus, kann auch eine höhere Staatsverschuldung die Verbraucherpreise nicht in die Höhe treiben. Ein Beispiel dafür ist Japan: Schon seit 1993 klettern die Defizite im Staatshaushalt, von 2000 bis 2005 lag die Defizitquote im Schnitt bei sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die zusätzlichen Kredite, die die Regierung aufnahm, haben die Staatsverschuldung von knapp 74 Prozent des BIPs 1993 auf zuletzt rund 173 Prozent in die Höhe getrieben. Trotzdem blieb die Inflation gering, von 1999 bis 2005 sank das Preisniveau sogar. Die Banken hielten sich bei der Vergabe neuer Kredite zurück, die Geldmenge wuchs kaum noch.

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    Dass höhere Staatsschulden – anders als in Japan – trotzdem häufig mit höherer Inflation einhergehen, liegt daran, dass Zentralbanken die Staatsschulden „monetisieren“. Sie kaufen – nicht selten auf Geheiß der Regierung – vom Staat emittierte Anleihen und stellen der Regierung so frisches Geld zur Verfügung. Die zusätzliche Liquidität treibt dann die Preise in die Höhe. Das war auch im Deutschen Reich während des Ersten Weltkriegs der Fall. Um die Armee zu finanzieren, gab die Regierung Kriegsanleihen aus, die die Notenbank kaufte.

    Nachdem Deutschland den Krieg verloren hatte, ratterte die Notenpresse noch schneller, denn die Regierung finanzierte die Reparationszahlungen an das Ausland mit frisch gedrucktem Geld. Die Folge war eine Hyperinflation, die erst im November 1923 durch eine Währungsreform beendet wurde. Diese negativen Erfahrungen veranlassten viele Länder nach dem Zweiten Weltkrieg, ihren Regierungen den Zugriff auf die Geldpresse zu entziehen, die Notenbanken in die Unabhängigkeit zu entlassen und den Währungshütern die Finanzierung des Staatshaushalts durch Geldschöpfung zu verbieten.

    Im Zuge der Finanzkrise geraten diese Grundsätze jedoch ins Wanken. So erwägt die US-Notenbank, direkt Staatsanleihen zu kaufen. Damit wollen die Währungshüter die Kurse stützen und die Effektivzinsen senken. Weil viele Kreditzinsen an der Rendite von Staatsanleihen ausgerichtet sind, würde dies die Kredite für Unternehmen und Verbraucher verbilligen. Faktisch bedeutet das, dass US-Präsident Barack Obama das Geld für sein Konjunkturprogramm direkt aus der Notenpresse erhält.

    Solange sich die Wirtschaft in der Krise befindet und die Banken sich bei der Kreditvergabe zurückhalten, hat diese Geldschöpfung keine inflationstreibende Wirkung. Doch sobald die Konjunktur anzieht, muss die Fed das zusätzliche Geld aus der Wirtschaft absaugen, um einen Anstieg der Inflation zu verhindern. Ökonomen fürchten, dass dieser Kurswechsel misslingt: Die Regierung könnte die Notenbank unter Druck setzen, ihre Zinsen niedrig zu halten und mehr Inflation zu akzeptieren, denn höhere Geldentwertung verringert die reale Schuldenlast des Staates. Allerdings: Langfristig nutzt dem Staat höhere Inflation nicht viel. Sie treibt die Zinsen am Kapitalmarkt in die Höhe – und macht neue Kredite teurer.

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