IEA warnt "Billiges Öl ist kein sicheres Öl"

In den vergangenen 15 Monaten hat sich der Ölpreis halbiert und ist dann noch weiter gesunken. Aber das kann sich schnell umkehren, sagt die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrer neuen Vorausschau auf die künftige Marktentwicklung.

Ölförderung Quelle: dpa

Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn es um die Zukunft geht. Die stets bestens informierten Experten der Internationalen Energieagentur wissen das nur zu genau. Seit vielen Jahren publiziert ihre Organisation, eine Tochter der Industrieländer-Organisation OECD, den „World Energy Outlook“. Immer sind die Trends richtig beschrieben. Aber niemals wurden die großen, dramatischen Veränderungen am Ölmarkt und beim Ölpreis auch nur halbwegs exakt prognostiziert.

Das war Ende 2007 so, bevor der Ölpreis im Sommer darauf geradezu explodierte, um wenige Wochen danach im Zeichen der Weltfinanzkrise abzustürzen. Das war 2013 so, dem Jahr vor dem grandiosen Ölpreisabsturz, der immer noch andauert. Und auch 2014, als die IEA akribisch die gegenläufigen Trends analysierte, deren Auswirkungen freilich bis heute ausblieben.

Diese Produkte müssten billiger sein
Öl ist momentan so billig wie lange nicht. Zwar hat sich der Preis zuletzt etwas stabilisiert, im vergangenen Jahr im Juni war Öl aber noch rund 40 Prozent teurer. Quelle: dpa
An der Tankstelle hat sich der Preissturzes beim Öl bereits ausgewirkt, Diesel und Benzin sind deutlich günstiger geworden. Allerdings nicht so stark wie es möglich gewesen wäre... Quelle: dpa
Die Verbraucherzentrale hat eine Studie in Auftrag gegeben, um zu untersuchen, wie stark Verbraucher von den niedrigeren Ölpreise profitiert haben. Ergebnis: Bei vielen Produkte war der Effekt gering. „Allein an der Tankstelle und beim Heizen hätte ein durchschnittlicher Haushalt etwa 15 Euro im Monat sparen können, wenn die gesunkenen Rohstoffpreise vollständig weitergegeben worden wären“, sagt Klaus Müller, Vorstand der Verbraucherzentrale Bundesverband. Und auch bei anderen Produkten kam vom Ölpreissturz nur wenig bei Verbrauchern an. Quelle: dpa
Der Preis für einen Liter Bier hätte zum Beispiel zwischen Januar 2014 und Januar 2015 um 14 Cent sinken können, hat das Hamburger Forschungsbüro Energy Comment, das die Studie für die Verbraucherzentrale erstellt hat, berechnet. In Wirklichkeit stieg der Preis für Bier in diesem Zeitraum sogar. Quelle: dpa
Uncle Ben’s Express Nasi Goreng (Mars) Quelle: AP
Bei Laptops, die meistens in Asien gefertigt werden, sollten sich eigentlich auch die niedrigeren Transportkosten bemerkbar machen: Um 1,68 Euro hätte der durchschnittliche Preis für einen Laptop laut Verbraucherzentrale sinken sollen. Quelle: dpa
Eine 1,5 Kilogramm-Packung Teelichter hätte 29 Cent billiger sein können. Auf den ersten Blick sind das zwar nur kleine Beträge, auf ein Jahr gesehen können sie aber trotzdem einen Unterschied machen. „2014 sind dadurch ungerechtfertigte Mehrkosten von rund 100 Euro pro Haushalt entstanden“, sagt etwa Nicole Maisch, verbraucherpolitische Sprecherin der Grünen. Quelle: dpa
Besonders deutlich wird der Effekt des niedrigen Ölpreises bei Flugreisen. Ein Ticket für Hin- und Rückflug von Frankfurt nach Sydney könnte 260 Euro günstiger sein. Stattdessen sind die Flugpreise laut Verbraucherzentrale leicht gestiegen. Quelle: dpa

Und trotzdem: Ganz langfristig haben die Erdöl-Gurus von der IEA früher oder später von der Wirklichkeit Recht bekommen, und darum lohnt sich der Blick in den neuen Energy Outlook, der sich glücklicherweise über Erwartungen für die nahe Zukunft weitgehend ausschweigt.

Fatih Birol, der aus Ägypten stammende Chef der IEA, ist ein kluger und vor allem vorsichtiger Mann. Und zur Vorsicht ruft er auch die weltwirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Akteure auf: “Es wäre ein schwerer Fehler“, sagte er bei der Vorstellung des Report in London, „die Aufmerksamkeit für unsere Energiesicherheit von Veränderungen des Ölpreises abhängig zu machen.“ Will heißen: Billiges Öl bedeutet keineswegs sicheres Öl: „Jetzt ist keine Zeit zum Entspannen, ganz im Gegenteil: eine Zeit niedriger Ölpreise ist der Moment, in dem wir für zukünftige Bedrohungen vorsorgen sollten.“

Wer vom billigen Öl profitiert – und wer verliert
Jemand arbeitet an einer Tragfläche eines Flugzeugs Quelle: PR
Autos Quelle: AP
Jemand greift nach Körperpflegeprodukten in einem Regal Quelle: REUTERS
Containerschiff Quelle: dpa
Lastwagen der Deutschen Post Quelle: dpa
Packungen mit Medikamenten Quelle: dpa
Anlage mit Tank, auf dem BASF steht Quelle: dpa
Ein Mann steht vor einem BP-Logo Quelle: dpa
Kreml und Kirche in Moskau Quelle: dpa
Fracking-Anlage Quelle: dpa

Birol und seine Kollegen haben herausgefunden, dass der niedrige Ölpreis jetzt schon dazu geführt hat, dass weltweit viel weniger, in manchen wichtigen Ländern auch gar nicht mehr in die Ölförderung investiert wird. Der derzeitige Preis steigert die weltweite Nachfrage und lässt vor allem das Angebot tendenziell sinken.

Darum traut sich die IEA mittelfristig sogar – mit vielen Einschränkungen, was alles da noch passieren könnte – eine Preisprognose zu: Um die 80 Dollar im Jahr 2020, ungefähr 60 Prozent mehr als heute.

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Was eigentlich für niemanden tragisch wäre, sähe die IEA nicht eine dramatische Verschiebung am Markt voraus: Wegen des niedrigen Preises seit 2014 seien auch noch 2020 viele derzeitige Anbieter vom Markt verschwunden – und zwar alle, bei denen die Förderung echtes Geld kostet: die Nordsee-Anrainer (deren Vorräte sowieso zur Neige gehen), Russland mit den meisten seiner Ölfelder, Kanada... am Ende bleiben fast nur noch die Opec-Staaten, weil die Ölförderung aus dem arabischen Wüstensand so unschlagbar billig ist. Sollte es nicht zu einer schnellen Preisanpassung nach oben kommen, wäre die Welt wieder ganz abhängig von Importen aus dem Nahen Osten – eine Kalamität, wie sie es zuletzt in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts gab, meint die IEA.

Und wie die Europäer und Nordamerikaner vor vier Jahrzehnten, wären dann – schon in wenigen Jahren – die wachsenden Volkswirtschaften im Osten und Süden Asiens die Leidtragenden. „Das wachsende Asien“, schreiben die IEA-Experten, „wird 2040 das wichtigste Nachfragezentrum für jeden Bestandteil des Energiemix sein: für Öl, Erdgas, Kohle, erneuerbare Energieträger und Kernkraft.“

Wirtschaftliche und politische Konflikte sind da zu erwarten. Jedenfalls, wenn sich die Welt halbwegs so entwickelt, wie die IEA das erwartet: 2040 wird der gesamte Energiebedarf der Menschheit um ein Drittel höher sein als 2013. Solche Voraussagen sind erfahrungsgemäß viel vertrauenswürdiger als Preisprognosen.

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