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IMD-Chefvolkswirt Christos Cabolis „Deutschland neigt zur Selbstgefälligkeit“

Ein Kran transportiert eine kochende Stahlpfanne. Quelle: dpa

Deutschland verliert an Wettbewerbsfähigkeit, meint Christos Cabolis, Chefvolkswirt am International Institute for Management Development, und erklärt, woraus dieser Verlust resultiert.

Herr Cabolis, die Konjunktur in Deutschland verliert an Schwung, viele Unternehmen kritisieren, die Regierung tue zu wenig für den Standort. In Ihrem Ranking zur Wettbewerbsfähigkeit von Ländern ist Deutschland innerhalb von vier Jahren von Rang 6 auf Rang 15 abgerutscht. Was ist los mit Deutschland?
Christos Cabolis: Wettbewerbsfähigkeit ist die Fähigkeit eines Landes, Rahmenbedingungen zu schaffen, innerhalb derer der private Sektor nachhaltig Wohlstand schafft. Das IMD berücksichtigt bei seinem Länder-Ranking vier Faktoren: Die makroökonomische Entwicklung, die Effizienz der Politik, die Infrastruktur und die Effizienz der Unternehmen. Dass Deutschland in unserem Ranking auf den 15. Platz abgerutscht ist, hat vor allem mit der nachlassenden Effizienz in Politik und Unternehmen zu tun. Günstiger sieht es für Deutschland in Teilen der Infrastruktur und bei der makroökonomischen Entwicklung aus.

Können Sie das etwas näher erläutern?
Was die makroökonomische Situation betrifft, so stärken die hohe Beschäftigung und die kräftige Binnennachfrage die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft. Bei der Infrastruktur kann Deutschland mit seinem gut ausgebauten Gesundheitswesen sowie dem Umweltschutz punkten. Auch die Forschungsinfrastruktur kann sich im internationalen Vergleich sehen lassen. Hingegen ist Deutschlands Bildungswesen im internationalen Vergleich nur Mittelmaß. Auch der Zustand von Straßen, Brücken und Schienen lässt zu wünschen übrig.

Unternehmen klagen, die Steuerlast sei zu hoch. Übertreiben sie?
Die Abgabenlast ist in der Tat hoch und zieht Deutschlands Gesamtranking stark nach unten. Bei der Belastung von Arbeitnehmern mit Sozialversicherungsabgaben liegt Deutschland auf Platz 59 von 63 untersuchten Ländern. Bei der Einkommensteuer liegt das Land auf Platz 57 und bei der Gewinnsteuerbelastung der Unternehmen auf Platz 53. Dazu kommt, dass in keinem der von uns untersuchten Länder die Menschen so wenig arbeiten wie in Deutschland, was nicht zuletzt auf das hohe Maß an Teilzeit zurück zu führen ist.   

Die Bundesregierung rollt derzeit die Agenda-2010-Reformen zurück und die SPD distanziert sich von den Hartz-Gesetzen.
Erfolgreiche Länder neigen zu Selbstgefälligkeit. Deutschland ist ein Land mit einem hohen Wohlstandsniveau. Aber es steht vor großen Herausforderungen, vor allem weil seine Bevölkerung rasch altert. Die von uns befragten Manager blicken skeptisch in die Zukunft für Deutschland. Dazu kommt die hohe Abhängigkeit des Landes vom Export. Das kann sich schnell als Belastung erweisen, wenn das außenwirtschaftliche Umfeld kippt.   

Läuft Deutschland Gefahr, wieder der kranke Mann Europas zu werden wie Anfang der 2000er Jahre?
Deutschland verfügt über stabile politische Rahmenbedingungen und stabile Institutionen. Zudem ist es eine offene Volkswirtschaft. Das wirkt sich positiv auf die Wettbewerbsfähigkeit aus. Auf der anderen Seite ist zu befürchten, dass die Knappheit an Arbeitskräften die Löhne und die Inflation nach oben treibt. Zusammen mit den hohen Steuern gefährdet dies die Attraktivität des Standorts Deutschlands. Allerdings sollte man Steuern nicht nur unter dem Aspekt der finanziellen Belastung sehen.

Sondern?
Es kommt auch darauf an, was die Unternehmen vom Staat für ihre Steuern bekommen. Schauen Sie sich Skandinavien an. Das sind fast alles Hochsteuerländer. Trotzdem schneiden sie in unserem Ranking gut ab, drei von ihnen befinden sich unter den Top 10. Steckt der Staat die Steuern in die Infrastruktur und das Bildungswesen, kann die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes durchaus steigen. Zudem korreliert die Wettbewerbsfähigkeit nicht unbedingt mit der Lebenszufriedenheit der Einwohner. So rangiert Brasiliens ziemlich weit unten bei der Wettbewerbsfähigkeit. Die Lebenszufriedenheit der Einwohner ist gleichwohl recht hoch.     

In Ihrem Ranking belegen Jahr für Jahr dieselben Länder die Top-Positionen, darunter die USA, Hongkong, Singapur und die Schweiz. Warum?
Ausschlaggebend für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes sind langfristig wirksame Faktoren. Die ändern sich nicht so schnell. Daher finden sich häufig jahrelang dieselben Länder auf den Top-Positionen. Allerdings sind Änderungen möglich.    

Inwiefern?
Vor rund 20 Jahren belegte Japan in jedem Jahr Spitzenpositionen. Heute finden Sie Japan nicht mehr unter den Top-10, das Land ist abgerutscht. Ein ähnliches Schicksal – wenn auch auf niedrigerem Niveau – haben Griechenland und Venezuela erlitten. Beide Länder sind im Laufe der Jahre in unserem Ranking nach unten gerutscht. Venezuela steht derzeit auf dem letzten Platz. Regierungen können viel falsch machen und einen Standort beschädigen. Allerdings kann ein Land auch abrutschen, wenn die Regierung nichts macht und die Hände in den Schoß legt wie in Deutschland, während andere Regierungen ihre Länder durch Reformen in Schwung bringen.     

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