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Inflation Achtung, Lohn-Preis-Spirale!

Überzogene Lohnforderungen könnten eine gefährliche Lohn-Preis-Spirale auslösen. Quelle: dapd

Die Inflation ist wieder da – und sie könnte sich als dauerhafter erweisen als viele erwarten. Doch es gibt einen Weg, das zu verhindern. Dieser dürfte allerdings nicht gerade populär sein. Ein Gastbeitrag.

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Wer in diesen Tagen ins Restaurant geht, den Friseur aufsucht oder in den Urlaub fährt, der muss nicht nur frühzeitig reservieren und buchen. Er sollte auch genügend Geld im Portemonnaie haben. Denn das Leben in Deutschland ist teurer geworden in den vergangenen Monaten. Und zwar deutlich. Im Juli lagen die Kosten der Lebenshaltung um 3,8 Prozent höher als im Vorjahresmonat. In den nächsten Monaten könnte die Teuerungsrate gar auf knapp fünf Prozent steigen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich dabei nur um einen kurzfristigen Inflationsbuckel handelt und sich die Teuerungsraten im nächsten Jahr wieder normalisieren, wovon etwa die Europäische Zentralbank (EZB) ausgeht, ist gering. Angesichts der guten Auftragslage dürften die Unternehmen den Kostendruck, der mit den Produktionsengpässen verbunden ist, in Form von Preissteigerungen an ihre Kunden weiterreichen, um so ihre Gewinnmargen zu stabilisieren. 

Die Verbraucherpreisinflation steigt daher nicht nur wegen höherer Energiepreise; sie wird auch aufgrund des deutlichen allgemeinen Anstiegs der Erzeugerpreise nach oben getrieben. Mit 8,5 Prozent ist die Erzeugerpreisinflation aktuell so hoch wie seit Anfang der Achtzigerjahre Jahre nicht mehr.

Der Unterschied ist allerdings, dass damals steigende Lohnkosten zu bedeutenden Preisanstiegen über alle Branchen führten; aktuell sind hingegen vor allem rohstoffnahe Branchen betroffen. Branchen mit hoher Wertschöpfung hingegen sind aktuell weniger berührt.

Nun besteht die Gefahr, dass infolge des erwarteten Anstiegs der Verbraucherpreisinflation auch die Lohnkosten Auftrieb erfahren, was den Inflationsdruck nicht nur in allen Industriebranchen befeuern würde, sondern auch im Dienstleistungssektor und damit in der gesamten Wirtschaft. Dann wäre die Situation vergleichbar mit derjenigen Anfang der Achtzigerjahre – und die Geldpolitik müsste gegensteuern. 

Die reale Kaufkraft sinkt 

Entscheidend ist also, ob die Unternehmen in der Lage sind, höhere Kosten für Vorprodukte in den Preisen weiterzureichen und ob die Arbeitnehmer daraufhin höhere Löhne durchsetzen können. Ist dies der Fall, droht eine Lohn-Preis-Spirale. Unterbrochen wird dieser Kreislauf nur durch eine sich abschwächende Nachfrage, die Margendruck und steigende Arbeitslosigkeit erzeugt und dadurch keinen Raum mehr für Preis- und Lohnerhöhungen lässt.

Der notwendige Anpassungsprozess würde dann zwar auch Unternehmen treffen, doch hauptsächlich würde er von Arbeitnehmern getragen. Die schwache Verhandlungsposition der Arbeitnehmer würde dazu führen, dass der durch einen Inflationsanstieg verursachte reale Lohnverlust nur begrenzt durch Lohnsteigerungen kompensiert werden kann. In dieser Situation sind höhere Zinsen nicht nötig, da die Löhne dem Inflationsanstieg nicht folgen.

Mit oder ohne Zinserhöhung – der Anpassungsprozess wird dann von den Arbeitnehmern getragen. Sinkende Reallöhne sorgen für eine geringere Konsumnachfrage und somit auch für Margendruck bei Unternehmen, was allerdings den Arbeitsmarkt weiter unter Druck setzt. Langfristig kann die schwache Lohnentwicklung durch Produktivitätswachstum und eine höhere Wirtschaftsleistung gebremst werden. Kurzfristig erfolgt die Anpassung aber vor allem durch eine sinkende reale Kaufkraft. 

Preisstabilisierung durch Lohnzurückhaltung  

Neben Profitmargen und Löhnen gibt es ein weiteres Ventil, mit dem der Inflationsdruck abgemildert werden kann, nämlich sinkende Importpreise. Das würde eine Umkehr der aktuellen Entwicklung erfordern. In diesem Fall würde der Anpassungsprozess durch Unternehmen und Arbeitnehmer im Ausland getragen. Sollten die Rohstoffpreise also nachgeben, verschiebt sich ein Teil des Anpassungsprozesses auf die Entwicklungs- beziehungsweise rohstoffexportierenden Länder. 



Ergeben sich sinkende Einfuhrpreise allerdings durch eine Währungsaufwertung, mag dies zwar kurzfristig die Kaufkraft in der Binnenwirtschaft stärken. Es belastet allerdings die Ausfuhren, was wiederum Margendruck und damit auch Druck auf den Arbeitsmarkt mit sich bringt.

Die steigende Inflation spiegelt also einen zunehmenden Verteilungskonflikt. Aktuell wird dies vor allem durch höhere Preisforderungen von Rohstoffländern und von wichtigen Komponentenzulieferern vorangetrieben. Bestehen in dieser Situation Arbeitnehmer auf ihrem realen Einkommen, entsteht eine Lohn-Preis-Spirale.

Produktivitätssteigerungen könnten dem allerdings entgegenwirken. Sie federten die höheren Löhne ab und verhinderten so einen Anstieg der Lohnstückkosten. Allerdings erforderte dies eine Verbesserung des Kapitalstocks durch mehr Investitionen. Solange dies nicht absehbar ist, bleibt in den nächsten Jahren nur ein Weg, um einer gefährlichen Lohn-Preis-Spirale den Boden zu entziehen: Die Arbeitnehmer müssen sich in Lohnzurückhaltung üben – und so die Hauptlast der Preisstabilisierung tragen. 

Mehr zum Thema: Die Coronakrise trifft alle, aber nicht alle gleich. Angestellte mit geringeren Einkommen verlieren auch prozentual mehr – vor allem im Tourismusbereich.

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