Inflation ​​​​​​​Aktienkurse könnten um mehr als 20 Prozent sinken

Die anhaltende Inflation ist ein Risiko für Anleger. Quelle: imago images

Was bedeutet die weltweit steigende Inflation für die Anleger? Es ist höchste Zeit, das eigene Portfolio zu diversifizieren, mahnt der US-Ökonom Nouriel Roubini in einem Gastbeitrag.

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Nouriel Roubini ist emeritierter Professor an der Stern School of Business der New York University und Chefökonom von Atlas Capital Team, einem auf die Absicherung gegen Inflation spezialisierten Fintech-Unternehmen.

Die steigende Inflation in den USA und weltweit zwingt die Anleger, auf ihr Portfolio zu schauen. Normalerweise gilt die Regel, das Vermögen gemäß der 60/40-Regel anzulegen: 60 Prozent des Portfolios sollten in renditestarken, aber schwankungsanfälligen Aktien angelegt sein und 40 Prozent in renditeschwächeren, aber weniger volatilen Anleihen. Der Grund dafür ist, dass Aktien- und Anleihekurse normalerweise negativ korreliert sind: Wenn die einen steigen, fallen die anderen. Daher gleicht eine derartige Mischung die Risiken und Chancen eines Portfolios aus.

In Phasen der Risikofreudigkeit, wenn die Anleger optimistisch sind, steigen Aktienkurse und Anleiherenditen, während die Anleihekurse sinken. In Phasen der Risikoscheu, wenn die Anleger pessimistisch sind, folgen Kurse und Renditen dem umgekehrten Muster.

Allerdings setzt die negative Korrelation zwischen Aktien- und Anleihekursen eine niedrige Inflation voraus. Bei einem Anstieg der Inflation werden die Anleiherenditen negativ, weil durch höhere Inflationserwartungen ausgelöste steigende Renditen ihren Marktpreis sinken lassen. Man beachte: Jeder Anstieg der Renditen langfristiger Anleihen um 100 Basispunkte führt zu einem zehnprozentigen Rückgang beim Marktpreis – ein steiler Verlust.

Dass die Geldentwertung bald wieder nachlässt, könnte sich als fatales Wunschdenken erweisen. Geld- und Wirtschaftspolitik müssen sich ändern.

Während der vergangenen drei Jahrzehnte wiesen Anleihen nur ein paar Mal einen negativen jährlichen Gesamtertrag auf. Der Rückgang der Inflationsraten von einem zweistelligen auf ein sehr niedriges einstelliges Niveau führte bei den Anleihen zu einem langen Bullenmarkt; die Renditen fielen und die Anleiheerträge waren aufgrund des Kursanstiegs stark positiv. Die vergangenen 30 Jahre standen daher in steilem Gegensatz zu den stagflationären 1970er Jahren, als die Anleiherenditen im Einklang mit der höheren Inflation in die Höhe schossen, was zu massiven Marktverlusten führte.

Doch schadet die Inflation auch den Aktien - weil sie zu höheren Nominal- und Realzinsen führt. Mit steigender Inflation ändert sich daher die Korrelation zwischen Aktien- und Anleihekursen von negativ zu positiv. Höhere Inflation führt zu Verlusten bei Aktien und Anleihen so wie in den 1970er Jahren. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis im Index S&P 500 lag 1982 bei 8; heute bei über 30.

Beispiele der jüngeren Zeit zeigen zudem, dass die Aktien leiden, wenn die Anleiherenditen in Reaktion auf einen Anstieg der Inflation oder die Erwartung, dass eine höhere Inflation zu einer Straffung der Geldpolitik führen wird, steigen. Selbst die meisten hochgejubelten Technologie- und Wachstumsaktien sind gegen einen Anstieg der langfristigen Zinsen nicht immun. Hierbei handelt es sich um langfristige Anlagewerte handelt, deren Dividenden weit in der Zukunft liegen. Dies lässt sie sensibler auf einen höheren Abzinsungsfaktor (die Renditen langfristiger Anleihen) reagieren. Im September 2021, als die Renditen zehnjähriger US-Schatzanleihen um geringe 22 Basispunkte stiegen, fielen die Aktienkurse um fünf bis sieben Prozent.



Dieses Muster setzt sich 2022 fort. Ein moderater Anstieg der Anleiherenditen um 30 Basispunkte hat im Nasdaq eine Korrektur (definiert als Rückgang der Gesamtmarktkapitalisierung um mindestens zehn Prozent) provoziert. Sollte die Inflation deutlich über dem Zielwert der US Federal Reserve von zwei Prozent verharren, würden die Renditen langfristiger Anleihen deutlich steigen. Die Aktienkurse könnten dann im Bärenterritorium landen. Mit einem Rückgang um 20 Prozent oder mehr.

Bleibt die Inflation dann weiterhin höher als während der vergangenen Jahrzehnte, würde ein 60/40-Portfolio massive Verluste erleiden. Die Aufgabe für die Anleger besteht daher darin, auf andere Weise die 40 Prozent ihres Portfolios abzusichern, die in Anleihen angelegt sind.

Dabei bieten sich drei Strategien an. Die erste besteht in Anlagen in inflationsindizierte Anleihen oder Staatsanleihen mit kurzen Laufzeiten, deren Erträge sich in Reaktion auf die höhere Inflation rasch anpassen. Die zweite Option besteht aus Anlagen in Gold und andere Edelmetalle, deren Preise bei einem Anstieg der Inflation tendenziell steigen. Gold ist zudem eine gute Absicherung gegen all die geopolitischen Risiken,  mit denen wir uns in den nächsten Jahren konfrontiert sehen. Und schließlich kann man in Realvermögen investieren, bei dem das Angebot relativ begrenzt ist, etwa Land und Immobilien.

Einige Analysten argumentieren zudem, dass auch Anlagen in Öl und Energie – zusammen mit anderen Rohstoffen – eine gute Absicherung gegen die Inflation darstellen können. Doch ist dies ein komplexes Thema. In den 1970er Jahren wurde die Inflation durch den Anstieg der Ölpreise verursacht und nicht umgekehrt. Angesichts des aktuellen Drucks, sich vom Öl und von fossilen Brennstoffen wegzubewegen, könnte die Nachfrage in diesen Sektoren in Kürze einen Scheitelpunkt erreichen.

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Während man über die richtige Portfolio-Zusammensetzung debattieren kann, ist eines klar: Staatsfonds, Pensionskassen, Stiftungen, Family Offices und Einzelanleger, die der 60/40-Regel folgen, sollten über eine Diversifizierung ihrer Bestände nachzudenken – und sich schleunigst gegen den Anstieg der Inflation absichern.

Copyright Project Syndicate 2022.

Mehr zum Thema: Warum die große Inflations-Welle für die Konsumenten erst noch kommt.

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