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Inflation „Der Anstieg der Inflation wird anhaltend sein“

Ökonom Gunther Schnabl Quelle: Presse

Der Ökonom Gunther Schnabl über das stark anziehende Preisniveau, die Steuerung von Inflationserwartungen – und die nicht immer treffsicheren Prognosen der Europäischen Zentralbank.

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WirtschaftsWoche: Herr Schnabl, die Inflationsrate in Deutschland hat im Juli mit 3,8 Prozent den höchsten Stand seit fast 13 Jahren erreicht. Viele Ökonomen sagen: Das ist ein temporäres Phänomen. Sie auch?
Gunther Schnabl: Ich sehe aus vier Gründen eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass der deutliche Anstieg der Inflation anhaltend sein wird. Erstens hat die EZB mit dem Anheben ihres Inflationsziels und dem Signal, dass sie noch länger in großem Umfang Anleihen kaufen wird, die Inflationserwartungen angehoben. Zweitens signalisieren die Eurostaaten mit dem Aussetzen der Schuldenregeln weiterhin hohe schuldenfinanzierte Staatsausgaben. Drittens deuten sich weitere Corona- und Klimaregulierungen an, die die Kosten der Unternehmen nach oben treiben werden. Viertens ist es mit den bereits jetzt deutlich gestiegenen Preisen wahrscheinlicher, dass die Gewerkschaften höhere Lohnerhöhungen einfordern werden.

Die EZB liegt mit ihren Inflationsprognosen nicht selten daneben. Sind die Modelle der Währungshüter nicht mehr gut genug?
Es stimmt, die EZB hat in der Vergangenheit nicht nur ihr Inflationsziel anhaltend verfehlt, sondern musste auch ihre Prognosen immer wieder revidieren. Aber Prognosen sind immer mit viel Unsicherheit behaftet. Die Welt ist komplex und es agieren viele Akteure, weshalb auch große Modelle die Realität nur schwer abbilden können. Deshalb liegen auch professionelle Institutionen mit ihren Prognosen nicht selten falsch. Bei der EZB fällt allerdings auf, dass diese selbst mit einem sehr großzügig definierten Korridor bei den Inflationsprognosen oft falsch gelegen hat.

Woran könnte das liegen?
Darüber kann man nur spekulieren. Prognosen können auch einen wirtschaftspolitischen Zweck erfüllen. Das gilt insbesondere für die Vorhersagen der EZB, die gemäß ihrem derzeitigen geldpolitischen Rahmenwerk „Forward Guidance“ betreibt. Die Grundidee ist folgende: Indem die Zentralbank niedrige Inflationserwartungen glaubhaft kommuniziert, kann sie den Inflationsdruck kontrollieren. Denn wenn beispielsweise die Gewerkschaften darauf vertrauen, dass die Inflation dauerhaft niedrig bleibt, werden sie keine höheren Lohnforderungen stellen, weshalb die Unternehmen auch nicht zu Preiserhöhungen gezwungen sind. Die Inflation bleibt dann gering, weil die EZB auf diese Weise Lohn-Preis-Spiralen vorbeugen kann. Das kann aber auch dazu führen, dass sich die Zentralbank versucht sieht, niedrige Inflationsraten zu kommunizieren – und das möglicherweise unabhängig von ihren tatsächlich berechneten Prognosen.

Moment. Wollen Sie behaupten, die EZB verbreite geschönte Inflationsprognosen?
Das wissen wir nicht. Interessant ist, dass im Verlauf der europäischen Finanz- und Schuldenkrise die durchschnittliche prognostizierte Inflationsrate lange Zeit unter dem selbstgesetzten Inflationsziel von nahe, aber unter zwei Prozent lag. Ein Beispiel: Die EZB hat im Dezember 2020 noch vorhergesagt, dass die Inflation 2021 bei einem Prozent und auch bis Ende 2023 weit unter ihrem Inflationsziel von nahe, aber unter zwei Prozent liegen wird. Der prognostizierte Ist-Wert lag deutlich unter dem von der EZB bestimmten Soll-Wert. Damit hat die EZB indirekt die Fortsetzung ihrer sehr expansiven Geldpolitik, einschließlich der sehr umfangreichen Ankäufe von Staatsanleihen gerechtfertigt. Gleichzeitig wurde an die Märkte signalisiert, dass die Geldpolitik weiterhin sehr expansiv bleiben wird. Inzwischen wissen wir, dass diese Prognose falsch war. Die EZB hat die Inflationsprognose für 2021 deutlich angehoben.

Die Märkte hat das nicht gejuckt.
Das muss man abwarten. Gerade in der derzeit wirtschaftlich unsicheren Phase können fehlerhafte Prognosen die Glaubwürdigkeit der EZB beschädigen. Es ist schon auffällig, dass gerade in Zeiten steigender Inflation die Prognosen der Zentralbank dem wachsenden Preisauftrieb hinterherzuhinken scheinen. Die Glaubwürdigkeit der EZB könnte weiter leiden, wenn sich die derzeit als vorübergehend angekündigte Inflation über zwei Prozent als persistent erweisen sollte. Andererseits kommuniziert die EZB über andere Kanäle aus meiner Sicht sehr wohl, dass der Inflationsdruck deutlich steigen wird. So hat sie beispielsweise zuletzt ihr Inflationsziel nach oben korrigiert und signalisiert, dass die Geldpolitik weiterhin sehr expansiv bleiben wird. Das kann auch dahingehend interpretiert werden, dass die EZB die Inflationserwartungen anheben will. Durch höhere Inflation würde sie den hoch verschuldeten Eurostaaten helfen, ihr Schuldenproblem zu lösen.

Sind die Inflationsprognosen unabhängiger Wirtschaftsinstitute zielgenauer?
Das ist schwer zu sagen. Oft liegen die Prognosen relativ nahe beieinander. Vermutlich auch deswegen, weil einzelne stark abweichende Prognosen als unglaubwürdig gelten würden. Zudem hatte der HVPI im Euroraum seit 1999 eine vergleichsweise geringe Schwankungsbreite, so dass Experten dazu tendieren dürften, auch für die Zukunft von geringen Abweichungen vom aktuellen Wert auszugehen. Es gibt aus meiner Sicht kein klares Bild, wer die besten Prognosen macht.

Welche Rolle spielen Expertenmeinungen bei der Erstellung von Prognosen?
Ich gehe davon aus, dass diese eine wichtige Rolle spielen. Die aus den Modellen resultierenden Inflationsprognosen werden meist auf der Grundlage von Expertenmeinungen nachträglich verändert. Damit sind Inflationsprognosen eine Mischung aus Wissenschaft, also den zugrundeliegenden Theorien und Modellen, und Kunst in Form von Erfahrung und Können.



Die Volkswirtschaften werden immer komplexer. Können da klassische makroökonomische Modelle überhaupt noch mithalten?
Derzeit dominieren bei den makroökonomischen Modellen die sehr komplexen Dynamischen Stochastischen Allgemeinen Gleichgewichtsmodelle. Bei der Deutschen Bundesbank werden sowohl aggregierte Modelle als auch disaggregierte Ansätze verwendet. Bei den disaggregierten Ansätzen kommen Einzelgleichungsmodelle zum Einsatz, die die Entwicklung einzelner Komponenten des Harmonisierten Konsumentenpreisindex auf der Grundlage von deren Einflussgrößen schätzen. Die Prognose der Inflationsrate wird dann aus den Ergebnissen der verschiedenen Modelle abgeleitet. Allerdings bleiben die Ergebnisse immer mit Unsicherheit behaftet.

Big Data und Künstliche Intelligenz erlauben den Zugriff auf Millionen von Daten. Verwässert das die Aussagekraft von makroökonomischen Modellen?
Das ist schwer zu sagen. In den letzten Jahrzehnten haben die Eingriffe des Staates in den Wirtschaftsprozess immer weiter zugenommen. Das gilt sowohl für die makroökonomische Steuerung durch die Geld- und Finanzpolitik als auch für die Regulierungspolitik. Oft wird sehr plötzlich das Ruder herumgeworfen, so dass auch die den Makromodellen zugrundliegenden Größen- und Strukturzusammenhänge stark vom Staat verändert werden. Das macht aus meiner Sicht die Modelle weniger treffsicher und Prognosen schwieriger. Die bessere Rechnerleistung erlaubt es zwar mehr Daten zu sammeln und verarbeiten. Viele Daten stellen die Statistiker jedoch auch vor neue Herausforderungen, beispielsweise vor die Frage nach welchen Kriterien die Daten gefiltert werden sollen. Manchmal hat man den Eindruck, dass die Wissenschaft den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Das könnte auch für den neuen KI-Ansatz gelten.

Mehr zum Thema: Die Inflationsrate zu messen ist methodisch kompliziert. Sie zu prognostizieren ist in stark vernetzten Volkswirtschaften erst recht schwierig. Jetzt soll künstliche Intelligenz den Ökonomen, Notenbanken und Betrieben präzisere Preisanalysen ermöglichen.

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