WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Inflation „Die große Welle für die Konsumenten kommt erst noch“

Inflation im Euroraum: Starker Anstieg der Verbraucherpreise kommt noch. Quelle: Getty Images

Entgegen den Erwartungen ist die Inflation im Dezember erneut gestiegen. In den kommenden Monaten wollen weitere Unternehmen ihre Preise erhöhen. Nun wächst der Druck von Ökonomen auf die EZB, die Zinswende früher einzuleiten.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Jetzt also auch Ikea. Um stattliche neun Prozent sollen die Produkte des schwedischen Möbelhauses im weltweiten Durchschnitt teurer werden. Dies, so teilte ein Sprecher von Ikea Deutschland kurz vor Silvester mit, betreffe „alle Sortimentsbereiche und alle Länder“.

An ähnliche Verlautbarungen hatten sich die Bundesbürger bereits im abgelaufenen Jahr gewöhnen müssen: Auf 5,2 Prozent war die Inflationsrate im November nach oben geschossen – der höchste Wert seit Juni 1992. Am Dreikönigstag überraschte die erste Schätzung des Statistischen Bundesamtes dann mit den Zahlen für den Monat Dezember: Die Inflation in Deutschland hat sich, entgegen den Erwartungen, zum Jahreswechsel noch einmal beschleunigt. Die Preise für Waren und Dienstleistungen lagen im Dezember 5,3 Prozent über dem Niveau vor Jahresfrist. Im Jahresschnitt 2021 kletterte die Teuerungsrate damit kräftig auf 3,1 Prozent und damit so stark wie seit 1993 nicht mehr. 2020 hatte es nur ein Plus von 0,5 Prozent gegeben. Das ist ein klares Zeichen dafür, dass die Inflation auch 2022 ein treuer Wegbegleiter der Deutschen bleiben wird.

Dem Narrativ der Europäischen Zentralbank (EZB), wonach die aktuellen Preissprünge nur ein kurzfristiges Phänomen seien, wollen jedenfalls immer weniger Experten folgen. Stattdessen wächst der Druck auf das Spitzenpersonal im Frankfurter EZB-Tower, im neuen Jahr endlich die geldpolitischen Zügel anzuziehen.
(Lesen Sie hier, warum die nächste Rezession schneller kommen könnte, als vermutet)

„Die EZB tut nicht zu wenig, sie tut das Falsche“, schimpft der Präsident des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Dirk Jandura. Und der Wirtschaftsweise Volker Wieland, Professor für Monetäre Ökonomie an der Universität Frankfurt, kritisiert: „Der Ausschluss einer möglichen Zinserhöhung 2022 ist schwer zu begründen und unnötig.“ Die EZB solle lieber dem Beispiel der amerikanischen Notenbank Fed folgen und bereits 2022 die Zinswende einleiten – anstatt erst 2023 oder gar erst 2024.

Wieland moniert gegenüber der WirtschaftsWoche vor allem die geldpolitische Kommunikation von EZB-Chefin Christine Lagarde. „Es erstaunt mich, dass sie ihren expansiven Kurs damit rechtfertigt, man werde 2023 und 2024 wieder unter dem Inflationsziel von zwei Prozent liegen. Angesichts der Fehleinschätzungen zur Inflationsentwicklung ist es sehr gewagt, die aktuelle Geldpolitik an Prognosen zu koppeln, die derart weit in die Zukunft reichen.“

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    In einer Mitgliederumfrage des Bundesverbands Deutscher Volks- und Betriebswirte (bdvb) für die WirtschaftsWoche gehen 72 Prozent der knapp 300 teilnehmenden Ökonomen davon aus, dass die Inflationsrate das gesamte Jahr 2022 über der EZB-Zielmarke von zwei Prozent bleibt. Fast 80 Prozent der Ökonomen fordern daher, die EZB solle ihre expansive Geldpolitik reduzieren oder gar beenden ­und die Leitzinsen anheben. Nur 14 Prozent der Volks- und Betriebswirte halten den aktuellen Kurs der Währungshüter für angemessen.

    Auch aus dem Ausland melden sich Ökonomen zu Wort: „Das weitere Festhalten an einer ultralockeren Geldpolitik ist fehl am Platze“, warnt Jim O’Neill, ehemaliger Chefvolkswirt und Vorsitzender von Goldman Sachs Asset Management in einem Gastbeitrag für die WirtschaftsWoche. „Wir hätten schon längst zu einem Verhältnis zurückkehren müssen, in dem die inflationsbereinigten Zinssätze einen gewissen Gleichklang mit dem Potenzialwachstum der Volkswirtschaften haben“.

    Zwar dürften die Verbraucherpreise in Deutschland ab diesem Januar zunächst langsamer steigen als im vergangenen Jahr. Grund sind statistische Basiseffekte, etwa die Anhebung der Mehrwertsteuer Anfang 2021. Dieser Preiseffekt fällt bei der (auf Jahressicht berechneten) Inflationsrate in diesem Januar weg.

    Zugleich allerdings hat sich in vorgelagerten Wertschöpfungsstufen ein enormer Kosten- und Preisdruck aufgebaut, der in den nächsten Monaten peu à peu in die Verbraucherpreise einsickern dürfte.  „Die große Welle der Preiserhöhungen für die Konsumenten kommt erst noch“, befürchtet etwa René Schumann, Geschäftsführer der Düsseldorfer Negotiation Advisory Group, die Unternehmen bei Verhandlungen mit Geschäftspartnern unterstützt.

    Aus seiner täglichen Arbeit weiß er, dass im B2B-Bereich massive Preiserhöhungen zwischen fünf und sieben Prozent derzeit keine Seltenheit sind. Manche Unternehmen gingen gar mit Mehrpreisforderungen von bis zu zehn Prozent in Verhandlungsrunden mit Geschäftspartnern. Doch wird sich die Lage nicht entspannen, wenn die globalen Lieferkettenprobleme und Materialengpässe enden? Schumann ist skeptisch: „Die Unternehmen werden, wo es geht, ihre Gewinnspannen sanieren anstatt niedrigere Kosten an die Verbraucher weiterzugeben.“

    Das wiederum dürfte irgendwann auch die Politik auf den Plan rufen. Seit Längerem wabern Ideen von staatlich festgelegten Preisobergrenzen – etwa für Benzin – durch die Parteienlandschaft. Ein solcher Schritt freilich wäre eine marktwirtschaftliche Bankrotterklärung.

    „Jegliche Formen der Preisregulierung im Energiesektor – einem der Haupttreiber der Inflation – halten wir nicht für die richtige Lösung. Das Problem muss von anderer Seite angegangen werden“, sagt bdvb-Präsident Willi Rugen. In der Umfrage des Verbands lehnten 71 Prozent der Befragten regulative Staatseingriffe in die Preisbildung und Preisobergrenzen für Kraftstoff, Strom und Gas ab. Richtig finden derartige Schritte nur knapp 21 Prozent der Ökonomen.

    Mehr zum Thema: Die Inflation setzt die Gewerkschaften unter Zugzwang. Sie wollen spürbare Reallohnzuwächse durchsetzen. Damit steigt das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale in Deutschland.

    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%