Inflation in Deutschland: Unnötige Abstiegsangst? DIW: Deutschland „nicht der kranke Mann Europas“
Hamburg: Frauen gehen mit Einkaufstaschen durch die Hamburger Innenstadt.
Foto: dpaDas Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hält Warnungen vor einem Abstieg Deutschlands ungeachtet der aktuellen Konjunkturschwäche für übertrieben. „Nein, Deutschland ist nicht der kranke Mann Europas“, sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher am Freitag bei der Vorstellung der neuen Prognosen seines Hauses.
„Er könnte es werden, wenn jetzt wichtige Reformen nicht gemacht werden.“ Mit einem klugen Transformationsprogramm ließen sich sowohl Angebot als auch Nachfrage stärken – etwa indem die Politik Bürokratie und Regulierung abbaue, in Infrastruktur, Bildung und Forschung investiere und auf sozialen Ausgleich achte. Die Stimmung sei derzeit deutlich schlechter als die Realität. Politik und Unternehmen müssten aufpassen, „dass sich wirtschaftliche Sorgen und Ängste nicht weiter hochschaukeln und zu einer wirtschaftlichen Abwärtsspirale führen“, sagte Fratzscher.
Das DIW schloss sich anderen führenden Instituten an und gab einen pessimistischeren Ausblick ab als noch im Frühsommer. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dürfte 2023 in Deutschland mit 0,4 Prozent doppelt so stark schrumpfen wie bislang vorhergesagt, heißt es in der Herbstprognose. Für 2024 und 2025 sei dann ein Wachstum von jeweils 1,2 Prozent zu erwarten. „Die exportorientierte deutsche Wirtschaft kommt trotz anziehender Weltwirtschaft nur langsam in Fahrt“, sagte DIW-Experte Timm Bönke. Die Berliner Forscher blicken damit ähnlich auf die Konjunktur wie das Kieler IfW, das Münchner Ifo-Institut, das Essener RWI und das IWH aus Halle. Gemeinsam veröffentlichen sie in den kommenden Wochen ihre Konjunkturprognose für die Bundesregierung.
Hauptgründe für die gesenkte Erwartung im laufenden Jahr sind laut DIW ein überraschend schwaches zweites Quartal sowie ein schleppender Konsum der privaten Haushalte und schwächelnde Exporte. Vor allem die Flaute beim wichtigsten Handelspartner China bremse die Erholung hierzulande ab. Trotz des Endes der Pandemie hat die Wirtschaftslage in China und Japan noch keine Erholung erfahren. Auch deswegen werde die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr als einzige große Industrienation leicht schrumpfen.
Statistisches Bundesamt: Inflation sinkt nur langsam
Auch das Problem der hohen Inflation bleibt weiter bestehen. Das Statistische Bundesamt bestätigte am Freitag seine vorläufige Inflationsschätzung. Demnach stiegen die Preise im August um 6,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. „Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln und Energie liegen oberhalb der Gesamtteuerung und halten die Inflationsrate hoch“, erläutert die Präsidentin des Statistikamtes, Ruth Brand.
Energie verteuerte sich diesmal mit 8,3 Prozent wieder überdurchschnittlich stark, nachdem die Preise im Juli nur um 5,7 Prozent gestiegen waren. Vor allem Strom kostete mit einem Plus von 16,6 Prozent deutlich mehr als im August 2022. Kraftstoffe wie Benzin verteuerten sich mit 3,7 Prozent weit weniger stark, ebenso Erdgas mit 2,2 Prozent. Leichtes Heizöl kostete sogar 28,1 Prozent weniger.
Die Preise für Nahrungsmittel erhöhten sich diesmal um 9,0 Prozent, nach 11,0 Prozent im Juli. Besonders für Zucker, Marmelade, Honig und andere Süßwaren mussten die Verbraucherinnen und Verbraucher spürbar mehr bezahlen: Hier lag der Aufschlag bei 17,1 Prozent. Merklich teurer wurden auch Brot und Getreideerzeugnisse (+13,6 Prozent), Gemüse (+12,4 Prozent) sowie Fisch, Fischwaren und Meeresfrüchte (+11,5 Prozent). Speisefette und Speiseöle verbilligen sich hingegen um 13,9 Prozent.
Für Dienstleistungen mussten die Verbraucher 5,1 Prozent mehr hinblättern. Dazu trug ein sogenannter Basiseffekt bei: Von Juni bis August 2022 galt ein 9-Euro-Ticket für den Öffentlichen Personennahverkehr, der mittlerweile vom Deutschlandticket abgelöst wurde, das allerdings 49 Euro kostet. Dadurch verteuerten sich diesmal Bahntickets im Nahverkehr um 64,6 Prozent, kombinierte Tickets für Bahn, Bus und Ähnliches sogar um 113,0 Prozent. „Dieser Basiseffekt fällt ab dem nächsten Monat weg“, sagte die Präsidentin des Statistikamtes, Brand.
Führende Institute wie das Münchner Ifo rechnen im Gesamtjahr mit einer Teuerungsrate von rund sechs Prozent. Dann werde die Jahresteuerung aber spürbar nachlassen und 2024 bei 2,6 Prozent liegen und 2025 auf 1,9 Prozent fallen. Aktuell wollen vor allem viele Einzelhändler und Gastwirte in den kommenden Monaten ihre Preise heraufsetzen, ergab eine Ifo-Umfrage. Insgesamt dürfte die Teuerungswelle weiter abebben. „Der Rückgang der Inflation wird sich aber zäh hinziehen“, sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser.
Ähnliches prognostiziert das DIW. Demnach wird sich die Teuerung erst Ende 2024 wieder dem Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von zwei Prozent annähern. Um die Inflation einzudämmen, hat die EZB bereits neun aufeinanderfolgende Zinserhöhungen seit Juli 2022 durchgeführt. Das hat Kredite teurer gemacht, weshalb diese wenige nachgefragt werden. Der Leitzins im Euroraum liegt derzeit bei 4,25 Prozent. In der kommenden Woche, am Donnerstag, den 14. September, wird der EZB-Rat darüber entscheiden, wie es weitergeht.
Trotz allem rechnet das DIW mit einer Wiederbelebung der Konjunktur ab diesem Herbst. „Stärker ausfallende Lohn- und Gehaltszuwächse dürften die Kaufbereitschaft der Haushalte merklich verbessern und der Startschuss für den Erholungskurs der deutschen Wirtschaft sein“, sagte DIW-Expertin Geraldine Dany-Knedlik. Für das dritte und vierte Quartal werde ein Wachstum von 0,1 und 0,2 Prozent prognostiziert.
Lesen Sie auch: Inflation – die Anatomie der Krise