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Inflation Steigende Staatsschulden schüren die Angst vor einer kalten Enteignung

Der Druck auf die Notenbanken wächst, angesichts der ausufernden Staatsschulden mehr Inflation zu wagen. Droht uns nach der Finanzkrise schon bald die große Teuerungswelle?

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Schuldenstand der Staaten in Prozent des BIP im Jahr 2010

Vernehmlicher hätten die Finanzmärkte nicht aufatmen können. Kaum hatte Griechenlands Regierungschef Giorgos Papandreou am vergangenen Mittwoch seine Sparpläne zur Sanierung der Staatsfinanzen vorgestellt, setzte auch schon die Erleichterungsrally an den Börsen ein. Die Kurse zehnjähriger griechischer Staatsanleihen legten kräftig zu, die Rendite fiel zum ersten Mal seit drei Wochen unter die Marke von sechs Prozent. Zugleich kletterte der Euro über die Schwelle von 1,37 zum Dollar. „Der Markt ist offenbar der Überzeugung, dass die Sparanstrengungen Griechenlands ernst gemeint sind“, urteilt Uwe Angenendt, Chefökonom der BHF Bank.

Immerhin: Die griechische Regierung will die Gehälter im öffentlichen Dienst senken, die Renten einfrieren und die indirekten Steuern erhöhen. Auf diese Weise soll das staatliche Haushaltsdefizit von knapp 13 Prozent in diesem Jahr um vier Prozentpunkte sinken.

Europaweit schießen die Staatsschulden in die Höhe

Doch die Haushaltsprobleme Griechenlands sind nur die Spitze des Eisbergs. Auch in anderen Ländern wie Spanien, Portugal und Irland schießen die Staatsschulden in die Höhe wie Tulpen im Frühling. Selbst große Länder wie Großbritannien und die USA drohen von der Last der Staatsschuld erdrückt zu werden. In der vergangenen Woche brach der Wechselkurs des Pfund ein, weil Investoren fürchteten, die Ratingagenturen könnten das AAA-Rating Großbritanniens wegen der ausufernden Staatsschulden herabstufen.

Die Schuldenlast der Staaten setzt nicht nur den Außenwert der Währungen unter Druck. Sie könnte bald auch die Stabilität der Preise im Innern gefährden. Entziehen die Märkte den Regierungen das Vertrauen, müssten diese höhere Zinsen bieten, um ihre Anleihen an den Mann zu bringen. Das würde auch die Finanzierungskosten für Unternehmen in die Höhe treiben und die Investitionen abwürgen. Eine erneute Rezession wäre nicht mehr auszuschließen.

Rechtliche Hindernisse für die EZB

Hyperinflation in Deutschland: Im November 1923 steht ein Dollar bei 4,2 Billionen Mark Quelle: AKG

Kaum vorstellbar, dass die Notenbanken das tatenlos hinnehmen würden. Nachdem sie die Banken mit milliardenschweren Liquiditätsspritzen vor dem Kollaps bewahrt haben, müssten sie nolens volens auch noch als Retter für die Regierungen einspringen und deren Anleihen kaufen.

Während die US-Notenbank Fed und die Bank von England die Papiere des Finanzministers direkt kaufen dürfen, ist der EZB dieser Weg der Staatsfinanzierung rechtlich verboten. Allerdings könnten die öffentlichen Banken im Euro-Raum einspringen und die Staatspapiere kaufen, um sie zur Refinanzierung an die EZB weiterzureichen. So flöße das Zentralbankgeld über den Umweg des Bankensystems an den Staat – und von dort in die Wirtschaft.

Finanziere die EZB das für dieses Jahr erwartete Staatsdefizit im Euro-Raum von sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf diese Weise, würde sich die Liquidität bedrohlich ausweiten, warnt Thorsten Polleit, Chefökonom von Barclays Capital: „Die Zentralbanken würden zum offensichtlichen Finanzierer der Staatshaushalte, eine Konstellation, die in der Vergangenheit nur zu häufig zu hoher Inflation geführt hat.“

Noch liegt die Teuerungsrate in Euroland bei lediglich 0,9 Prozent, in Deutschland ist sie mit 0,4 sogar noch geringer. Doch wenn sich die Nachfrage belebt und die Auslastung der Kapazitäten in den Werkshallen wieder Richtung Normalmaß steigt, dürfte es vorbei sein mit der Ruhe an der Preisfront.

Staatsschulden der USA in Relation zum nominalen BIP

Dass die Warnungen vor dem Entschulden der Staaten durch Inflation einen realen Hintergrund haben, zeigt das Beispiel der USA nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Waffengang hatte die Staatsschulden Amerikas bis 1946 auf mehr als 108 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Höhe getrieben (siehe Grafik Seite 23). In der folgenden Dekade gelang es den USA jedoch, die Schuldenquote bis auf rund 50 Prozent zu reduzieren – und das, obwohl der Staatshaushalt in dieser Zeit im Schnitt ein Defizit von 0,3 Prozent des BIPs pro Jahr auswies.

Der Trick: Die Notenbank drückte aufs Gaspedal und kurbelte die Inflation an. Das nominale BIP stieg stärker als die Außenstände des Staates, die Schuldenquote sank. Nach Berechnungen der Ökonomen der US-Bank Morgan Stanley gingen von 1946 bis 1955 von dem wachstumsbedingten Rückgang der Schuldenquote von 5,2 Prozent pro Jahr rund 3,7 Prozent auf das Konto der Inflation. Nur 1,5 Prozent beruhten auf realem Wirtschaftswachstum.

Vor diesem Hintergrund kann es kaum überraschen, dass immer mehr Ökonomen auch diesmal in der Inflation ein probates Mittel sehen, um die hohen Schulden der Staaten zu entwerten. Schon vor Monaten empfahl der ehemalige IWF-Chefökonom und Harvard-Professor Kenneth Rogoff der US-Notenbank, das Inflationsziel für eine begrenzte Zeit auf vier bis sechs Prozent anzuheben.

Attacke von links

Vor zwei Wochen zog auch der IWF-Chefökonom Olivier Blanchard nach. In einem Positionspapier mit dem vielsagenden Titel „Rethinking Macroeconomic Policy“ stellte er die ketzerische Frage, ob „die Kosten einer Inflationsrate von vier Prozent wirklich höher sind als die von zwei Prozent Inflation“. Vordergründig argumentiert Blanchard, höhere Inflationsraten seien automatisch mit höheren Zinsen verbunden und böten den Zentralbanken im Krisenfall dadurch mehr Spielraum für Zinssenkungen. Tatsächlich dürfte es Blanchard jedoch darum gehen, ideologisch den Boden für einen Schwenk der Geldpolitik hin zu mehr Inflation zu bereiten.

Die Attacke von links hat stabilitätsorientierte Ökonomen auf den Plan gerufen. Axel Weber, Chef der Bundesbank, wirft Blanchard vor, eine „grob fahrlässige und schädliche“ Diskussion angezettelt zu haben.

Doch so schnell dürfte die Debatte nicht zu beenden sein. Vor allem im traditionell inflationsaffinen Frankreich fällt das Blanchard-Plädoyer für höhere Preissteigerungsraten auf fruchtbaren Boden. Jean-Paul Fitoussi, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts OFCE in Paris, hält die „Zeit für eine Revision der herrschenden Doktrin“ für gekommen. „Indem man sich nur auf die Inflationsbekämpfung konzentriert, macht man den Umgang mit dem Problem der öffentlichen Verschuldung und den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit komplizierter“, sagt Fitoussi.

Die Zeiten werden härter

Dass Inflation mit hohen Kosten verbunden ist, verschweigen die Befürworter jedoch. Dabei zeigt die Erfahrung, dass Inflation die Preisstrukturen verzerrt, Fehlinvestitionen auslöst, das Wachstum bremst, Gläubiger enteignet und schnell in eine kaum noch zu kontrollierende Inflationsspirale mündet.

Für Stabilitätspolitiker wie Bundesbank-Chef Weber dürften die Zeiten härter werden. Die steigende Schuldenlast und der Rückenwind durch die links-intellektuellen Inflationsbefürworter aus der Wissenschaft werden den politischen Druck auf die Notenbanken verstärken, es mit der Inflation nicht so genau zu nehmen.

Sollte Weber im Herbst nächsten Jahres Jean-Claude Trichet als EZB-Chef ablösen, könnte sich die Debatte noch verschärfen. Denn Paris dürfte versuchen, im Gegenzug den Franzosen Blanchard als neuen Chefökonomen in der EZB zu installieren. Der Kampf um den künftigen Kurs der Geldpolitik würde so direkt in die Notenbank getragen.

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