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Inflationsrisiko steigt Die Geldflut schwillt weiter an

Notenpresse Quelle: imago images

Die Euro-Geldmenge wächst mit zweistelligen Raten. Das dürfte früher oder später auch die Güterpreise kräftig steigen lassen.

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Inflation, schrieb einst der Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman, ist „immer und überall ein monetäres Phänomen“. Dahinter steht die Überlegung, dass langfristig die in der Volkswirtschaft umlaufende Geldmenge darüber entscheidet, wie sich das Preisniveau entwickelt. Wächst die Geldmenge stärker als die Gütermenge, schlägt sich der monetäre Überhang früher oder später in steigenden Güterpreisen nieder. Studenten der Volkswirtschaftslehre ist dieser Zusammenhang als Quantitätstheorie des Geldes bekannt.

Gemessen daran steuert die Eurozone bald auf ein Zeitalter mit höheren Inflationsraten zu. Denn während die Menge der erzeugten Güter und Dienstleistungen, das reale Bruttoinlandsprodukt, im vergangenen Jahr schrumpfte und in diesem Jahr Prognosen zufolge nur um etwa drei bis vier Prozent steigen dürfte, wächst die Geldmenge mit zweistelligen Raten. Im Januar beschleunigte sich das Wachstum der Euro-Geldmenge M3 (Bargeld, Sichteinlagen, Termin- und Spareinlagen sowie Geldmarktfonds und Bankschuldverschreibungen) auf 12,5 Prozent. Damit wächst M3 fast drei Mal so stark wie es der Referenzwert der Europäischen Zentralbank (EZB) von 4,5 Prozent vorsieht.

Die Geldmenge M1 (Bargeld und Sichteinlagen) legte im Januar sogar um 16,4 Prozent zu. Treiber der gewaltigen Geldschwemme sind die Rettungspakete, mit denen die Regierungen die Coronakrise bekämpfen. Die Geschäftsbanken kaufen die Anleihen, die die Regierungen emittieren und reichen sie an die EZB weiter, die sie im Rahmen ihres Pandemiebekämpfungsprogramms erwirbt. Die Anleihen wandern also vom Staat über die Banken in die Bilanz der EZB. Im Gegenzug fließt frisch gedrucktes Geld der EZB über die Banken an den Staat. Der reicht es in Form von Transferzahlungen, Überbrückungshilfen, Subventionen und Unternehmensbeteiligungen an Unternehmen und Bürger weiter.

Entsprechend kräftig sind die Sichteinlagen der Privaten bei den Banken gewachsen, im Januar lag die Rate bei mehr als 17 Prozent. Die Kredite der Banken an den Staat – im Januar legten sie um 23 Prozent zu – trugen so 8,3 Prozentpunkte zum Wachstum von M3 bei. Im Kern finanziert die EZB also die Corona-Rettungspakete mit der Notenpresse, auch wenn die EU-Verträge dies verbieten.

Bisher hat die Corona-Geldflut vor allem die Vermögenspreise in die Höhe getrieben. Ob Immobilien, Aktien, Rohstoffe oder Bitcoin – in allen Assetklassen kennen die Preise seit Monaten nur eine Richtung: nach oben. Berechnungen des Flossbach von Storch Research Instituts zufolge lagen die Preise für Wohnimmobilien in Deutschland zuletzt um 7,5 Prozent über ihrem Vorjahresniveau, die Preise für Betriebsvermögen schossen gar um mehr als 14 Prozent nach oben.

Auch bei den Güterpreisen zeigt sich mittlerweile ein Aufwärtsdruck. In Deutschland sprang die Teuerungsrate gemessen am harmonisierten Verbraucherpreisindex zu Jahresbeginn auf 1,6 Prozent, in der Eurozone verteuerte sich die Lebenshaltung um 0,9 Prozent. Das mag auf den ersten Blick noch nicht dramatisch erscheinen, zumal der Sprung nach oben auf Sonderfaktoren wie der Wiederanhebung der Mehrwertsteuer und der Einführung der CO2-Steuer in Deutschland zurück zu führen ist.

Dennoch: das kräftige Geldmengenwachstum deutet darauf hin, dass die Zeiten niedriger Inflationsraten zu Ende gehen. Zumal die EZB sobald keine Anstalten machen dürfte, die Zügel zu straffen, um die Geldflut einzudämmen. Vielmehr ist damit zu rechnen, dass die Notenbanker ein Überschießen der Inflation über ihren Zielwert von knapp zwei Prozent dulden. Die EZB und die anderen großen Notenbanken sind in der Corona-Krise endgültig zum Finanzier der Finanzminister mutiert.

Letztgenannte haben nicht nur ein Interesse daran, dass die Notenbanker ihre Ausgabenwünsche weiterhin zu niedrigen Zinsen mit der Notenpresse finanzieren. Sie wollen auch, dass die gigantischen Schuldenberge, die sie in den vergangenen Jahren aufgebaut haben, abschmelzen. Das einfachste Mittel dafür ist für die Finanzminister die Inflation. Sie lässt den realen Wert der Außenstände sinken.

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Fragt sich nur, ob es den Zentralbanken gelingt, die Inflation, die sich durch die Geldflut abzeichnet, unter Kontrolle zu halten. Das könnte sich schwieriger erweisen als gedacht. Rechnen Bürger und Unternehmen erst einmal dauerhaft mit höheren Inflationsraten und schrauben daher ihre Lohn- und Preisforderungen nach oben, könnte eine Flucht aus dem Papiergeld die Folge sein. Nach der Geldmenge könnten dann auch die Preise mit zweistelligen Raten in die Höhe schießen.

Mehr zum Thema: Die Weltwirtschaft steht vor einer langen Phase mit höherer Inflation. Die Gründe dafür sind nicht nur in den Pandemie-Lockdowns zu suchen.

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