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Insolvenzen Die Krise muss warten

Unternehmenshavarien bleiben vorerst wohl aus. Quelle: imago

Handelskonflikte, Brexit- und Italiensorgen sind derzeit die Stimmungskiller der deutschen Wirtschaft. Die Gefahr einer großen Pleitewelle sehen Insolvenzexperten dennoch nicht.

Die Zeichen stehen auf Sturm: Der Dax markiert den tiefsten Stand seit knapp zwei Jahren. Zahlreiche Unternehmen mussten zuletzt ihre Gewinn- und Umsatzprognosen revidieren und globale Handelskonflikte beherrschen die Schlagzeilen. Der Brexit und die angesichts italienischer Verschuldungspläne neu entflammte Sorge um die Eurozone schüren Rezessionsängste. Nicht zuletzt dürften die Zinsen in den kommenden Jahren zumindest leicht steigen und damit die Zeit extrem billigen Geldes beenden.

Sind die goldenen Zeiten für die deutsche Wirtschaft damit vorbei? Droht 2019 gar eine große Pleitewelle?

Insolvenzexperten sind skeptisch. Für das kommende Jahr erwarte er keinen dramatischen Anstieg an Unternehmenshavarien, sagt Hans Joachim Weidtmann, der sich als „Head of Intensive Care“ um die Krisenkandidaten der Commerzbank kümmert. Statt eines Flächenbrands rechnet der Experte mit einem punktuellen Anstieg der Insolvenzzahlen, vor allem in jenen Branchen, die unter Überkapazitäten und strukturellen Veränderungen leiden.

Der Neu-Ulmer Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz, der bei Großverfahren wie Schlecker und Weltbild im Einsatz war, sieht das ähnlich. Bei ihm häufen sich seit geraumer Zeit Treuhandmandate. Für Geiwitz ein Indiz, dass sich in absehbarer Zeit auch im Insolvenzbereich wieder etwas tun dürfte, wenngleich auch er derzeit „keine Schwemme an großen Regelverfahren“ prognostizieren will.

Über die Branchen, denen Ungemach droht, herrscht weitgehend Einigkeit in der Saniererzunft: Bei Autozulieferern- und -händlern sowie im Maschinenbau steigt demnach die Krisengefahr. Vor allem aber unter deutschen Einzelhändlern wähnen die Experten zahlreiche Pleitiers in spe.

Dort würden die Digitalisierung und der wachsende Onlinehandel bereits mit voller Wucht zuschlagen und das Geschäftsmodell vieler etablierter Player weiterhin massiv infrage stellen, sagt Weidtmann. Verschärft würde die Lage durch den heißen Sommer, der zu teils deutlichen Umsatzrückgängen in der Branche geführt habe, so Geiwitz. Tatsächlich häuften sich in den vergangenen Wochen vor allem im Modehandel die Hiobsbotschaften. Doch auch im gesamten Fachhandel nimmt der Verdrängungswettbewerb zu.

Auch im Autohandel und bei Autozulieferern deuten sich strukturelle Veränderungen an, die in den kommenden Jahren Spuren hinterlassen werden, sagt Thomas Steinberger, Restrukturierungsexperte der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC. Aktuell würden sich im Autohandel bereits Themen wie der Dieselskandal und Verzögerungen der Hersteller bei der Umsetzung einer neuen Norm bei der Abgasuntersuchung bemerkbar machen.

Langfristig noch entscheidender: Der Trend zur E-Mobilität. Ab 2025 würden die Flotten vieler Hersteller signifikant anders aussehen als heute, sagt Steinberger. Gefahren sieht der PwC-Experte dadurch insbesondere für Zulieferer aus dem Antriebsbereich. Er warnt aber vor Panikmache. Der Bedarf an klassischer Verbrennertechnik würde nicht auf einen Schlag wegbrechen. Unternehmen könnten gegensteuern, so Steinberger. Rechtsanwalt Frank Grell, der für die Wirtschaftskanzlei Latham & Watkins große Sanierungen begleitet, pflichtet ihm bei: „Ich sehe nicht, dass wir dort kurzfristig massive Verwerfungen bekommen“. Erste Krisenzeichen zeigten sich aber bei Maschinenbauern, die für die Autoindustrie tätig sind. Bei einzelnen Herstellern von Anlagen, die im Automotivesektor benötigt werden, sei die Nachfrage bereits zurückgegangen. Und auch die Handelskonflikte zwischen den USA und China sowie der EU könnten der exportabhängigen Branche künftig stärker zu schaffen machen.

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