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Interview mit Mark Zandi "Uns droht eine gefährliche Preisspirale"

Der Chefökonom des US-Finanzinstituts Moody’s Analytics rechnet mit einer niedrigen Inflation in den Euro-Ländern und erwartet, dass die Europäische Zentralbank (EZB) aggressiv gegen die Euro-Stärke vorgeht.

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Mark Zandi Quelle: dpa Picture-Alliance Michael Reynolds

WirtschaftsWoche: Herr Zandi, Portugal und Griechenland können sich wieder Geld am Kapitalmarkt leihen. Ist das Vertrauen der Finanzmärkte in die Euro-Länder zurückgekehrt?

Zandi: Die Lage in der Euro-Zone hat sich tatsächlich entspannt. Investoren und Konsumenten sind optimistischer. In einigen Peripherieländern sind Reformen passiert, nicht so umfangreich wie gewünscht, aber es gibt Fortschritte.

Wie gefährlich ist die niedrige Inflation in den Euro-Ländern?

Vor allem die südlichen Länder Europas haben mit der niedrigen Inflation ein Problem. Die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit von durchschnittlich zwölf Prozent setzt die Preise massiv unter Druck. Spanien steckt in einer gefährlichen Preisabwärtsspirale. Hier haben wir es bereits mit einer handfesten Deflation zu tun. Ich rechne damit, dass die Inflation in der Euro-Zone auch in den kommenden Monaten niedrig bleiben wird und nicht nur ein Ostereffekt war, wie Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank, Mitte April behauptet hat.

Was ist der Grund für diese Annahme?

Die niedrige Inflation hat fundamentale Gründe. Außer der hohen Arbeitslosigkeit ist vor allem die stockende Kreditvergabe in den südlichen Euro-Ländern ein Problem. Die niedrige Inflation und der hohe Euro-Wechselkurs sind eine Gefahr für eine weitere wirtschaftliche Erholung im Euro-Raum.

Welche Rolle spielt der starke Euro?

Der hohe Euro-Wechselkurs von 1,38 oder 1,39 Euro zum Dollar funktioniert für Deutschland, aber nicht für die anderen Euro-Länder, vor allem nicht für die Länder im Süden. Ich erwarte zwar, dass durch die Geldpolitik der US-Notenbank, Fed, die ihre Anleihekäufe Monat für Monat reduziert, der Euro bis Ende des Jahres bei 1,30 zum Dollar stehen wird. Bis Ende 2015 rechne ich mit einem Euro-Dollar-Wechselkurs von 1,25. Doch das ist immer noch zu hoch. Die EZB muss deshalb aggressiver gegen den starken Euro und die anhaltend niedrige Inflation vorgehen. Ich rechne damit, dass sie darauf spätestens in der zweiten Jahreshälfte mit neuen geldpolitischen Lockerungen reagieren wird. Dafür gibt es im Übrigen noch einen weiteren Grund.

Weniger Kredite

Griechenland ist am schlechtesten in die EU integriert
Mann mit griechischer Flagge Quelle: dapd
Blick auf Warschau Quelle: dpa
Blick auf Riga Quelle: dpa
Blick auf das ungarische Parlament Quelle: dpa
Platz in Vilnius, Litauen Quelle: AP
Ein Mädchen winkt mit der schwedischen Flagge Quelle: dpa
Urmas Paet und Frank-Walter Steinmeier Quelle: dpa

Welchen?

Der Stresstest, den die EZB derzeit bei den größten europäischen Banken durchführt, führt zu einem großen Druck auf die Finanzinstitute. Banken werden weniger Kredite vergeben können, weil sie im Zuge des Stresstests Assets verkaufen, um ihre Bilanzen zu bereinigen. Sinkt die Kreditvergabe in den Euro-Ländern aber noch weiter, hat das negative Folgen für das Wachstum. Und anders als in den USA gibt es in Europa kaum andere Quellen der Finanzierung außer über die Banken. Wenn also das Wachstum in den Euro-Ländern wegen der weiter nachlassenden Kreditvergabe der Banken stockt, dann ist das ein Grund für die EZB, geldpolitisch einzugreifen – vor allem dann, wenn der Euro immer noch bei 1,37 zum Dollar steht. Ich rechne deshalb damit, dass Draghi schon vor der Bekanntgabe der Stresstestergebnisse im Herbst eingreifen wird. Er bereitet die Märkte ja derzeit intellektuell mit Worten darauf vor. Quantitative Easing würde den Euro drücken, die Banken könnten sich billiger rekapitalisieren.

Rechnen Sie damit, dass auch die EZB ein Anleihe-Ankaufprogramm startet, so wie es die US-Notenbank getan hat?

Der Kauf von Wertpapieren wie Staatsanleihen und Hypothekenpapieren, wie es die US-Notenbank tut, ist schwierig für die EZB. Da kommen nicht nur rechtliche Probleme auf, wie die Frage, ob die EZB damit Staatsfinanzierung betreibt. Zudem ist unklar, ob das Geld, welches die EZB über den Ankauf von Staatsanleihen den Banken zukommen lässt, tatsächlich in der Realwirtschaft ankommt, also ob damit die Kreditvergabe angekurbelt wird.

Konjunktur



Welche geldpolitischen Instrumente kämen dann infrage?

Eine Möglichkeit wären zum Beispiel Covered Bonds, gedeckte Schuldverschreibungen. Der Markt hat derzeit ein Volumen von rund einer Billion Euro. Es gab ja bereits zwei Programme zum Ankauf solcher Papiere durch die EZB, um den Refinanzierungsproblemen der Banken entgegenzuwirken.

Was erwarten Sie von dem Banken-Stresstest, den die Europäische Zentralbank gerade bei den 128 größten Banken durchführt?

Es hat seit der Euro-Krise drei Stresstests gegeben, die alle nicht genügten. Mehr als fünf Jahre nach der Krise sinkt die Kreditvergabe in den Euro-Ländern immer noch. Deshalb ist dieser Stresstest sehr wichtig. Dieses Mal scheint er in die richtige Richtung zu gehen. Die Banken fangen an, sich über die Härte des Tests zu beschweren. Das ist ein gutes Zeichen dafür, dass die Prüfer hart zur Sache gehen. Ein wunder Punkt an der angestrebten zentralen europäischen Bankenaufsicht ist der Bail-out-Fonds. Der ist mit 55 Milliarden Euro viel zu klein. Hier müssen die Politiker noch nachlegen. Es ist ein großes Risiko für die Euro-Länder, sollten die Banken nicht über genügend Kapital verfügen.

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