Investitionen

Niedrige Investitionen werden auf Dauer zum Problem

Alle Wirtschaftsstudenten lernen: Die Höhe der Investitionen hängt von der Höhe der Zinsen ab. Angesichts historisch niedriger Zinsen müssten die Investitionen also sehr hoch sein. Warum ist das nicht so? Eine Kolumne.

Trotz historisch niedriger Zinsen sind die Investitionen von Staat und Wirtschaft rückläufig. Quelle: dpa

Tatsächlich wird in Deutschland immer weniger investiert. Dabei ist die deutsche Wirtschaft eine Hochtechnologie-Wirtschaft. Um unsere Stellung im Weltmarkt und unseren Wohlstand zu erhalten, sind Investitionen dringend notwendig. Warum investieren wir dennoch so wenig?

Zunächst einmal: Sind die Zinsen überhaupt extrem niedrig? Die Zinsen für neue Kredite an Unternehmen liegen in den Euro-Ländern zwischen 1,5 und 2,5 Prozent. Der Realzins ist höher: Deflationiert mit den Erzeugerpreisen, die derzeit um 0,5 bis 1,0 Prozent jährlich fallen, ergibt sich ein Realzins zwischen 2,0 und 3,5 Prozent. Das ist gar nicht so wenig. Bei höherer Inflation, die die Europäische Zentralbank mit ihrer Geldpolitik ja anstrebt, sähe diese Bilanz günstiger aus.

Stefan Bielmeier Quelle: Presse

Der Realzins ist aber nur eine, und wahrscheinlich noch nicht einmal die wichtigste Determinante für Investitionen. Die Investitionen des Staates beispielweise, rund ein Zehntel vom Ganzen, sind nur insofern zinsabhängig, als niedrige Zinsen im Staatshaushalt Ausgabenspielräume schaffen. An kräftig sprudelnden Steuereinnahmen mangelt es jedoch hierzulande nicht. Dennoch liegt Deutschland bei den öffentlichen Investitionen im internationalen Vergleich weit hinten. Netto, also abzüglich der Abschreibungen, sind die Investitionen des Staates seit 2003 sogar negativ. Es wird also Jahr für Jahr vom Kapitalstock gezehrt.

Schon Ende 2012 hatte eine von den Länder-Verkehrsministern eingesetzte Kommission eine Erhöhung der Infrastrukturinvestitionen um mehr als zehn Prozent für notwendig erklärt, um "weitere volkswirtschaftliche Schäden zu vermeiden und den Wirtschaftsstandort Deutschland nicht zu gefährden". Andere Studien, die neben der Verkehrsinfrastruktur auch Breitbandnetze oder neue Stromtrassen ins Bild nehmen, kommen zu noch dramatischeren Investitionsdefiziten. Ein wichtiger Beitrag zu dieser Diskussion ist das Gutachten der Fratzscher-Kommission, das ebenfalls die über lange Zeit unzureichende Erhaltung der öffentlichen Infrastruktur kritisiert.

Die Stärken Deutschlands

Die aktuelle Flüchtlingsproblematik drängt diese Überlegungen zusätzlich in den Hintergrund. Die Aufgaben, vor denen Deutschland hier steht, erzwingen andere Ausgaben, von der Administration des Zustroms über die Unterbringung bis hin zu Integration und Qualifikation der Neuankömmlinge. Nur ein Teil der Ausgaben, so etwa Ankäufe, Neubau oder Ausbau von Gebäuden wird sich auch in höheren staatlichen Investitionsausgaben niederschlagen.

Die Schwächen Deutschlands

Und wie sieht es bei den Investitionen der Wirtschaft aus? Diese Frage ist schwerer zu beantworten: Investitionsentscheidungen werden von den Unternehmen dezentral getroffen, und es gibt keinen objektiven Maßstab, ob sie ausreichend sind. In der Fachdiskussion werden die gesamtwirtschaftlichen Investitionsquoten daher zwischen Ländern verglichen. Entscheidend für die Diskussion um die Investitionslücke und die Zukunftssicherheit der deutschen Wirtschaft sind die Ausrüstungsinvestitionen, also die Ausgaben für Maschinen, Transportausrüstungen und Forschung und Entwicklung. Die Statistik sagt hier, dass der Anteil der Ausrüstungsinvestitionen am Bruttoinlandsprodukt in den letzten 25 Jahren in Deutschland immer über dem Durchschnitt der Euro-Länger lag, und er ist auch aktuell noch höher.

Richtig ist aber auch, dass die Quote der Ausrüstungsinvestitionen auf lange Sicht einen rückläufigen Trend zeigt. Anfang der Siebzigerjahre lag sie bei fast zehn Prozent, seitdem bröckelte sie kontinuierlich ab - auf zuletzt 6,5 Prozent. Eine wichtige Erklärung für die sinkende Quote der Ausrüstungsinvestitionen – nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Industrieländern – ist die Verbilligung vieler Investitionsgüter, insbesondere im Bereich Datenverarbeitung oder computergestützten Maschinen. Gemessen an den impliziten Preisindizes der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen kosten Maschinen heute nur etwa 1,5mal so viel wie 1970, während das Preisniveau des BIP im Ganzen in dieser Zeit auf das 3,1-fache gestiegen ist. Relativ hat sich also der Preis für Investitionen in Maschinen halbiert. Entsprechend fällt ihr Anteil am nominalen Bruttoinlandsprodukt niedriger aus.

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