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IWF-Prognose 2020 droht eine „epochale Rezession“

Wird der „Große Lockdown“ so verheerende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben wie die „Große Depression“ der 1920er- und 1930er-Jahre? Quelle: dpa

Die Welt steht wegen der Corona-Pandemie vor der größten Rezession seit fast 100 Jahren. Auch für Deutschland und die Eurozone ist der Ausblick des IWF düster. 2021 gibt es aber zumindest Hoffnung für eine Erholung.

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Wegen der Coronavirus-Pandemie wird die Wirtschaft in diesem Jahr weltweit dramatisch schrumpfen: Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet mit der schwersten globalen Rezession seit fast hundert Jahren. Die weltweite Wirtschaftsleistung könnte 2020 um 3 Prozent zurückgehen, jene der Eurozone sogar um 7,5 Prozent, wie der IWF am Dienstag in seiner jüngsten Prognose zur globalen Konjunktur erklärte. Im Januar hatte der IWF für 2020 noch ein globales Wachstum von 3,3 Prozent prognostiziert, die Eurozone sollte um 1,3 Prozent zulegen.

„Es ist eine wirklich globale Krise, weil kein Land verschont bleibt“, sagte IWF-Chefvolkswirtin Gita Gopinath vor Journalisten. Es müsse mit einem deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit gerechnet werden. Der IWF bezeichnet die Corona-Krise in Anlehnung an die Weltwirtschaftskrise der 1920er und 1930er Jahre, die sogenannte Große Depression, als „die Große Ausgangssperre“ (Englisch: The Great Lockdown). Gopinath erklärte, der prognostizierte Wirtschaftseinbruch werde „die schlimmste Rezession seit der Großen Depression sein und wesentlich schlimmer als die globale Finanzkrise“ von 2008 bis 2009.

Für rund 170 Länder der Welt rechnet der IWF für dieses Jahr mit schrumpfenden Pro-Kopf-Einkommen. Die Weltwirtschaftsleistung werde wegen der Pandemie daher 2020 und 2021 wohl um rund 9 Billionen US-Dollar (8,2 Billionen Euro) sinken, sagte Gopinath.

Für das kommende Jahr rechnet der IWF mit einer deutlichen Erholung. Die globale Wirtschaft soll dann im Vergleich zum Vorjahr um 5,8 Prozent wachsen, jene der 19 Länder der Eurozone um 4,7 Prozent. Voraussetzung dafür ist aber, dass die Epidemie im zweiten Halbjahr 2020 weitgehend unter Kontrolle gebracht werden kann und sich auch das Wirtschaftsleben wieder normalisiert, wie der IWF erklärte.

Die Organisation warnte aber, dass die Prognosen mit „extremer Unsicherheit“ behaftet seien. Die wirtschaftlichen Folgen hingen von sehr vielen Faktoren ab, darunter der Dauer und Intensität der Pandemie, hieß es. Sollte die Pandemie in der zweiten Jahreshälfte nicht zurückgehen, könnte die globale Wirtschaft dieses Jahr sogar um 6 Prozent einbrechen und auch 2021 noch schrumpfen, sagte Gopinath.

In Deutschland soll die Wirtschaft dem IWF zufolge 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 7 Prozent schrumpfen, in Spanien um 8 Prozent, in Italien sogar um 9,1 Prozent. Für die USA, die größte Volkswirtschaft der Welt, sieht der IWF ein Minus von 5,9 Prozent vor. Seit Mitte März haben dort bereits rund 17 Millionen Menschen Anträge auf Arbeitslosenhilfe gestellt, was auf einen dramatischen Konjunktureinbruch schließen lässt. In Japan soll die Wirtschaftsleistung dem IWF zufolge um 5,2 Prozent zurückgehen. In China wiederum - wo die Corona-Krise inzwischen unter Kontrolle scheint - soll die Wirtschaft zumindest noch um 1,2 Prozent wachsen.

Der IWF forderte alle Regierungen auf, die Wirtschaft gezielt zu unterstützen, um die Folgen der Krise zu überwinden. Dazu gehörten Kreditprogramme für betroffene Unternehmen genauso wie zusätzliche Mittel des Staates, um betroffenen Branchen zu helfen, wie der IWF erklärte. Durch gezielte Hilfen werde der Weg für eine Erholung im kommenden Jahr gelegt, hieß es weiter.

Viele ärmere Staaten haben allerdings nicht genügend Spielraum für zusätzliche Ausgaben. Und um sich auf den internationalen Kreditmärkten frisches Geld zu besorgen, müssen Entwicklungs- und Schwellenländer inzwischen höhere Finanzierungskosten in Kauf nehmen. Dutzende Staaten haben daher bereits beim IWF Notkredite beantragt, um ihre Gesundheitssysteme zu stärken und die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abzufedern. Der IWF kündigte zudem Schuldenerleichterungen für 25 der ärmsten Länder an, darunter etwa Afghanistan, Haiti, Mali, Mosambik, der Kongo und der Jemen.

Auch die führenden Industriestaaten der G7-Gruppe erklärten am Dienstag, sie würden den Schuldendienst für die ärmsten Länder wegen der Corona-Krise für eine begrenzte Zeit aussetzen. Voraussetzung sei aber die Beteiligung aller G20-Staaten, hieß es in einer Mitteilung des US-Finanzministeriums nach einem Telefonat der G7-Minister und Zentralbankchefs. Damit müsste unter anderem auch China zustimmen, das zuletzt Kredite an viele Entwicklungsländer vergeben hat. Auch der IWF-Topf für Nothilfen solle aufgestockt werden, hieß es weiter.

Die Bundesregierung in Berlin signalisierte ebenfalls Zustimmung für eine Aufstockung des IWF-Katastrophenfonds CCRT. „Wir werden die Initiative auch diesmal finanziell unterstützen“, hieß es am Dienstag aus Kreisen des Finanzministeriums. Bei weiteren Maßnahmen stehe die Bundesregierung dem IWF ebenfalls zur Seite.

In Frankreich erklärte Finanzminister Bruno Le Maire, es gebe im Rahmen der G20 bereits Konsens dafür, den ärmsten Ländern im laufenden Jahr einen Zahlungsaufschub einzuräumen. „Wir haben das im Rahmen des Pariser Clubs erreicht und im Rahmen der G20, da China unser Vorgehen unterstützt hat“, sagte Le Maire. Das betreffe 76 Länder, hauptsächlich in Afrika. Bei der Einigung gehe es um rund 20 Milliarden US-Dollar. Der Pariser Club hat 22 Mitglieder, unter ihnen auch Deutschland. Sie haben vergleichbare Kreditregeln und verhandeln immer wieder über größere Schuldennachlässe für Staaten.

Für die Länder Afrikas südlich der Sahara rechnet der IWF 2020 mit einem Schrumpfen der Wirtschaftsleistung von 1,6 Prozent. Besonders hart soll es dort die größten Volkswirtschaften treffen, Nigeria (minus 3,4 Prozent) und Südafrika (minus 5,8 Prozent). Beide sind auch stark vom Verfall der Rohstoffpreise betroffen. Nigeria hat beim IWF bereits einen Notkredit beantragt. Für Südamerika und die Karibik rechnet der IWF für dieses Jahr mit einem Minus von 5,2 Prozent, für den Nahen Osten und Zentralasien mit 2,8 Prozent.

Die jüngste Wirtschaftsprognose wurde im Rahmen der Frühjahrstagung von IWF und Weltbank präsentiert. Wegen des Coronavirus findet die Tagung, zu der sonst Minister, Banker und Experten aus aller Welt nach Washington reisen, allerdings nur virtuell statt.

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