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Jagdish Bhagwati „Die USA sind Schuld am Trend zum Protektionismus“

Jagdish Bhagwati, der weltweit bekannteste Handelsexperte, befürchtet Handelskriege und schwächeres Wachstum, weil die Welt vom Freihandel abrückt. Schuld daran sei vor allem Amerika.

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Jagdish Bhagwati ist von US-Präsident Barack Obama enttäuscht: Wie schon seine Vorgänger habe auch er nichts für mehr Freihandel getan. Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Professor Bhagwati, überall in der Welt schotten Staaten ihre Märkte ab. Woher kommt der Trend zum Protektionismus?

Bhagwati: Schuld sind hauptsächlich die USA. Ich bin sehr enttäuscht von Präsident Barack Obama. Wie schon seine Vorgänger hat auch er nichts für mehr Freihandel getan – im Gegenteil. Er ist dabei, ein neoprotektionistisches Regime aufzubauen.

Neue Handelsschranken errichten aber vor allem Schwellenländer wie Brasilien, Indien oder China.

Das ist richtig. Vor allem Brasilien ist sehr protektionistisch. Das Land hat ein Problem mit dem Real, der zum Dollar zu stark aufgewertet hat. Brasilien könnte das Problem angehen, indem es Kapitalbeschränkungen einführt und nicht so viele Dollar ins Land lässt. Stattdessen schützt Brasilien seine eigene Industrie durch Protektionismus vor Wettbewerb.

Treibt die Welthandelsorganisation WTO den Freihandel noch voran?

Die Doha-Runde der WTO, deren Ziel neue Freihandelsverträge waren, ist klinisch tot. Es macht trotzdem Sinn, die WTO wieder zu stärken. Aber dem Freihandel können nur die Amerikaner neues Leben einhauchen. Denn es hat in der Welt ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Statt multilateraler Verträge schließen die Länder mehr bilaterale, plurilaterale und regionale Handelsabkommen ab.

Was ist daran so schlecht? Die USA und Südkorea haben vereinbart, künftig 80 Prozent der Zölle zu streichen.

Das Problem an bilateralen Verträgen ist, dass sie meist vom jeweils stärkeren Handelspartner dominiert werden, der die Regeln zu seinen Gunsten zuschneidet. Ländern wie Chile oder Südkorea bleibt letztlich nichts anderes übrig, als zuzustimmen. Das ist bei multilateralen Verträgen nicht der Fall.

Vielleicht sind die Interessen der Schwellenländer zu unterschiedlich, um sie in multilaterale Verträge zu bündeln.

Multilaterale Verträge kommen nicht zustande, weil die USA bilaterale Verträge abschließen und sich so eine Welt backen, in der nur ihre Regeln gelten. Europa schließt ebenfalls bilaterale Verträge und baut gegen die USA Handelsschranken auf. China verhält sich ähnlich.

Neue Rolle der WTO

Wie sich die Welt abschottet
US-Präsident Barack Obama Quelle: dpa
Ein Straßenhändler in Indien Quelle: REUTERS
Ein Bauer füttert seine Kühe Quelle: dpa/dpaweb
Abbau von Seltenen Erden in einer Mine in Ganxian Quelle: dpa
Die Christusstatue auf dem Corcovado Quelle: dapd
Mitarbeiter der Volkswagen AG im VW-Werk in Kaluga Quelle: AP
Arbeiter entladen importierten Reis von einem Schiff Quelle: REUTERS

Was sind die Folgen?

Die Welt zerfällt in Blöcke. In Asien wird ein Handelsblock auf Geschäfte mit dem Westen konzentriert sein, der andere auf China. Ähnliches passiert in Südamerika. Mexiko und kleinere Länder einigen sich mit den USA auf bilaterale Verträge, große wie Brasilien und Argentinien schotten sich ab. Zwischen den Blöcken ist der freie Handel blockiert. Was folgt, ist weniger Welthandel bei zunehmenden politischen Streitigkeiten. Das macht mir große Sorgen.

Fürchten Sie neue Handelskriege und in der Folge weniger Wachstum?

Das Wort Krieg ist mir zu dramatisch. Aber Auseinandersetzungen zwischen Ländern werden zunehmen, was letztlich den Handel hemmt.

Was schlagen Sie vor, um diese Entwicklung aufzuhalten?

Die WTO muss ihre Rolle neu definieren. Sie muss dieselbe Bedeutung für den weltweiten Freihandel haben wie der Vatikan für den Katholizismus.

Wie meinen Sie das?

Wenn nur noch bilaterale Verträge das neue Spiel sind, dann muss die WTO dafür sorgen, dass nicht der Stärkste beim Abschluss dieser Verträge gewinnt. Solche Verträge müssen unter der Schirmherrschaft der WTO stattfinden. Sie muss als Schlichterin auftreten und Sanktionen bei Verstößen erlassen. Solange Länder Mitglieder in der Welthandelsorganisation sind, müssen sie sich auch an die internationalen Regeln halten – das gilt für die USA genauso wie für Brasilien. Außerdem muss die WTO dafür sorgen, dass bestehenden Verträgen andere Länder beitreten können.

Momentan sieht es so aus, als stünden Sie als Kämpfer für den Freihandel allein auf weiter Flur.

Mag sein. Aber ich bleibe dabei. Es ist gefährlich für den Wohlstand aller, wenn ein Land oder wenige Länder die Regeln auf der Welt bestimmen. Davon abgesehen sind die vielen bilateralen Verträge mit unterschiedlichen Regeln für jedes Land auch ineffizient für den Handel. Internationale Unternehmen, die aus so vielen verschiedenen Ländern ihre Produkte beziehen, müssen zig verschiedene Tarife und Verordnungen beachten. Sie wünschen sich einheitliche Regeln. Der freie Welthandel hat in den vergangenen Jahren so vielen Ländern wirtschaftliches Wachstum gebracht. Wir sollten nun keinen Schritt zurück machen.

In Arbeit
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Bei der US-Präsidentschaftswahl vor vier Jahren trugen Sie einen Obama-Button. Werden Sie bei der diesjährigen Wahl wieder einen tragen?

Ich bin Demokrat – und keinesfalls antiamerikanisch. Ja, ich war ein großer Obama-Unterstützter. Das bin ich nicht mehr. Ich spende keinen Cent mehr für Obama. Er hat sich in Amerika nicht stark gemacht gegen den nationalen Protektionismus in seinem Land.

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