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Japan in der Rezession Haben die Abenomics versagt?

Seit vielen Jahren steckt Japan in der Krise. Regierungschef Shinzo Abe trat an, um dem ein Ende zu setzen. Doch die erneute Rezession stellt seine „Abenomics“ genannte Wirtschaftspolitik in Frage.

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Japan steckt in der Krise. Quelle: REUTERS

Es ist noch nicht lange her, da feierten die internationalen Finanzmärkte das Comeback der japanischen Wirtschaft. „Abenomics“ sorgte für Partystimmung. Die neue Wirtschaftspolitik des japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe weckte Zuversicht, dass die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt aus der Krise mit jahrelanger Deflation und Stagnation herauskommt.

Abes „drei Pfeile“ sollen es richten: Aggressives Gelddrucken, Konjunkturspritzen und Reformen. Doch kaum sind die beiden ersten Pfeile verschossen, lässt die Wirkung schon nach, bevor der dritte überhaupt abgefeuert ist.

Am Montag dann der Schock: Japan ist in eine Rezession zurückgefallen.

„Abenomics“ droht zu scheitern. Japan vor dem „Abegeddon“?, fragte ein britisches Wirtschaftsblatt auf Twitter am Montag launisch angesichts der düsteren Stimmung. Dabei hatten Ökonomen nach dem erwarteten Einbruch im zweiten Kalenderquartal in Folge einer Anhebung der Mehrwertsteuer im April jetzt mit einer Erholung der Konjunktur gerechnet.

Toyota und Co. produzieren längst woanders

Doch es kam anders. Aber nicht etwa wegen des anhaltend schwachen Konsums der Verbraucher. Der legte zwischen Juli und September um immerhin 0,4 Prozent zum Vorquartal zu. Nein, worin sich die Regierung und Ökonomen verkalkuliert hatten, waren die Investitionen.

Japans Lage

Die fielen deutlich schwächer aus als vermutet, sowohl bei Immobilien wie auch bei Anlageinvestitionen kam es zu empfindlichen Rückgängen. Zudem reduzierten die Firmen ihre Lagerbestände drastischer als erwartet. Hinzu kommt, dass sich die Exporte als lange Zeit wichtigste Wachstumslokomotive schwächer entwickeln als angenommen.

Und dass, obgleich die extreme Lockerung der Geldpolitik eine rapide Abwertung des Yen zur Folge hatte. Doch Japans große Unternehmen wie Toyota produzieren längst in ihren Absatzmärkten wie den USA, China und Europa, da wirkt sich der schwache Yen auf die Exporte selbst nur wenig aus.

Zwar sind die Erlöse der Konzerne aus den Exporten rasant gestiegen, ohne aber, dass es Japans Wirtschaft dadurch erheblich besser geht.

Japan denkt über Konjunkturspritzen nach

All dies zeigt nach Einschätzung von Ökonomen, dass die Unternehmen des Landes in Bezug auf „Abenomics“ nicht sonderlich optimistisch zu sein scheinen. Vor allem Abes „dritter Pfeil“, die Strukturreformen, enttäuscht.

Während seine Wachstumspolitik aus einer noch nie dagewesenen Geldschwemme und massiven Konjunkturprogrammen allmählich an Wirkung verliert, sind die von Abe versprochenen strukturellen Reformen der Wirtschaft noch nicht einmal auf den Weg gebracht.

Zehn Vorurteile über Japan - und die Wahrheit
Japan ist nicht Asien!Als Inselreich gehört Japan selbst geografisch nicht hundertprozentig zu Asien. Und kulturell auch nur eingeschränkt. Wer Japan kennt, kann also nicht sagen, dass er Asien kennt. Das liegt vor allem daran, dass sich Japan zwischen dem frühen 17. Jahrhundert und 1854 fast völlig von Asien und dem Rest der Welt abkapselte. Nur über die kleine niederländische Handelsstation Dejima (Bild) im Hafen von Nagasaki wurden Waren und Informationen ausgetauscht. Aber Japan blieb dadurch auch verschont von westlichem Kolonialismus. Nach der Meiji-Restauration 1868 modernisierte sich Japan in atemberaubender Geschwindigkeit und wurde selbst zu einer in Asien expandierenden Großmacht. Quelle: Gemeinfrei
Japaner und Chinesen haben nicht dieselbe SchriftDie japanische Schrift ist eine einzigartige Mischung. Eigennamen werden zum Großteil mit chinesischen Schriftzeichen – Kanji – geschrieben. Die Japaner nutzen etwa 2000 dieser Zeichen.  Einige Wörter und vor allem Endungen und Partikel werden in der Lautschrift Hiragana geschrieben. Für die immer zahlreicher werdenden Fremdwörter nutzen Japaner eine eigene Silbenschrift: Katakana. Quelle: Fotolia
Japaner sprechen nicht von „Samurai“Der Begriff wird eher im Westen verwendet. Japaner sprechen meist von „Bushi“, wenn sie die Krieger des alten Japans meinen. Der Ehrenkodex der Krieger hieß daher „Bushidô“, also „Weg des Kriegers“. Mit einem gewissen Rapper der Gegenwart hat das überhaupt nichts zu tun. Quelle: Fotolia
Geishas sind keine ProstituiertenJapans Kurtisanen sind bewandert in allen schönen Künsten, oft mehrerer Sprachen mächtig und vor allem redegewandt. Sie lachen, scherzen, tanzen, musizieren und bewegen sich äußerst gekonnt, lassen dezent Haut blitzen oder auch nicht und verwöhnen den Gast mit erlesenen Gerichten und Alkoholika. Sie sind ein Stück japanische Tradition aber keinesfalls Prostituierte - das waren sie auch früher nicht. Quelle: dpa
In Japan gibt es ausgezeichnetes BierDas traditionelle japanische alkoholische Nationalgetränk ist "Sake". Ein milder Reiswein, der im Winter heiß, im Sommer kalt genossen wird. Seit der Öffnung des Landes im 19. Jahrhundert und dank der Unterrichtung durch deutsche Braumeister hat sich aber immer mehr das Bier als eigentliches Nationalgetränk im Alltag durchgesetzt. Vor allem zu Sushi passt Bier am besten. Quelle: AP
Anime und Manga sind kein KinderkramAnimationsfilme und japanische Comics haben sich längst auch bei erwachsenen Japanern durchgesetzt. Viele sind thematisch auch ganz und gar nicht für Kinder gedacht. Sie sind der größte Kultur-Export-Schlager Japans, nicht zuletzt in Deutschland. Die Wurzeln des Manga sind in der alten japanischen Holzschnittkunst zu suchen, den ukio-e. Quelle: dpa
Japaner lächeln nicht immerEs stimmt schon, Japan ist ein Land des Lächelns. In Geschäften, in Restaurants wird man als Kunde wohltuend freundlich behandelt, selbst bei unfreundlichen Anlässen. Aber wer mehr als ein paar Touristentage in Japan verbringt, wird schnell auch japanische Härte und sogar Unfreundlichkeit erleben. Japanische Zollbeamte zum Beispiel kennen kein Lächeln. Einen lächelnden Sumo-Ringer wird man auch nur selten finden – zumindest nicht beim Kampf. Quelle: REUTERS

„Das Zeitfenster für Strukturreformen und die erfolgreiche Stabilisierung der Staatsfinanzen in Japan schließt sich zur Zeit sehr schnell“, warnt Martin Schulz, Ökonom beim Fujitsu Research Institute in Tokio. Die Bank von Japan und das Finanzministerium werden ihre aggressive Geld- und Fiskalpolitik nicht auf Dauer so fortsetzen können.

Die Zentralbank läuft die Gefahr, dass ihre massiven Aufkäufe von Staatsanleihen als Finanzierung der staatlichen Schuldenpolitik der Regierung aufgefasst werden könnten.

Eine Erholung sieht anders aus

Wie also geht es weiter mit Japan? Scheinbar nach altbekannter Manier: Die für kommendes Jahr geplante weitere Anhebung der Verbrauchssteuer, mit der eigentlich die maroden Staatsfinanzen angegangen werden sollten, wird Abe angesichts der erneuten Rezession aller Voraussicht nach um zwei Jahre verschieben.

Zugleich denkt die Regierung bereits über weitere Konjunkturspritzen nach. Dass sie damit die nächsten Wahlen, die sie nicht ohne Grund scheinbar auf Dezember vorziehen will, gewinnen dürfte, bezweifelt keiner.

Konjunktur



Im Ergebnis aber könnte dies nach Befürchtung von Ökonomen darauf hinauslaufen, dass schmerzliche Reformen mal wieder auf die lange Bank geschoben werden, während der Konjunkturmotor mit weiterer Verschuldung am Laufen gehalten wird.

Eine sich selbst tragende Erholung der Wirtschaft sieht anders aus. Manche Ökonomen revidierten am Montag ihre Wachstumsprognosen bereits deutlich nach unten.

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