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Jens Weidmann Ein Kämpfer für die Geldstabilität dankt ab

Quelle: REUTERS

Jens Weidmann tritt überraschend als Bundesbank-Präsident zurück. Das bedauern viele. Schließlich bot der Ökonom der EZB-Mehrheitsmeinung mehr als einmal die Stirn.

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Der Schritt mag sich bei näherer Betrachtung abgezeichnet haben. Doch für die meisten kommt die Ankündigung von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann völlig überraschend, nach mehr als zehn Jahren als oberster deutscher Währungshüter zum Jahresende seinen Hut nehmen zu wollen. Denn der promovierte Ökonom genießt in der internationalen Finanzwelt hohes Ansehen und ist in der deutschen Bevölkerung sehr beliebt. Wie schon seine Vorgänger bei der Bundesbank steht auch der ehemalige Top-Wirtschaftsberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel für eine strikt auf Währungsstabilität ausgerichtete Geldpolitik.

In den vergangenen Jahren geriet der 53-Jährige wiederholt auf Konfrontationskurs zur Mehrheitsmeinung in der Europäischen Zentralbank (EZB). Denn die Geldpolitik ist im Zuge der Euro-Schuldenkrise, der anschließenden Wirtschaftsflaute und zuletzt der Corona-Pandemie immer lockerer und auch unkonventioneller geworden. Ultratiefe Zinsen bis hin zu Negativzinsen, billionenschwere Anleihenkäufe und Notfall-Programme – für Weidmann birgt das alles auf lange Sicht die Gefahr schwerer Nebenwirkungen wie Preisübertreibungen oder das Ausschalten von Marktfunktionen. Dazu komme bei den Staatsanleihenkäufen die Gefahr, dass Grenzen zur verbotenen Staatsfinanzierung immer mehr verwischt werden.

Besonders laut knirschte es auf dem Höhepunkt der Euro-Schuldenkrise 2012, als das Auseinanderbrechen der Gemeinschaftswährung drohte. Damals war Weidmann der einzige im EZB-Rat, der gegen den Beschluss für das OMT („Outright Monetary Transactions“) getauften Anleihen-Kaufprogramms stimmte. Das noch nie eingesetzte Rettungsprogramm sieht vor, im Notfall unbegrenzt Staatsanleihen einzelner Euro-Länder zu erwerben. Mit OMT ließ die EZB den inzwischen geflügelten Worten des ehemaligen EZB-Chefs Mario Draghis Taten folgen, sie werde alles innerhalb ihres Mandats tun, um den Euro zu retten („whatever it takes“). Draghi kritisierte die deutsche Haltung damals ungewöhnlich offen auf Deutsch – ohne Weidmann explizit zu nennen - als „Nein zu allem.“ Von seinen inhaltlichen Bedenken ist Weidmann bis heute nicht abgerückt.

Unter Draghis-Nachfolgerin im EZB-Chefsessel, Christine Lagarde, hat sich das Verhältnis zur EZB zwar deutlich entspannt – doch auch unter ihr befindet sich Weidmann häufig in der Minderheitsposition. So waren er und Belgiens Notenbank-Chef Pierre Wunsch im Juli die einzigen im EZB-Rat, die den neuen geldpolitischen Ausblick der Euro-Notenbank bis zuletzt abgelehnt hatten. Ihm sei die potenziell zu lange Fortschreibung der tiefen Zinsen zu weitgehend gewesen, begründete Weidmann seine Position.

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    Weidmann wurde im Mai 2011 nur wenige Tage nach seinem 43. Geburtstag Deutschlands jüngster Bundesbank-Präsident. 2019 wurde der gebürtige Solinger, der mit seiner Familie im Rheingau wohnt, für eine zweite achtjährige Amtszeit ernannt. Schon vor der Übernahme des Chefsessels bei der Bundesbank konnte Weidmann auf eine steile Karriere blicken.

    Der 1968 geborene Weidmann wuchs im schwäbischen Backnang auf, wo er auch 1987 Abitur machte. Fast hätte er Chemie studiert, wie er einmal sagte. Am Ende entschied er sich aber für die Volkswirtschaft. Das Studium führte ihn, der fließend Französisch spricht, unter anderem nach Aix-en-Provence. Seine Promotion schloss er 1997 an der Universität Bonn ab. Zweitgutachter war damals der spätere Bundesbank-Präsident Axel Weber. Von 1997 bis 1999 arbeitete er beim Internationalen Währungsfonds (IWF). Dann kamen Jahre als Generalsekretär des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung - auch als Fünf Weisen bekannt. 2003 kam ein Wechsel zur Bundesbank, wo er bis 2006 die wichtige Abteilung Geldpolitik und monetäre Analyse leitete. Dort erreichte ihn der Ruf nach Berlin - Bundeskanzlerin Angela Merkel berief ihn zum Leiter der Abteilung Wirtschafts- und Finanzpolitik im Kanzleramt. Vor seinem Wechsel an die Bundesbank-Spitze war er Merkels persönlicher Beauftragter für die Wirtschaftsgipfel der G8- und G20-Staaten.

    Lob im Heimatland - Skepsis im Süden

    In Deutschland erntet Weidmann mit seiner häufig auch öffentlich geäußerten Kritik am ultralockeren EZB-Kurs viel Beifall. In konservativen deutschen Kreisen wurde er deswegen zeitweise als einsamer Rufer in der Wüste porträtiert. In schuldengeplagten südlichen Euro-Ländern wurden seine Positionen dagegen weniger freundlich kommentiert – besonders dann, wenn er in seinen Reden auch Bemerkungen zur Haushaltspolitik einfließen ließ.

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    Zu den unterschiedlichen Positionen im EZB-Rat merkte Weidmann einmal an: „Aber das ist doch auch total in Ordnung. Wenn wir alle die gleiche Auffassung hätten, dann müssten wir uns nicht treffen, um zu diskutieren.“ EZB-Chefin Lagarde bezeichnete Weidmann als persönlichen Freund, auf dessen Loyalität sie immer habe zählen können. Langjährige Bundesbank-Mitarbeiter schätzen seinen uneitlen Führungsstil. „Er kann zuhören und lässt in der Diskussion auch abweichende Argumente zu“, sagte einer über ihn. Den Beschäftigten in der Bundesbank schrieb Weidmann bei seiner Rücktrittsankündigung, er sei zur Überzeugung gelangt, dass mehr als zehn Jahre ein gutes Zeitmaß seien, um ein neues Kapitel aufzuschlagen. Das gelte sowohl für die Bundesbank als auch für ihn persönlich.

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