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Jerome Powell in Jackson Hole Die finanzielle Repression setzt sich fort

US-Notenbankchef Jerome Powell will die Anleihenkäufe der Notenbank allmählich zurückfahren. Höhere Leitzinsen aber seien noch nicht angezeigt, sagt Powell. Die finanzielle Repression setzt sich fort. Quelle: imago, Montage

Der Chef der US-Notenbank Fed, Jerome Powell, deutet einen baldigen Ausstieg aus den Anleihenkäufen an. Doch von einer echten geldpolitischen Wende sind die USA noch weit entfernt.

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Eigentlich wollten sich die führenden Zentralbanker der Welt in diesen Tagen persönlich in Jackson Hole, einem pittoresken Tal im US-Bundesstaat Wyoming, zu ihrem jährlichen Get-Together treffen. Doch die auch in den USA um sich greifende Delta-Variante des Coronavirus machte den Notenbankern einen Strich durch die Rechnung. Und so findet das Konklave der Geldhüter in diesem Jahr wie schon im Vorjahr virtuell statt.

Keine höheren Leitzinsen in Sicht

Dem Interesse der Finanzmärkte an der Eröffnungsrede von Jerome Powell, dem Chef der US-Notenbank Fed, tat dies jedoch keinen Abbruch. An den Börsen erwartete man neue Signale von Powell, ob und wann die Fed aus ihren Anleihenkäufen aussteigt. Auch wenn in Powells Rede der gewohnt abwägende Duktus dominierte, so konnten die Anleger aus ihr doch ablesen, was sie erwartet hatten. Die Fed wird – wenn nichts dazwischen kommt – im vierten Quartal den Beschluss fassen, ihre Anleihenkäufe von derzeit monatlich 120 Milliarden Dollar allmählich zurückzufahren.

Der Arbeitsmarkt habe sich in den vergangenen Monaten deutlich erholt, erklärte Powell, und die Inflationsrate (aktuell 5,4 Prozent) habe ihren Zielwert von zwei Prozent deutlich überschritten. Ebenso wie die Mehrheit seiner Kollegen im geldpolitischen Entscheidungsgremium der Fed sei er daher der Ansicht, die geldpolitischen Stimuli sollten allmählich zurückgefahren werden. Weil der jüngste Inflationsschub vorübergehend sei, die Inflationserwartungen weiter stabil verankert und eine Lohn-Preis-Spirale nicht zu erkennen sei, sei eine überhastete Reaktion der Geldpolitik jedoch nicht angezeigt.
Konkret heißt das: Auf höhere Leitzinsen müssen die Amerikaner noch lange warten. Zunächst müsse sich die Lage am Arbeitsmarkt weiter bessern und die Inflation sich für längere Zeit über der Marke von zwei Prozent etablieren, sagte Powell. Er wies darauf hin, dass insbesondere Personen im Niedriglohnsektor und ethnische Minoritäten wie Hispanics und Schwarze noch von erhöhter Arbeitslosigkeit betroffen seien. Ihre Beschäftigungsperspektiven gelte es zu verbessern. Damit bestätigte Powell erneut den Anspruch der Fed, mit der Notenpresse Arbeitsmarktpolitik zu betreiben.

Preise steigen weiter  

Von einer echten geldpolitischen Wende sind die USA daher noch weit entfernt. Sparer müssen sich bei Leitzinsen von nahe null Prozent und Renditen für zehnjährige Staatsanleihen von rund 1,3 Prozent auf weiterhin negative Realzinsen einstellen. Denn ob der jüngste Inflationsschub sich tatsächlich als temporär erweist, wie Powell glaubt, ist mehr als fraglich. Schon jetzt suchen die Unternehmen in den USA händeringend nach Arbeitskräften und sind bereit, bei den Löhnen einige Dollars obendrauf zu legen.

Dazu kommt, dass US-Präsident Joe Biden an dem protektionistischen Kurs seines Vorgängers in der Handelspolitik festhält, ihn zum Teil sogar noch verschärfen will. Importzölle und eine schwindende Wettbewerbsintensität in der US-Wirtschaft eröffnen den Unternehmen Spielräume, die Preise für ihre Produkte weiter anzuheben. Die zunehmende Regulierung wichtiger Sektoren (Energie, Verkehr, Bauwirtschaft) durch Auflagen für den von Biden vorangetriebenen Klimaschutz dürfte die Preise ebenfalls nach oben treiben.

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Auch wenn die Fed ihre Anleihekäufe bald zurückfahren sollte – das Zeitalter der finanziellen Repression ist damit noch lange nicht zu Ende. Die Schulden des Staates, die weg zu inflationieren sich die Fed implizit zur Aufgabe gemacht hat, werden angesichts der ungebremsten Ausgabenfreude der Biden-Administration eher steigen als sinken. Die Umverteilung mit der Notenpresse zulasten der Bürger und zugunsten des Staates geht in die nächste Runde.

Mehr zum Thema: Die Konjunktur wankt, die Pandemie bleibt präsent, neue internationale Spannungen verunsichern zusätzlich. Sollte es nun zu einer Verschärfung der Geldpolitik kommen, wäre das eine gefährliche Mischung für die Börsen. Riedls Dax-Radar: Jetzt bloß keine geldpolitische Verschärfung!

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