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Karl Marx Der bärtige Gelehrte

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Das Kommunistische Manifest - Marx' Herz und Verstand

Zwei die Marx Theorien auf ihre Weise interpretieren: Hugo Chávez und Fidel Castro Quelle: dpa/dpaweb

Die Bourgeois-Epoche habe „ganz andere Wunderwerke vollbracht als ägyptische Pyramiden, römische Wasserleitungen und gotische Kathedralen“, stellt er fest, sie habe „kolossalere Produktionskräfte geschaffen als alle vergangenen Generationen zusammen“, „enorme Städte“ aufgebaut und einen „bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens“ entrissen: „Dampfschifffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegrafen, Urbarmachung ganzer Weltteile... – welch früheres Jahrhundert ahnte“, dass derlei Energien im Schoß der Menschheit schlummerten?

Der erste Globalisierungstheoretiker

In packenden Passagen schildert er, dass die Harmonielehre der vorindustriellen Marktwirtschaft (Adam Smiths „unsichtbare Hand“) vom Grundgesetz des Industriekapitalismus abgelöst wird: „Fortwährende Umwälzung der Produktion, ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, ewige Unsicherheit und Bewegung“. Und mit soziologischem Scharfblick etabliert er sich als erster Theoretiker der Globalisierung: „Die Bourgeoisie reißt... alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation… Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen… Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem Bilde.“

Natürlich macht Marx auf die Nebenkosten der bürgerlichen Revolution aufmerksam. Die Bourgeoisie habe „alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört“ und „kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig gelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose, ,bare Zahlung‘“.

Das Hirn als Investitionsgut

Es ist nur eine von Marx’ griffigen Übertreibungen, die sich unter Kapitalismuskritikern noch heute großer Beliebtheit erfreuen. Marx selbst bediente sich ihrer nicht, um den Kapitalismus gleichsam von außen zu kritisieren, sondern um den Nachweis zu führen, dass seine heraufziehende Existenzkrise sich inneren Widersprüchen verdankt. Seine soziologischen Befunde ließen ihm auch gar keine andere Wahl: Wenn die „Bourgeois-Epoche“ ihrem Wesen nach dauerrevolutionär war, dann konnten die Gründe für ihren Untergang nicht in ihrer Erschöpfung, sondern nur in ihrer Dynamik begründet liegen.

Vorerst begnügte sich Marx mit dem vagen Hinweis, dass die Bourgeoisie „ihre eigenen Totengräber“ produziert: Das Proletariat, das durch seine Arbeit das Kapital der Kapitalisten vermehrt, ohne sich selbst Eigentum verschaffen zu können, lehnt sich gegen seine „Enteignung“ auf und revolutioniert die Gesellschaft. Später, im „Kapital“, hat Marx das Paradox von der dynamischen Selbsterschöpfung des Kapitalismus ökonomisch zu fassen versucht: Das „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“ postuliert, dass die Ertragsrate der Unternehmer nicht trotz, sondern wegen des technischen Fortschritts fällt. Weil mit der Maschinisierung der Produktion der proportionale Anteil von Verbrauchskapital (Investitionen) wachse, schrumpfe zugleich der Anteil der „lebendigen Arbeit“, die Marx zufolge allein Mehrwert erzeugt. Heutzutage ist das Argument schon deshalb widerlegt, weil der Wissensarbeiter der Moderne nicht nur seine Haut (als Arbeitskraft), sondern auch sein Hirn (als Investitionsgut) zu Markte trägt. Das Kommunistische Manifest ist das große Scharnier in Marx’ Leben und Werk: Hier bündelt sich seine Religions- und Ideologiekritik – von hier aus überführt er sie in eine wissenschaftliche Kritik an den ökonomischen Produktionsverhältnissen.

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