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Karl Marx Der bärtige Gelehrte

Als Prophet war er ein Versager, als Soziologe ein Riese, als Ökonom vor allem ein gelehrter Mann: Karl Marx, der Theoretiker des Industriekapitalismus, wollte nicht nur zu revolutionären Ergebnissen kommen, sondern die Notwendigkeit der Revolution beweisen. Der Mauerfall hat ihn ideologisch entlastet und als originellen Denker rehabilitiert.

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Karl Marx gilt als Schöpfer der kommunistischen Heilslehre Quelle: AP

Der 9. November 1989 ist als eine Art Karfreitag des Sozialismus in die Geschichte eingegangen. Für den Schöpfer der kommunistischen Heilslehre aber war es, als fielen Wiederauferstehung und Himmelfahrt auf einen Tag. Endlich konnte man Karl Marx in Studentenparlamenten kritisieren, ohne Gefahr zu laufen, sich als „Propagandist des Kapitals“ unmöglich zu machen; endlich konnte man in kleinstädtischen Buchhandlungen das „Kommunistische Manifest“ ordern, ohne von tuschelnden Kunden unter Ideologieverdacht gestellt zu werden – ja: Endlich konnte man Marx lesen, unverschämt und unverbrämt, ganz so wie Hegel, Nietzsche, Kierkegaard, als Klassiker des 19. Jahrhunderts.

Die Wiedergeburt Marx'

Es war, als reinigte das historische Datum Marx vom Marxismus, als emanzipierte der Fall der Mauer den überragenden Theoretiker des Industriekapitalismus vom Propheten kollektivistischer Erlösungspläne. Das schwere Kreuz der Ideologie fiel von Marx’ Schultern, die ganze kommunistische Theologie von der „massenhaften Veränderung der Menschen“, die Gräuel des Stalinismus, all die Zynismen der Planwirtschaft, die in seinem Namen stattgefunden hatten.

Die größten Ökonomen
Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.
Gustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Der deutsche Volkswirt", dem publizistischen Vorläufer der WirtschaftsWoche. Er schrieb gege die große Depression, kurzsichtige Wirtschaftspolitik, den Versailler Vertrag, gegen die Unheil bringende Sparpolitik des Reichskanzlers Brüning und die Inflationspolitik des John Maynard Keynes, vor allem aber gegen die Nationalsozialisten. Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-2006-0113 / CC-BY-SA
Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt. Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen. Quelle: Mises Institute, Auburn, Alabama, USA
Gary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen. Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität. Quelle: dpa
Jeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien. Quelle: dpa
Der Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System  entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft. Quelle: dpa
Amartya Sen Quelle: dpa

Karl Marx, der Prophet und Erlöser, war tot, endlich, von seinen Jüngern widerlegt und ins Grab gestoßen – und Karl Marx, der Soziologe, Journalist, Nationalökonom und Geschichtsphilosoph, der schonungslose Kritiker der idealistischen Philosophie und der bürgerlichen Gesellschaft, durfte sein Leben noch einmal von vorn beginnen: Als Revolutionär, der die „versteinerten Verhältnisse“ in Deutschland 1844 wie die „offenherzige Vollendung des ancien régime“ empfand und das „verkehrte Weltbewusstsein“ einer Gesellschaft enttarnte, die Gott nach ihrem Bilde formte, um sich von ihm beherrschen zu lassen.

Chefanalytiker im Olymp

Als Philosoph der Tat, der das Reich der Vernunft „von der Erde zum Himmel“ aufsteigen ließ, um gegen die idealistischen „Gedankenhelden“ seiner Zeit „die Wahrheit des Diesseits zu etablieren“. Als politischer Unruhestifter, der auf dem Höhepunkt des Manchester-Kapitalismus die „Proletarier aller Länder“ aufrief, sich gegen ihr „Zwangsarbeiter“-Dasein zu Diensten kapitalistischer Ausbeuter aufzulehnen. Und natürlich als bärtiger Gelehrter, der in seinem Hauptwerk „Das Kapital“ die Funktionsweise der modernen Wirtschaft sezierte. Marx war mit dem Untergang des Kommunismus als Prophet und Messias erledigt, wie schön – aber nur, um als Chefanalytiker der „Bourgeois-Epoche“ in den Olymp der Ideengeschichte aufzusteigen. Dort gebührt dem Trierer Volksfreund heute ein unumstrittener Ehrenplatz.

Joseph Schumpeter und das Vermächtnis Marx'

Nach dem Mauerfall durfte Marx wieder sein, was er war: Soziologe, Journalist, Nationalökonom und Geschichtsphilosoph, schonungslose Kritiker der idealistischen Philosophie und der bürgerlichen Gesellschaft Quelle: AP

Joseph Schumpeter hat das Betriebsgeheimnis von Marx’ zwiespältig-phänomenalem Welterfolg bereits 1942 entschlüsselt. Er verstand die drei zentralen Utopien Marx’ (Verelendung des Proletariats, Untergang des Kapitalismus, Sieg des Sozialismus) methodo-logisch: Marx wollte nicht nur zu revolutionären Ergebnissen kommen, sondern die historische Notwendigkeit der Revolution beweisen. Deshalb mobilisierte er das Proletariat als geschlossene Klasse, die „alle Lasten der Gesellschaft zu tragen hat, ohne ihre Vorteile zu genießen“, die „aus der Gesellschaft herausdrängt…, von der das kommunistische Bewusstsein ausgeht“. Wenn es stimmte, dass „die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft“ die „Geschichte von Klassenkämpfen ist“, wie Marx 1848 im Kommunistischen Manifest behauptete, dann brauchte es auch für diese letzte Ausgabe „Unterdrücker und Unterdrückte“, zwei unversöhnliche Gegner, die sich feindlich gegenüberstehen, zwei Menschenblöcke, die die soziale Dynamik der Geschichte aufrechterhalten und sich bekriegen, bis endlich das sozialistische Morgenrot aufscheint: Bourgeoisie und Proletariat. Doch wie wollte Marx die Zeitgenossen von seiner bipolaren Gesellschaftskonstruktion überzeugen?

Religion ist "illusorisches Glück"

Gewiss, Marx hat seinen Verehrern ein Arsenal „weißglühender Phrasen, leidenschaftlicher Anklagen und zorniger Gesten“ (Schumpeter) zur Verfügung gestellt, aber das ist es nicht, sein Erfolg gründet sich auf etwas anderem, auf der kühnen Kombination rationalistischer, deterministischer und eschatologischer Motive. Anders gesagt: Die Notwendigkeit der Revolution hat bei Marx eine dreifache Dimension. Sie ergibt sich erfahrungsgemäß aus der Analyse sozialer Tatsachen. Sie ist als logische Folge historischer Prozesshaftigkeit konzipiert. Und sie adressiert die (verlorene) Ganzheitshoffnung einer durch maschinelle Beschleunigung, Arbeitsteilung und unpersönliche Geldverhältnisse sich selbst fremd gewordenen Menschheit. Marx hat die Religion als „illusorisches Glück“ entlarvt, aber er hat nicht an den „Seufzern der bedrängten Kreatur“ vorbeigehört und die metaphysisch ausgefegte Welt mit einem säkularen Glaubenssurrogat beschenkt: mit der frohen Botschaft vom irdischen Paradies des Sozialismus. Gleichzeitig hat Marx den technischen Machbarkeitseifer eines bürgerlich-progressiven Milieus aufgegriffen, das in seiner neuen Gottlosigkeit noch reichlich verunsichert an der Schwelle zur Moderne stand – und an ein Vorwärts glaubte, ohne vorerst die Richtung zu kennen.

Leidenschaftliche Anhängerschaft

In dieser historischen Lage hat er nicht nur das Kunststück fertig gebracht, den neustädtischen Arbeitern Parolen und Argumente zu liefern gegen den parasitären Lebensstil vieler Kapitalisten; er reüssierte vor allem in bildungsbürgerlichen Kreisen mit der Behauptung, die sozialistische Erlösung von allen Weltübeln sei eine rational beweisbare Gewissheit. Es ist ihm gelungen, die Sehnsüchte, die die Religion auf ihrem unfreiwilligen Rückzug zurückgelassen hatte, mit dem positivistischen Geist eines Fortschritts zu verknüpfen, der als unausweichlich empfunden wurde – und der keinen Glauben duldete, der nicht wenigstens einen wissenschaftlichen Anstrich hatte: „Einfach das Ziel zu predigen wäre wirkungslos geblieben; eine Analyse des sozialen Prozesses hätte nur ein paar Hundert Spezialisten interessiert“, so Schumpeter: „Aber im Kleid des Analytikers zu predigen und mit einem Blick auf die Bedürfnisse des Herzens zu analysieren, dies schuf [Marx] eine leidenschaftliche Anhängerschaft.“

Nirgends hat Marx mit mehr Herz studiert und mit mehr Verstand agitiert als im Kommunistischen Manifest. Die kleine Schrift ist von aufrüttelnder Sprachkraft, ein brillanter, mitreißender Text, der ständig zwischen Analyse und Dialektik changiert, munter Wissenschaft und Propaganda verquirlt – und eine schier unauflösbare Spannung aufbaut zwischen der Schilderung geschichtlicher Dynamik und Teleologie, zwischen unaufhörlichem Wandel und utopischem Endziel. Besonders bemerkenswert ist das Manifest deshalb, weil Marx in ihm die Leistungen des Kapitalismus geradezu hymnisch feiert.

Das Kommunistische Manifest - Marx' Herz und Verstand

Zwei die Marx Theorien auf ihre Weise interpretieren: Hugo Chávez und Fidel Castro Quelle: dpa/dpaweb

Die Bourgeois-Epoche habe „ganz andere Wunderwerke vollbracht als ägyptische Pyramiden, römische Wasserleitungen und gotische Kathedralen“, stellt er fest, sie habe „kolossalere Produktionskräfte geschaffen als alle vergangenen Generationen zusammen“, „enorme Städte“ aufgebaut und einen „bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens“ entrissen: „Dampfschifffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegrafen, Urbarmachung ganzer Weltteile... – welch früheres Jahrhundert ahnte“, dass derlei Energien im Schoß der Menschheit schlummerten?

Der erste Globalisierungstheoretiker

In packenden Passagen schildert er, dass die Harmonielehre der vorindustriellen Marktwirtschaft (Adam Smiths „unsichtbare Hand“) vom Grundgesetz des Industriekapitalismus abgelöst wird: „Fortwährende Umwälzung der Produktion, ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, ewige Unsicherheit und Bewegung“. Und mit soziologischem Scharfblick etabliert er sich als erster Theoretiker der Globalisierung: „Die Bourgeoisie reißt... alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation… Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen… Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem Bilde.“

Natürlich macht Marx auf die Nebenkosten der bürgerlichen Revolution aufmerksam. Die Bourgeoisie habe „alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört“ und „kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig gelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose, ,bare Zahlung‘“.

Das Hirn als Investitionsgut

Es ist nur eine von Marx’ griffigen Übertreibungen, die sich unter Kapitalismuskritikern noch heute großer Beliebtheit erfreuen. Marx selbst bediente sich ihrer nicht, um den Kapitalismus gleichsam von außen zu kritisieren, sondern um den Nachweis zu führen, dass seine heraufziehende Existenzkrise sich inneren Widersprüchen verdankt. Seine soziologischen Befunde ließen ihm auch gar keine andere Wahl: Wenn die „Bourgeois-Epoche“ ihrem Wesen nach dauerrevolutionär war, dann konnten die Gründe für ihren Untergang nicht in ihrer Erschöpfung, sondern nur in ihrer Dynamik begründet liegen.

Vorerst begnügte sich Marx mit dem vagen Hinweis, dass die Bourgeoisie „ihre eigenen Totengräber“ produziert: Das Proletariat, das durch seine Arbeit das Kapital der Kapitalisten vermehrt, ohne sich selbst Eigentum verschaffen zu können, lehnt sich gegen seine „Enteignung“ auf und revolutioniert die Gesellschaft. Später, im „Kapital“, hat Marx das Paradox von der dynamischen Selbsterschöpfung des Kapitalismus ökonomisch zu fassen versucht: Das „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“ postuliert, dass die Ertragsrate der Unternehmer nicht trotz, sondern wegen des technischen Fortschritts fällt. Weil mit der Maschinisierung der Produktion der proportionale Anteil von Verbrauchskapital (Investitionen) wachse, schrumpfe zugleich der Anteil der „lebendigen Arbeit“, die Marx zufolge allein Mehrwert erzeugt. Heutzutage ist das Argument schon deshalb widerlegt, weil der Wissensarbeiter der Moderne nicht nur seine Haut (als Arbeitskraft), sondern auch sein Hirn (als Investitionsgut) zu Markte trägt. Das Kommunistische Manifest ist das große Scharnier in Marx’ Leben und Werk: Hier bündelt sich seine Religions- und Ideologiekritik – von hier aus überführt er sie in eine wissenschaftliche Kritik an den ökonomischen Produktionsverhältnissen.

Ein wacher Geist in einem schwachen Körper

Karl Marx war ein Denker, der Ketten sprengte Quelle: dpa

Marx ist gerade mal 29 Jahre alt und hat ein bewegtes Leben hinter sich: Aufgewachsen in Trier, bleibt ihm nach dem Jura-Studium in Bonn und Berlin eine akademische Karriere verwehrt, die preußischen Behörden kujonieren ihn als aufmüpfigen Linkshegelianer – und so verdingt er sich als Journalist bei der „Rheinischen Zeitung“ in Köln (1842). Als die Zensur zuschlägt, siedelt er nach Paris, wo er mit Heinrich Heine und Friedrich Engels in Kontakt kommt, von Paris aus treibt ihn der lange Arm der preußischen Justiz nach Brüssel (1845); drei Jahre später wird er dort verhaftet und ausgewiesen, flüchtet über Paris und Köln (nochmalige Ausweisung) als Staatenloser ins Exil nach London (1849).

Unter schweren Bedingungen

Und hier verbringt er den Rest seines Lebens, tagsüber im Leseraum des British Museums, wo er praktisch alle Werke der Politischen Ökonomie studiert – und nachts zu Hause, wo er „Das Kapital“ verfasst, in einer erbärmlichen Stube, unzureichend genährt, ärztlich schlecht versorgt, obwohl er von Engels finanziell unterstützt wird und sich als Europa-Korrespondent der „New York Tribune“ ein paar Pfund dazuverdient. Als Politiker beteiligt sich Marx noch federführend an der Gründung der „Ersten Internationale“ (1864) und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (1869) in Deutschland, doch die Armut zehrt an seinen Kräften, seine Frau und fünf seiner sieben Kinder sterben früh, Marx selbst bringt nicht mehr die Kraft auf zur Vollendung seines Mammutwerkes – und stirbt am 14. März 1883.

Aufbegehren gegen das "deutsche Bewusstsein"

Man kann dieses Mammutwerk über den Industriekapitalismus nicht verstehen, ohne zu wissen, woher es kommt: aus einer anderen, vorindustriellen Zeit. Marx war ein Teenager, als Hegel (1831) und Goethe (1832) starben. Hegel sah im damaligen Preußen die Einheit von institutioneller Ordnung und individueller Freiheit erreicht – und Goethe immerhin noch die Chance, dass eine handwerkliche Erwerbsbiografie auch unter frühindustriellen Bedingungen möglich sei. Entsprechend unbestimmt ist zunächst Marx’ Kritik; sie richtet sich gegen die Religion, die idealistische Philosophie und den Staat, kurz: gegen „die ganze bisherige Weise des deutschen... Bewusstseins“. Marx will seine Zeit vom „Nonsens“ befreien, mit dem Pfarrer, Philosophen und Politiker die Welt auskleiden, um sich in ihr zu gefallen. Er versteht Religion und (Hegels) Philosophie als Projektionen des menschlichen Wesens, in denen der Mensch sich selbst, als Gott und Weltgeist entfremdet, widerspiegelt.

Marx stellt den Mensch in den Mittelpunkt

Weggefährten - Engels, Marx und Lenin Quelle: REUTERS

Dagegen will Marx auf den Menschen zurückgehen, auf sein Sein und seine Tätigkeit, will „auf dem wirklichen Geschichtsboden stehen…, nicht die Praxis aus der Idee, sondern die Ideenformationen aus der materiellen Praxis“ erklären – und sie verändern. Er bestreitet vehement, dass der Mensch dem Walten der Geschichte ausgeliefert sei, solange er sich dem Walten nicht selbst ausliefere. Die Umstände, so Marx, machen die Menschen so gut wie die Menschen die Umstände. Von hier aus war es nur noch ein kleiner Schritt zur Erkenntnis, dass er mit der „Aufhebung“ der Philosophie vor allem ihre Verwirklichung meint, eine Philosophie der gesellschaftlichen Praxis – und dass Gesellschaftskritik daher Wirtschaftskritik ist, eine Kritik der Art und Weise, wie der Mensch sich selbst (re-)produziert: It’s the economy, stupid!

Unauflösbarer Konflikt

Es war vielleicht Marx’ größte Leistung, dass er die Wucht der industriellen Revolution frühzeitig erfasste und seine humanistische Anthropologie unbeschadet auf das Feld der Ökonomie zu übertragen wusste, ohne moralisch zu werden. Als Brücke diente ihm der Begriff der „Entfremdung“: So wie der Mensch sich durch seine Schöpfung (Gott) von sich selbst entfremde, so werde der Arbeiter in einer arbeitsteiligen Produktionskette vom Produkt seiner Arbeit entfremdet. Marx’ Kritik setzt mit einer Analyse der Ware ein, die er als Träger eines Gebrauchs- und eines Tauschwerts zur „ökonomischen Zellenform“ des Kapitalismus erklärt. Während die Menschen am Gebrauchswert der Ware zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse interessiert seien, komme es dem Kapitalisten auf die Erzeugung von Tauschwerten an – hier schon, gleich zu Anfang, scheint der unauflösbare Konflikt zwischen den Interessen des Kapitals und des Gemeinwohls auf, auf den es Marx ankommt.

Dabei versteht er Arbeit – ganz so wie Adam Smith – als wertschaffende Tätigkeit. Weil aber die Arbeitskraft im Kapitalismus zu einer Ware werde, deren Wert sich, wie der Wert aller Waren, durch die zu ihrer Reproduktion notwendigen Arbeitsmenge definiert, seien die Proletarier als Verkäufer ihrer Arbeitskraft dazu verdammt, ein (Über-)Leben auf Subsistenzniveau zu fristen. Im Gegensatz dazu eigne sich das Kapital die Ware Arbeitskraft an, um mit ihr einen Wert zu schaffen, der größer ist als der Tauschwert der Arbeitskraft. Kurzum: Kapitalismus besteht in der Aneignung von unbezahlter Mehrarbeit.

Wo Marx irrte

Entscheidend ist, dass Marx seine Analyse mit einer radikalen Kritik an der ökonomischen Zunft verbindet, die Kapital und Boden als gegebene Produktionsfaktoren einführt, ohne sie auf das in ihnen Enthaltene, die Arbeit, zurückzuführen. Marx zufolge entlarve sich die Nationalökonomie damit als ein applaudierender Teil desselben Reproduktionsprozesses, über den sie kritisch wachen soll. Und damit, am Ende des ersten Bandes (1867), schließt er den Kreis zu seiner früheren Ideologiekritik: Im Kapitalismus, so Marx, ist die Reproduktion des Kapitals mit der Reproduktion der Klassenverhältnisse kapitalistischer Gesellschaften verbunden. Der Kapitalist erhält sein Kapital (plus Mehrwert) – der Arbeiter erhält sich selbst und sein Elend.

Wie schön, dass sich Marx so gründlich geirrt hat. Dass ausgerechnet er, der das „Bewegungsgesetz“ des Kapitalismus ergründen wollte, das Proletariat als statisches Kollektiv formierte, ist beinah schon grotesk: Natürlich wollen alle Arbeiter kleine Bourgeois sein – und die meisten sind es, Kapitalismus sei Dank, als „abhängig Beschäftigte“ geworden. Marx’ Gedanken zum Wert der Arbeit hingegen sind heute wieder aktuell. Und seine Ideologiekritik, gelesen als Kritik an der „herrschenden Meinung“, hätte also vor allem in der selbstgewissen Ökonomenzunft deutlich mehr demütige Beachtung verdient. n

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