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Konjunktur Am seidenen Faden

Während die Weltbank für die Euro-Zone eine Rezession prognostiziert und vor dem Ausbruch einer erneuten Krise vom Schlage der Lehman-Pleite warnt, sieht die Bundesregierung für Deutschland nur eine vorübergehende Wachstumsdelle im Winterhalbjahr. Wie groß ist die Gefahr für die Konjunktur wirklich?

Welche Länder (noch) als Spitzenschuldner gelten
Deutschland gilt als die Messlatte für ganz Europa. Das Risiko für andere Länder und Unternehmen wird oft in Relation zu Deutschland angegeben. S&P hat den Ausblick für Deutschland sogar von "negativ" auf "stabil" hochgestuft. Dennoch taucht an den Märkten immer wieder die Sorge auf, dass Deutschland in eine finanzielle Schieflage geraten könnte, wenn es statt Bürgschaften tatsächliche Hilfszahlungen an schwächere Euro-Länder leisten müsste. Quelle: dpa
Seinen Ausblick für Großbritannien hat S&P bereits im Mai 2009 auf "negativ" gesetzt. Noch hat das Top-Rating Bestand. Allerdings macht Großbritannien wenig Fortschritte: Das Wirtschaftswachstum bleibt schwach, zuletzt nahm die Regierung ihre Wachstumsprognose zurück. Quelle: Reuters
Mit einem Auge schauen die Kanadier immer auf den großen Bruder USA. Die Ratingherabstufung ist auch für die kanadische Wirtschaft nicht förderlich. Etwas Schutz bietet die starke Abhängigkeit der Wirtschaft vom boomenden Rohstoffsektor. Mit den hohen Rohstoffpreisen könnte es aber auch schnell vorbei sein, wenn die USA und mit ihr die Weltwirtschaft zu schwächeln beginnen. Doch das ist bislang alles Spekulation. Noch steht das Spitzenrating Kanadas nicht auf dem Prüfstand. Quelle: gms
Diskussionen über das Rating sind den Schweizern völlig fremd. Das Land genießt unverändert seinen Ruf als Hort der Stabilität. Auch Schweizer Anleihen sind bei Investoren noch beliebter als deutsche Bundesanleihen. Quelle: dpa
Auch an den Niederlanden ist die Finanzkrise nicht spurlos vorübergegangen. Zwar kann sich das Land am Anleihemarkt noch relativ günstig finanzieren. Doch S&P hat den Ausblick für das Land ebenfalls auf "negativ" gesetzt und damit ist die Topnote in Gefahr. Quelle: gms
Schweden hat die Wirtschaftskrise längst überwunden und wächst inzwischen wieder schneller als vor der Krise. Die Skandinavier profitierten von ihrer Exportstärke - und von der Landeswährung Krone, die in der Krise deutlich abwertete. Das hätte sich manch ein Euroland sicherlich auch gewünscht. Gleiches gilt für das Rating: Die Top-Note "AAA" für Schweden steht nicht zur Debatte. Quelle: ap
Dank seiner Öl- und Gasreserven ist Norwegen eines der reichsten Länder der Erde. Seine Kreditwürdigkeit wird derzeit von niemandem in Frage gestellt. Obwohl Norwegen von der globalen Rezession infolge der Finanzkrise kaum getroffen wurde, legte die Regierung ein großzügiges Konjunkturprogramm auf. Wegen der hohen Einnahmen aus der Rohstoffförderung erzielte die Regierung dennoch einen Haushaltsüberschuss von zehn Prozent. Quelle: gms

Der Unterschied im Tonfall könnte kaum größer sein. Die Weltbank hat ihre Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft heute drastisch nach unten revidiert und warnt vor weiteren Abwärtsrisiken bis hin zu einer erneuten Krise, die das Ausmaß der Lehman-Pleite erreichen könnte. Dagegen frohlockt Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler in seinem Jahreswirtschaftsbericht, Deutschland befände sich nach wie vor in einer „erfreulich robusten Verfassung“, es sei daher allenfalls mit einer „vorübergehende Wachstumsdelle im Winterhalbjahr“ zu rechnen.

Volle Auftragsbücher und gute Bilanzen
Zwar hat auch die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose nach unten revidiert , für dieses Jahr erwartet sie nun ein Plus beim Bruttoinlandsprodukt um 0,7 Prozent. Doch die allgemeine Tonlage des Jahreswirtschaftsberichts ist von mehr Optimismus geprägt als die des Global-Economic-Prospect-Berichts der Weltbank. Die Washingtoner Institution erwartet für die Euro-Zone einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 0,3 Prozent und ein weltweites Wachstum von nur noch 2,5 Prozent für dieses Jahr.

Weltbank Quelle: AP

Mit seinem Optimismus spiegelt der Jahreswirtschaftsbericht die Stimmungslage in der deutschen Wirtschaft wider. Viele Unternehmen sitzen noch auf gut gefüllten Auftragsbüchern, die Maschinen sind ordentlich ausgelastet und die Bilanzen im Lot.

Privathaushalte ohne Schulden

Die Unternehmen hoffen daher, dass die Konjunktur sich nach einer kurzen Delle im weiteren Verlauf dieses Jahres wieder belebt. Wichtige Frühindikatoren wie die Einkaufsmanagerindizes, der ifo-Geschäftsklimaindex sowie der ZEW-Index der Konjunkturerwartungen sind zuletzt überraschend gestiegen und scheinen den Optimisten Recht zu geben.
In der Tat sind die Bedingungen für die Konjunktur in Deutschland nicht schlecht. Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank ist nach wie vor extrem expansiv, die Wahrscheinlichkeit weiterer Zinssenkungen hoch. Anders als in den Krisenländern sind die privaten Haushalte in Deutschland nicht überschuldet und müssen daher auch nicht mehr sparen.

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