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Konjunktur Aufschwung im Sommer, Rezession im Winter?

Die deutsche Wirtschaft erholt sich in beachtlicher Weise vom Corona-Absturz. Quelle: dpa

Die deutsche Wirtschaft erholte sich im Sommerquartal stärker vom Corona-Absturz als bislang angenommen. Doch jetzt bedroht der Teil-Lockdown die wirtschaftliche Aufholjagd.

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Die deutsche Wirtschaft hat sich im Sommerquartal stärker vom Corona-Absturz erholt als bislang angenommen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs von Juli bis September im Rekordtempo von 8,5 Prozent zum Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte und die bisherige Schätzung von 8,2 Prozent nach oben revidierte. Im Frühjahr war Europas größte Volkswirtschaft noch mit 9,8 Prozent so stark eingebrochen wie nie, da viele Geschäfte wegen der Pandemie geschlossen blieben und Lieferketten gestört wurden. „In Anbetracht der massiven zweiten Corona-Welle und den daraus sich ergebenden negativen wirtschaftlichen Konsequenzen mutet das Zahlenwerk zum dritten Quartal wie ein verblassender schöner Traum an“, sagte der Chefökonom der VP Bank, Thomas Gitzel. Im laufenden Schlussquartal drohe nun ein Rückschlag.

Denn der verhängte Teil-Lockdown trifft etwa Gastgewerbe und Tourismusbranche hart. „Für das Schlussquartal ist daher wieder mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung zu rechnen – erste Schätzungen deuten auf ein Minus um rund ein Prozent hin“, sagte Konjunktur-Chef Claus Michelsen vom Berliner DIW-Institut. „Deutschland und viele wichtige Handelspartner dürften damit wieder in die Rezession rutschen.“ Dies dürfte in Deutschland Konsum, Außenhandel und Investitionen erneut bremsen. Doch die Hilfspakete der Regierung würden die negativen Folgen abmildern, betonte der DIW-Experte. „Auch die Erfolge bei der Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs machen Hoffnung, dass die Einschränkungen nicht zu einem Dauerzustand werden und sich die Erholung im Frühjahr fortsetzt.“

Im Sommer gelang der Wirtschaft nach dem Ende des ersten Lockdowns eine rasante Aufholjagd. Die Verbraucher steigerten ihre Ausgaben massiv um 10,8 Prozent zum Vorquartal, der Staat erhöhte seinen Konsum um 0,8 Prozent. Unternehmen investierten 16 Prozent mehr in Maschinen und Anlagen. Schwung kam auch vom Außenhandel. Denn die Exporte kletterten um 18,1 Prozent und damit stärker als die Importe mit 9,1 Prozent.


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Trotz der stark anziehenden Konjunktur lag die gesamte Wirtschaftskraft im dritten Quartal vier Prozent unter dem Vorjahresniveau. Zudem dürfte der seit November geltende Teil-Lockdown bis mindestens kurz vor Weihnachten verlängert werden und damit die Erholung spürbar bremsen. So bleiben Gastronomie, Kinos und Theater wohl bis auf Weiteres geschlossen. Der Sachverständigenrat erwartet 2020 insgesamt einen Einbruch der Wirtschaft von 5,1 Prozent. Dem soll sich im kommenden Jahr ein Wachstum von 3,7 Prozent anschließen. Der Ifo-Geschäftsklimaindex fiel im November auf 90,7 Punkte von 92,5 Zählern im Vormonat und damit das zweite Mal in Folge, wie das Münchner Institut am Dienstag mitteilte. Ökonomen hatten allerdings mit einem stärkeren Rückgang auf 90,1 Punkten gerechnet. „Die Geschäftsunsicherheit ist gestiegen.

Die zweite Corona-Welle hat die Erholung der deutschen Wirtschaft unterbrochen“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Die Manager beurteilten den Ausblick für ihre Geschäfte deutlich pessimistischer und ihre Lage etwas schlechter als zuletzt. Das Ifo geht davon aus, dass die Wirtschaftsleistung im laufenden vierten Quartal leicht schrumpfen dürfte.



„Für die deutsche Wirtschaft wird der Herbst ungemütlich“, so die Prognose des Ifo-Experten Klaus Wohlrabe im Gespräch mit Reuters. Die Industrie habe sich der Abwärtsentwicklung allerdings entgegengestemmt: „Sie ist ein Lichtblick. Ihre Lage hat sich deutlich verbessert.“ Die Exporterwartungen der Industrie haben laut dem Experten aber einen deutlichen Dämpfer erhalten und liegen wieder leicht im negativen Bereich. Grund sei der Shutdown bei wichtigen Handelspartnern, vor allem in Europa.

Mehr zum Thema: Dienstleistungen gehen auf Talfahrt, Industriegeschäfte laufen rund. Das stützt die Konjunktur. Noch.

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