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Konjunktur Das Fundament unseres Wohlstands bröckelt

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„China steht vor schwierigen Zeiten“

Daran dürfte sich so bald nichts ändern. Denn auch in Südeuropa ist der Reformeifer erlahmt. Statt durch Deregulierung mehr Dynamik aus der Wirtschaft herauszukitzeln, suchen die Regierungen ihr Heil (schon wieder!) in mehr Schulden. Ähnlich sieht es in China aus. Mit staatlichen Infrastrukturprogrammen und administrativ gelenkter Kreditvergabe zugunsten maroder Staatsunternehmen stützt die Regierung in Peking die Konjunktur. Damit aber entzieht sie privaten Unternehmen Ressourcen und blockiert den Strukturwandel. Immer mehr Anleger kehren dem Land daher den Rücken. Um den Absturz der Landeswährung Renminbi zu verhindern, hat die Regierung den Kapitalexport eingeschränkt. Das schmälert die Attraktivität des Landes für ausländische Investoren.

Versiegt der Kapitalzustrom, wird China der Sprung vom Schwellen- zum Industrieland nicht gelingen. „China steht vor schwierigen Zeiten“, urteilt Commerzbanker Krämer. Das Land werde in den nächsten Jahren „wirtschaftlich enttäuschen“. Für die Weltwirtschaft und die deutschen Exporteure ist das eine schlechte Nachricht. Denn China steuert rund ein Drittel zum globalen Wirtschaftswachstum bei und ist nach wie vor dessen wichtigster Motor.

Andere Schwellenländer können die nachlassende Dynamik Chinas nicht ausgleichen. Indiens Regierung hat die Wirtschaft soeben mit einer missratenen Bargeldreform in die Krise gestürzt. In Russland und Brasilien dürfte sich die Konjunktur dank anziehender Rohstoffpreise zwar berappeln. Von einem kräftigen Aufschwung sind beide Länder aber weit entfernt. Zudem ist das Risiko hoch, dass Anleger ihr Geld abziehen, um es in den USA anzulegen.

Dort nämlich hat die Notenbank Fed die Geldpolitik gestrafft. Die vom künftigen US-Präsidenten Donald Trump in Aussicht gestellten Steuersenkungen und Infrastrukturinvestitionen könnten sie zu weiteren Zinsschritten veranlassen, glaubt Thomas Mayer, Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute. Er hält einen Konflikt zwischen Geld- und Fiskalpolitik für möglich, der die USA in die Rezession treibt.

Ob Trump seine Steuersenkungsversprechen im Parlament durchsetzt, ist jedoch nicht sicher. Selbst wenn es ihm gelingt, dürfte dies die Konjunktur erst 2018 ankurbeln. Die Fed könnte es daher mit Zinserhöhungen nächstes Jahr locker angehen lassen. „Kräftig steigende Zinsen kann sich Amerika wegen der noch immer hohen Verschuldung von Staat und Bürgern gar nicht leisten“, sagt Stefan Schilbe, Chefökonom der Bank HSBC Trinkaus & Burkhardt.

Verläuft der Aufwärtstrend des Dollar daraufhin flach, bleibt der Rückenwind für die deutschen Exporteure vom Devisenmarkt ein laues Lüftchen. Die Ökonomen der Deutschen Bank gehen davon aus, dass die Ausfuhren 2017 um weniger als zwei Prozent zulegen. 2015 waren sie noch um mehr als fünf Prozent gestiegen.

Die Rolle des Konjunkturmotors dürfte daher der private Konsum, unterstützt von der Bauwirtschaft, übernehmen. Mehr Jobs und höhere Löhne werden den Verbrauchern auch im nächsten Jahr das Portemonnaie füllen. Dazu kommt, dass Transferzahlungen wie die Hartz-IV-Sätze und die Renten deutlich steigen. Die Ökonomen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft erwarten daher, dass die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte im nächsten Jahr um 2,7 Prozent und damit ebenso kräftig wie in diesem Jahr zulegen.

Zwar dürfte sich die Inflation im Gefolge der anziehenden Rohstoffpreise auf etwa 1,5 Prozent beschleunigen (2016: 0,5 Prozent). Per saldo verbleibt den Arbeitnehmern dadurch immerhin ein realer Kaufkraftzuwachs von mehr als einem Prozent – genug, damit die Ladenkassen auch nach den Rekordumsätzen im Weihnachtsgeschäft weiter klingeln. Zumal sich das Sparen infolge der niedrigen Zinsen kaum noch lohnt.

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