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Konjunktur Der freie Fall ist gestoppt

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ISM-Einkaufsmanager: Wachsender Optimismus

„Die Kreditexzesse“, sagt Deutsche-Bank-Ökonom Mayer, „haben die Verschuldung auf unhaltbare Niveaus getrieben, nun müssen diese korrigiert werden.“ In Amerika hat die Korrektur bereits eingesetzt. Die Sparquote der privaten Haushalte, die 2005 noch negativ war, kletterte bis zuletzt auf über vier Prozent. Ökonomen halten Werte von etwa acht Prozent für nötig, auch um die sich abzeichnenden Versorgungslücken im US-Rentensystem durch private Vorsorge auszugleichen.

Dämpfend auf den Konsum wirkt zudem, das die US-Banken ihre Kreditstandards im ersten Quartal erneut verschärft haben. Und niemand weiß, wie viele faule Kredite und Wertpapiere noch in den Büchern der Banken schlummern. Der IWF schätzt, dass sich der Abschreibungsbedarf auf rund 4000 Milliarden Dollar beläuft, wovon erst ein Drittel abgeschrieben sei. Behalten die Washingtoner Ökonomen recht, steht das globale Finanzsystem vor weiteren enormen Belastungen – und die Banken könnten ihren Kunden den Kredithahn weiter zudrehen.

Fallen die US-Konsumenten, die die Weltwirtschaft bisher angetrieben haben, als Lokomotive aus, stellt sich die Frage, wer ihre Rolle übernimmt. Prädestiniert dafür wären Länder mit hohen Sparquoten wie Deutschland, Japan und China. Dort könnten die Konsumenten, ohne sich zu verschulden, allein durch Abschmelzen ihrer Ersparnisse den Konsum ordentlich pushen.

Enttäuschungspotenzial für die globale Konjunktur

In Deutschland und Japan aber setzt die alternde Bevölkerung die sozialen Sicherungssysteme unter Druck, die Menschen müssen mehr Geld privat auf die hohe Kante legen, um ihren Lebensstandard im Alter zu sichern. Hinzu kommt, dass die Staatsschulden explodieren. Die in der vergangenen Woche vorgelegte Steuerschätzung für Deutschland zeigt, dass dem Fiskus in den nächsten vier Jahren mehr als 300 Milliarden Euro an Steuereinnahmen fehlen werden. Statt Steuersenkungen könnten daher bald Steuererhöhung auf die Tagesordnung kommen. „Tritt der Staat auf die Bremse, droht er den Aufschwung abzuwürgen“, fürchtet Dirk Schumacher, Deutschland-Chefvolkswirt von Goldman Sachs.

Hinzu kommt, dass die Betriebe in Deutschland bisher mit Kurzarbeit auf den Wegfall der Nachfrage reagiert haben. Bleiben die erhofften Aufträge aus, könnten sie gezwungen sein, Arbeitskräfte zu entlassen. „Sinkende Beschäftigungszahlen dürften den Konsum dann deutlich bremsen“, sagt Goldman-Sachs-Ökonom Schumacher.

Die Konsumenten in China können die Rolle des globalen Konjunkturmotors noch nicht übernehmen. Weil im Reich der Mitte ein funktionierendes soziales Sicherungssystem fehlt, legen die Bürger 40 Prozent des Einkommens auf die hohe Kante. Ebenso wie in Indien dürfte es noch Jahre dauern, bis eine zahlenmäßig ausreichende und kaufkräftige Mittelschicht herangewachsen ist, die der Weltwirtschaft Nachfrageimpulse gibt.

Das Enttäuschungspotenzial für die globale Konjunktur ist daher groß. Nach einer überraschend kräftigen Erholung könnten mehrere Jahre mit schwachem Wachstum von allenfalls 2,5 Prozent folgen, erwartet Deutsche-Bank-Ökonom Mayer. Für Deutschland mit seiner exportabhängigen Industrie hieße das, Abschied zu nehmen von der Hoffnung, bald wieder Wachstumsraten von drei Prozent zu erzielen wie in den Jahren 2006 und 2007. Aber nach dem schweren Einbruch der Wirtschaft von fünf bis sechs Prozent, der sich für dieses Jahr abzeichnet, dürften selbst Wachstumsraten von ein bis zwei Prozent wie ein Boom erscheinen.

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