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Konjunktur Der freie Fall ist gestoppt

Die globale Depression ist abgesagt. Weltweit zeigen wichtige Konjunktursignale wieder nach oben, die Stimmung hellt sich auf. Das nährt die Hoffnung auf ein Ende der Rezession. Steht die Weltwirtschaft vor einem neuen Aufschwung?

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Ein Containerschiff im Quelle: AP

Manchmal sind es die kleinen, versteckten Nachrichten, die einen neuen Trend anzeigen. Wie die Nachricht vom Krefelder Industriegasehersteller Messer. Während immer neue Horrormeldungen aus der Autoindustrie auf die Bürger niederprasseln, blicken die Beschäftigten bei Messer zuversichtlich in die Zukunft. Vor wenigen Tagen erst legte das mittelständische Familienunternehmen den Grundstein für den Bau einer 50 Millionen Euro teuren Luftzerlegungsanlage auf dem Gelände von Salzgitter. Die Anlage soll den Stahlriesen in den nächsten 15 Jahren mit gasförmigem Sauerstoff für die Stahlerzeugung versorgen. Bereits im Oktober geht ein zweiter Luftzerleger auf dem Gelände der Deutschen Edelstahlwerke in Siegen in Betrieb: Investitionsvolumen: 35 Millionen Euro.

Messer ist auch im Ausland gut im Geschäft, trotz Wirtschaftskrise. 100 Millionen Euro investiert das Unternehmen in einen Luftzerleger für ein Gemeinschaftsunternehmen in China, das Eisenbahnschienen herstellt. „Von einem Einbruch der Geschäfte kann bei uns keine Rede sein“, heißt es bei Messer.

Licht am Ende des Tunnels erkennt auch Hans-Jochen Beilke, Geschäftsführer des württembergischen Ventilatorenbauers EBM-Papst. Die Talfahrt bei den Bestelleingängen des Weltmarktführers im Ventilatorenbau geht zu Ende. „Ab dem späten Herbst dürfte es wieder aufwärtsgehen“, frohlockt Beilke. Der Unternehmenschef setzt auf die weltweiten Konjunkturpakete und deren ökologische Ausrichtung. „Energiesparen ist unser Thema“, sagt Beilke.

Überraschende Aufwärtsdynamik ist möglich

Noch gehen diese optimistischen Stimmen unter im Meer der schlechten Nachrichten. Doch sie bestätigen, was wichtige Frühindikatoren für die globale Konjunktur schon seit geraumer Zeit ankündigen: Der Tiefpunkt der Krise ist durchschritten. Ab Jahresmitte könnte die Wirtschaft sogar wieder den Vorwärtsgang einschalten.

Rund um den Globus hellt sich die Stimmung der Unternehmen auf. In Deutschland verzeichneten die Industrieunternehmen im März wieder steigende Bestellungen aus dem Ausland – das erste Mal seit August 2008. In den USA geht die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung wieder zurück – bisher war das immer ein sicheres Zeichen für das baldige Ende der Rezession. Als dann auch noch US-Notenbankchef Ben Bernanke Mitte März von ersten „grüne Sprossen“ der Erholung sprach, interpretierten die Finanzmärkte das als Startschuss für eine neue Rally. Seit März sind die Aktienindizes stärker gestiegen als in vielen guten Börsenjahren insgesamt: Frankfurts Dax, New Yorks S&P 500 und Tokios Nikkei kletterten um rund 30 Prozent. Die Börsenindizes der Wachstumsmärkte Brasilien und China sind zeitweise sogar um 50 Prozent gestiegen.

Welthandel beendet Schrumpfkurs

Waren also all die Ängste vor einer großen Depression übertrieben? Steht uns nach dem kräftigen Abschwung gar ein ebenso kräftiger Aufschwung bevor?

Analysten, Banker und Konjunkturforscher zerbrechen sich derzeit genau darüber den Kopf. Selten war die Unsicherheit so groß. Hatten sie nicht gerade erst ihre Prognosen kräftig nach unten korrigiert? Und jetzt das! Steigende Frühindikatoren stellen die schönen Doomsday-Prognosen infrage. „Erst hat uns die Schwere des konjunkturellen Einbruchs nach der Lehman-Pleite überrumpelt, jetzt könnte uns die Aufwärtsdynamik überraschen“, beschreibt Elga Bartsch, Euroland-Chefvolkswirtin der US-Bank Morgan Stanley, die Ratlosigkeit in der Zunft.

Nach der kollektiven Pessimismuswelle melden sich auf einmal wieder die Konjunkturbullen zu Wort. „Der freie Fall der Wirtschaft ist gestoppt, der Kollaps des Finanzsystems abgewendet“, sagt der legendäre Investor George Soros. Die Erholung werde die Hälfte des vorherigen Abschwungs wettmachen, glaubt Soros.

Das könnte sogar eine konservative Schätzung sein, meint Andreas Rees, Chefvolkswirt für Deutschland bei UniCredit. Rees hat für Deutschland die Rezessionsphasen der vergangenen 40 Jahre untersucht. Das Ergebnis: „Eine V-förmige Erholung war nicht die Ausnahme, sondern die Regel.“ So schrumpfte die Wirtschaft nach der ersten Ölpreiskrise 1973 um knapp 2,5 Prozent. In den vier Quartalen nach dem Ende der Rezession erholte sich die Wirtschaft dann kräftig, das reale Bruttoinlandsprodukt legte um satte vier Prozent zu. Ähnliche Verläufe ließen sich auch nach den übrigen Rezessionen beobachten.

Deutsche Exporte steigen wieder

Dass der Aufschwung auch diesmal rascher kommt und kräftiger ausfällt, könnte an mehreren Faktoren liegen: 

Konjunkturprogramme: Rund um den Globus haben die Regierungen zwei Billionen Dollar in Programme zur Belebung der Konjunktur gesteckt. Allein das Paket der US-Regierung von knapp 800 Milliarden Dollar und das Chinas von umgerechnet knapp 600 Milliarden Dollar werden nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) in diesem Jahr einen Nachfrageschub von jeweils 2,0 Prozent des nationalen Bruttoinlandsprodukts auslösen. In China zeigen sich bereits erste Wirkungen. Anlageinvestitionen und Kredite expandieren mit Raten von 30 Prozent.

Nach einigen Verzögerungen werden in den nächsten Wochen auch die Programme der USA Wirkung zeigen. Im April haben die ersten Steuersenkungen eingesetzt. Anfang Mai startete US-Präsident Barack Obama mit dem Versand von 250-Dollar-Schecks an mehr als 50 Millionen Haushalte. Das Volumen der Aktion beläuft sich auf mehr als 13 Milliarden Dollar.

Auch in Europa kurbelt der Staat die Nachfrage kräftig an. In Deutschland schoss die Autoproduktion im März dank der Abwrackprämie um 15 Prozent nach oben – sie ist mittlerweile ein Exportschlager. Ab Juli werden zudem die Beiträge zum Gesundheitsfonds gekappt, dann haben die Arbeitnehmer mehr Geld für den Konsum übrig, und in der zweiten Jahreshälfte dürften die staatlichen Bauaktivitäten den Output der Wirtschaft ankurbeln.

Spürbare Impulse für die Konjunktur

Niedrigere Zinsen: In den vergangenen Monaten haben die Zentralbanken rund um den Globus die Leitzinsen auf nahe null Prozent gesenkt und mit dem Ankauf von Staats-, Hypotheken- und Unternehmensanleihen Milliardensummen in die Wirtschaft gepumpt. In den USA sind die Hypothekenzinsen daraufhin kräftig gesunken, derzeit liegen sie mit knapp unter fünf Prozent für 30-jährige Laufzeiten auf dem niedrigsten Niveau seit Anfang der Siebzigerjahre.

Anfang des Monats hat auch die Europäische Zentralbank ihren Leitzins auf nunmehr 1,0 Prozent gesenkt. In den nächsten Wochen will sie Pfandbriefe im Volumen von 60 Milliarden Euro ankaufen. Im Gefolge der geldpolitischen Lockerungen ist der Zinssatz für Dreimonatsgeld (Euribor) von 5,4 Prozent im Herbst vergangenen Jahres auf knapp 1,3 Prozent gesunken. Das verbilligt kurzfristige Unternehmens- und Hypothekenkredite, deren Zins sich am Euribor orientiert.

Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz, glaubt daher, „dass die Notmaßnahmen der Geld- und Finanzpolitik Früchte tragen und die systemische Phase der Finanzkrise, in der es darum ging, den Kollaps des Gesamtsystems zu verhindern, hinter uns liegt“.

Konsum: Laune noch stabil

Abbau der Lagerbestände : Der abrupte Nachfrageeinbruch nach der Lehman-Pleite zwang die Unternehmen dazu, ihre Produktion zum großen Teil auf Vorrat zu halten. In den Folgemonaten setzten sie alles daran, die übervollen Lager zu räumen und schränkten dazu die laufende Produktion ein. In den USA trug der Lagerabbau im ersten Quartal nach Berechnungen von Goldman Sachs 2,8 Prozentpunkte zum Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von insgesamt 6,1 Prozent bei. Auch in Deutschland hat die Industrie ihre Warenbestände in den vergangenen Wochen massiv reduziert, wie Umfragen unter Einkaufsmanagern zeigen.

Sind die Lager leer, müssen die Unternehmen demnächst wieder ihre Maschinen anwerfen, um die Nachfrage zu bedienen. Das dürfte zumindest vorübergehend spürbare Impulse für die Konjunktur liefern und den Output deutlich nach oben schnellen lassen.

Rasanter Lagerabbau

Sinkende Preise: Billigere Nahrungsmittel und rückläufige Preise für Energie haben die Inflationsrate in den vergangenen Monaten gedrückt. Im April lagen die Kosten der Lebenshaltung in Deutschland nur 0,7 Prozent höher als vor einem Jahr. Für die nächsten Monate rechnen Experten damit, dass die Inflation unter die Marke von null Prozent fällt. Das wird zwar nur eine kurze Episode sein. Für die Bürger ist das jedoch eine willkommene Entlastung. „Die rückläufige Teuerung wird den privaten Konsum stützen“, sagt Morgan-Stanley-Ökonomin Bartsch. Tatsächlich ist das Konsumklima – trotz Krise und schlechter Lage auf dem Arbeitsmarkt – in den vergangenen Monaten stabil geblieben.

Rückkehr des Vertrauens: Ein wichtiger zusätzlicher Treiber für den Aufschwung dürfte die Psychologie sein. „Die Lehman-Pleite war ein negativer Schock für Märkte, Unternehmen und Bürger, der anschließende freie Fall der Wirtschaft hat gezeigt, wie wichtig Vertrauen ist“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das scheint nun dank der Rettungsprogramme der Regierungen und Notenbanken allmählich wieder zurückzukehren. „Der Wendepunkt ist da, weil der Pessimismus so groß war, dass schon mäßig gute Nachrichten reichten, um das Verhältnis von Optimisten zu Pessimisten zu verbessern“, analysiert Thomas Mayer, Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank.

Das könnte die Basis für eine psychologische Aufwärtsspirale sein: Das wachsende Vertrauen lässt die Kurse an den Finanzmärkten steigen, dann springt der Funke auf die Realwirtschaft über und regt die Unternehmen zu mehr Investitionen an. Mayer schätzt den psychologischen Impuls sogar so stark ein, „dass er die Wachstumsraten in Europa und den USA Ende des Jahres deutlich über die derzeit pessimistischen Prognosen steigen lässt“.

Doch ist ein solcher Wachstumsschub auch nachhaltig?

Immobilienpreise sinken weiter

Zweifel sind angebracht. „Die aktuelle Rezession ist keine normale Rezession, sie ist mit dem Platzen von Blasen am Immobilien- und Kreditmarkt sowie einer schweren Banken- und Finanzkrise verbunden“, warnt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, vor allzu großem Optimismus. Auf solche Rezessionen folgten meist zähe und anämische Aufschwünge. Der Grund: Die durch das Platzen der Blasen ausgelösten Korrekturen setzen sich auch nach dem Ende der Rezession fort und bremsen die Erholung.

Tatsächlich spricht vieles dafür, dass die Häuserpreise in den USA, Großbritannien, Spanien und anderen Ländern noch bis Mitte nächsten Jahres sinken. „Das Preis-Miete-Verhältnis für Häuser in den USA liegt noch immer über dem langjährigen Schnitt, da ist noch Korrekturbedarf vorhanden“, sagt Krämer.

Sinken aber die Immobilienpreise, schrumpft auch das Vermögen der Bürger. Zurückhaltung beim Shoppen ist die Folge. Da kann es nicht verwundern, dass die Einzelhandelsumsätze in Amerika nach den überraschenden Zuwächsen zu Jahresbeginn im März und April wieder gesunken sind. Gegen eine rasche Erholung des privaten Verbrauchs spricht auch die hohe Verschuldung der Konsumenten. Lagen ihre Außenstände im Jahr 2000 erst bei 103 Prozent ihres verfügbaren Einkommens, so sind es mittlerweile über 140 Prozent. Noch tiefer stecken die Briten im Schuldensumpf. Ihre Schuldenquote kletterte im gleichen Zeitraum von 117 auf 186 Prozent.

ISM-Einkaufsmanager: Wachsender Optimismus

„Die Kreditexzesse“, sagt Deutsche-Bank-Ökonom Mayer, „haben die Verschuldung auf unhaltbare Niveaus getrieben, nun müssen diese korrigiert werden.“ In Amerika hat die Korrektur bereits eingesetzt. Die Sparquote der privaten Haushalte, die 2005 noch negativ war, kletterte bis zuletzt auf über vier Prozent. Ökonomen halten Werte von etwa acht Prozent für nötig, auch um die sich abzeichnenden Versorgungslücken im US-Rentensystem durch private Vorsorge auszugleichen.

Dämpfend auf den Konsum wirkt zudem, das die US-Banken ihre Kreditstandards im ersten Quartal erneut verschärft haben. Und niemand weiß, wie viele faule Kredite und Wertpapiere noch in den Büchern der Banken schlummern. Der IWF schätzt, dass sich der Abschreibungsbedarf auf rund 4000 Milliarden Dollar beläuft, wovon erst ein Drittel abgeschrieben sei. Behalten die Washingtoner Ökonomen recht, steht das globale Finanzsystem vor weiteren enormen Belastungen – und die Banken könnten ihren Kunden den Kredithahn weiter zudrehen.

Fallen die US-Konsumenten, die die Weltwirtschaft bisher angetrieben haben, als Lokomotive aus, stellt sich die Frage, wer ihre Rolle übernimmt. Prädestiniert dafür wären Länder mit hohen Sparquoten wie Deutschland, Japan und China. Dort könnten die Konsumenten, ohne sich zu verschulden, allein durch Abschmelzen ihrer Ersparnisse den Konsum ordentlich pushen.

Enttäuschungspotenzial für die globale Konjunktur

In Deutschland und Japan aber setzt die alternde Bevölkerung die sozialen Sicherungssysteme unter Druck, die Menschen müssen mehr Geld privat auf die hohe Kante legen, um ihren Lebensstandard im Alter zu sichern. Hinzu kommt, dass die Staatsschulden explodieren. Die in der vergangenen Woche vorgelegte Steuerschätzung für Deutschland zeigt, dass dem Fiskus in den nächsten vier Jahren mehr als 300 Milliarden Euro an Steuereinnahmen fehlen werden. Statt Steuersenkungen könnten daher bald Steuererhöhung auf die Tagesordnung kommen. „Tritt der Staat auf die Bremse, droht er den Aufschwung abzuwürgen“, fürchtet Dirk Schumacher, Deutschland-Chefvolkswirt von Goldman Sachs.

Hinzu kommt, dass die Betriebe in Deutschland bisher mit Kurzarbeit auf den Wegfall der Nachfrage reagiert haben. Bleiben die erhofften Aufträge aus, könnten sie gezwungen sein, Arbeitskräfte zu entlassen. „Sinkende Beschäftigungszahlen dürften den Konsum dann deutlich bremsen“, sagt Goldman-Sachs-Ökonom Schumacher.

Die Konsumenten in China können die Rolle des globalen Konjunkturmotors noch nicht übernehmen. Weil im Reich der Mitte ein funktionierendes soziales Sicherungssystem fehlt, legen die Bürger 40 Prozent des Einkommens auf die hohe Kante. Ebenso wie in Indien dürfte es noch Jahre dauern, bis eine zahlenmäßig ausreichende und kaufkräftige Mittelschicht herangewachsen ist, die der Weltwirtschaft Nachfrageimpulse gibt.

Das Enttäuschungspotenzial für die globale Konjunktur ist daher groß. Nach einer überraschend kräftigen Erholung könnten mehrere Jahre mit schwachem Wachstum von allenfalls 2,5 Prozent folgen, erwartet Deutsche-Bank-Ökonom Mayer. Für Deutschland mit seiner exportabhängigen Industrie hieße das, Abschied zu nehmen von der Hoffnung, bald wieder Wachstumsraten von drei Prozent zu erzielen wie in den Jahren 2006 und 2007. Aber nach dem schweren Einbruch der Wirtschaft von fünf bis sechs Prozent, der sich für dieses Jahr abzeichnet, dürften selbst Wachstumsraten von ein bis zwei Prozent wie ein Boom erscheinen.

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