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Konjunktur Deutschland gehen die Kunden aus

Das deutsche Wirtschaftswunder gelangt an seine Grenzen. Aus der Eurozone, aber auch aus Brasilien, China und den USA kommen weniger Aufträge. Stürzt nun auch Deutschland in die Rezession?

Philipp Rösler Quelle: dpa

Schlechte Nachrichten sind für den FDP-Chef und Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler nichts Neues. Doch seit wenigen Wochen kommen die Negativ-Meldungen nicht aus der eigenen Partei. Stattdessen bekommt Rösler Zahlen zur Konjunktur auf den Tisch, die ihm Sorgen bereiten müssen.

Ob Bundesbank oder das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW ), Finanzexperten oder Unternehmer: Alle sind sich einig, dass das deutsche Wirtschaftswunder an seine Grenzen gelangt. Wenn die Weltwirtschaft – und dafür gibt es viele Anzeichen – weiter abkühlt, wird auch die Exportnation nicht weiter wachsen können. Das Konjunkturbarometer des ZEW brach am Dienstag so stark ein wie seit 1998 nicht mehr, der Einkaufsmanagerindex für Deutschland ist im Juni auf den niedrigsten Stand seit Juni 2009 gefallen – und auch der Geschäftsklimaindex des Münchner ifo-Instituts gab am Freitag erneut nach.

Wachstumsstrategien für Europa
François Hollandes Mission lässt sich auf einen kurzen Nenner bringen: Wachstum. Der neue französische Präsident hat sich zum Ziel gesetzt, Europa die seiner Meinung nach einseitige Ausrichtung auf die Sanierung der Staatsfinanzen auszutreiben und den Kontinent damit aus der Wirtschaftskrise zu führen. Das Thema ist keine Erfindung Hollandes - die EU-Regierungschefs haben sich immer wieder damit beschäftigt, wie der Kontinent Rezession und Arbeitslosigkeit entrinnen kann. Aber die Debatte um die richtige Strategie erhält durch die Wahl des Sozialisten eine ganz neue Dynamik. Quelle: dpa
Die Leitfrage dabei lautet: Wie lässt sich die Wirtschaft ankurbeln, ohne dafür viel Geld in die Hand zu nehmen? Schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme gelten nicht als Option - schließlich sind die Staatskassen leer. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso propagiert daher, "auf wachstumsfreundliche Art und Weise zu sparen". Nach Ansicht vieler Ökonomen lässt sich die Konjunktur nur dann ankurbeln, wenn Wirtschafts- und Finanzpolitiker sowie Notenbanker einige bislang als unantastbar geltende Prinzipien aufgeben. Quelle: dpa
1. Weniger SparenDie heftigen Sparprogramme in Griechenland, Spanien, Italien und Co. sind nach ihrer Einschätzung Teil des Problems, nicht Teil der Lösung: „Der derzeitige Austeritätskurs ist zu hart“, sagt der Chef des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, Gustav Horn. Die Sparziele sollten auf vier bis fünf Jahre gestreckt werden. Ähnlich argumentiert Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank: „Wer Wachstum will, darf die Austeritätspolitik in den Krisenländern nicht übertreiben.“ Quelle: dapd
Barroso setzt dabei unter anderem auf die von ihm vorgeschlagenen Projektbonds. Damit will die EU-Kommission dieses und nächstes Jahr private Investitionen in Höhe von 4,5 Milliarden Euro in Infrastrukturprojekte in den Bereichen Verkehr und Energie anstoßen. Die EU selbst soll die privaten Investitionen mit 230 Millionen Euro ins Rollen bringen. Quelle: dapd
2. Unkonventionelle GeldpolitikDie Europäische Zentralbank kann nach Auffassung von Ökonomen mehr für das Wachstum tun. Die EZB sei deutlich restriktiver als die Notenbanken in vielen anderen Industrieländern, betont etwa Patrick Artus, Chefvolkswirt der französischen Investmentbank Natixis. So seien die kurz- und langfristigen Zinsen nach Abzug der Inflationsrate deutlich höher als in den USA oder Großbritannien. Um Abhilfe zu schaffen, könnte die EZB die Leitzinsen von derzeit einem Prozent auf die Untergrenze von null senken - so, wie es die Zentralbanken in den USA und in Großbritannien schon vor mehreren Jahren getan haben. Quelle: dpa
Noch wichtiger ist nach Ansicht vieler Beobachter aber, dass die EZB die Panik auf dem Markt für Staatsanleihen bekämpft - indem sie signalisiert, dass sie im äußersten Notfall als Käufer agiert. Europas Kernproblem sei die Gefahr, dass die kleineren Länder größere Staaten wie Italien anstecken, so Schmieding. „Das Risiko einer Finanzmarktpanik könnte die EZB mit solch einer Ankündigung in den Griff bekommen“, glaubt der Volkswirt. An den Finanzmärkten würden die Risikoaufschläge sinken, Staaten wie Unternehmen könnten sich leichter refinanzieren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werde die EZB eine solche Ankündigung gar nicht einlösen müssen, sagt IMK-Chef Horn: „Das ist wie im Kalten Krieg: Da hat es gereicht, seine Atomwaffen zu zeigen.“ Quelle: Reuters
3. Sanierung der BankenEin stabiles, funktionierendes Bankensystem ist Grundvoraussetzung für eine prosperierende Volkswirtschaft - viele Geldinstitute in der Euro-Zone gehen aber nach wie vor am Stock und zaudern bei der Vergabe von Krediten. „Wir brauchen dringend eine Sanierung und Rekapitalisierung der Banken“, betont Oxford-Professor Clemens Fuest. „So kann die Politik einen katastrophalen Absturz der europäischen Wirtschaft verhindern.“ Zudem brauche die Währungsunion eine einheitliche Bankenaufsicht und Regeln dafür, wie in Schieflage geratene Banken saniert werden. Quelle: Reuters

Selbst die Vorzeigebranche schwächelt

Die Vorboten des Abschwungs sind bereits in den Auftragsbüchern der Unternehmen angekommen. Die Industrieproduktion ist zuletzt um 2,2 Prozent gegenüber dem Vormonat gesunken, die Auftragseingänge gingen um 1,9 Prozent zurück. Während die Bestellungen aus dem Inland um 0,4 Prozent zulegten, brach die Nachfrage aus dem Ausland nach deutschen Gütern und Dienstleistungen um 3,6 Prozent ein. Zugleich meldete das Kraftfahrtbundesamt kräftige Bremsspuren in Deutschlands Vorzeigebranche, der Automobilindustrie. Die Zahl der Neuzulassungen brach im Mai um knapp fünf Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat ein. Besonders hart traf es die Hersteller Ford (minus 7,5 Prozent) und Opel (minus elf Prozent).

Die größten Risiken für die deutsche Wirtschaft

„Deutschland ist nicht immun gegen die Krise“, sagt der Ökonom Peter Meister von der BHF-Bank. Das sehen andere Experten genauso. „Deutschland wird zwar nicht zurück in die Rezession fallen, denn dazu ist die Binnennachfrage zu robust“, so der Citigroup-Experte Jürgen Michels. „Aber es dürfte nur zu einem schwachen Wachstum reichen.“

Wie stark die deutsche Wirtschaft in den nächsten Quartalen einbricht, ist in erster Linie nicht von der Bundesrepublik beeinflussbar. Entscheidend ist, wie sich die Weltwirtschaft entwickelt. Der aktuelle Eindruck ist: Der Exportnation droht Ungemach aus allen Weltregionen. Das Wachstum der Euro-Zone ist im ersten Quartal des Jahres zum Erliegen gekommen, die Euro-Pleiteländer Griechenland, Spanien und Portugal stecken tief in der Rezession. Aber auch in den Niederlanden und in schrumpft die Wirtschaft. Zudem ist die Perspektive in den Schwellenländern wie Brasilien und Indien düster, auch China schwächelt, die USA sowieso.

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