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Konjunktur Deutschlands Wirtschaft prescht voran

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Zinsen

Die Rückbesinnung der Banken auf das Kreditgeschäft in Deutschland hat auch damit zu tun, dass sich viele Institute mit ihren Engagements in Ländern wie Spanien und Griechenland die Finger verbrannt haben. „Wegen der neuen Angst vor unsicheren Kreditnehmern werden die Banken die Ersparnisse der Deutschen in Zukunft wieder verstärkt der deutschen Industrie als Kredit zur Verfügung stellen“, sagt Hans-Werner Sinn, Chef des ifo Instituts (siehe WirtschaftsWoche 19/2010). Mit dem Geld seiner Sparer, frohlockt Sinn, „kann Deutschland mittelfristig, wenn sich die unmittelbaren Folgen der Krise verflüchtigt haben, einen Wirtschaftsboom finanzieren“.

Die extrem niedrigen Zinsen dürften das Ihre dazu beisteuern. Hatte es vor der griechischen Schuldenkrise noch so ausgesehen, als begänne die EZB in der ersten Jahreshälfte 2010 damit, die Geldschleusen langsam wieder zu schließen, so kann davon angesichts der europaweiten Schieflage der Staatsfinanzen keine Rede mehr sein. Experten erwarten, dass die Euro-Hüter frühestens Ende 2011 an der Zinsschraube zu drehen beginnen.

Für die dahinsiechende Wirtschaft der überschuldeten Krisenländer im Süden der Euro-Zone mag selbst ein Zinssatz von null Prozent noch zu hoch sein. Für Deutschland aber sind die derzeitigen Minizinsen zu niedrig, zeigen Berechnungen des ifo Instituts. Die Münchner haben berechnet, dass in den ersten zehn Jahren der Währungsunion der Euro-Leitzins für Deutschland zu hoch ausfiel. Jetzt ist er zu niedrig (siehe Grafik). Wegen der vergleichsweise schnellen Konjunkturerholung in Deutschland „würde eine deutsche Zentralbank die Leitzinsen am aktuellen Rand um 1,5 bis 2,0 Prozentpunkte über dem EZB-Zielzins setzen“, schreiben die ifo-Ökonomen. Deutschland erhalte so von der Geldpolitik mittelfristig einen „stimulierenden Impuls“.

Die Wirkungen lassen sich am Immobilienmarkt bereits beobachten. Seit vergangenem Herbst ziehen die Genehmigungen für den Neubau von Mehrfamilienhäusern kräftig an. Im Schlussquartal 2009 schnellten sie um 25 Prozent nach oben, in den ersten vier Monaten dieses Jahres stiegen sie um weitere 5,5 Prozent.

Interesse von Investoren an Immobilien geweckt

„Die niedrigen Zinsen in Verbindung mit erwarteten Wohnungsengpässen in Ballungszentren und Inflationsängste haben das Interesse von in- und ausländischen Investoren an Immobilien in Deutschland geweckt“, sagt Heiko Stiepelmann, Chefvolkswirt beim Hauptverband der Deutschen Bauindustrie. In Süddeutschland steigen die Preise für neue Eigentumswohnungen nach Angaben der Landesbausparkassen schon um mehr als sieben Prozent.

Investieren die Unternehmen wieder mehr in Gebäude, Maschinen und Anlagen, steigt auch die Nachfrage nach Arbeitskräften. Ohnehin dürften diese knapp werden, wenn die ersten Jahrgänge der Babyboomer demnächst in den Ruhestand gehen. Der Wettbewerb der Unternehmen um die besten Köpfe wird nicht nur die Jobsicherheit erhöhen, er wird auch die Position der Arbeitnehmer in Tarif- und Gehaltsverhandlungen stärken.

Dazu kommt, dass der von der Globalisierung ausgehende Druck auf die Löhne nachlässt, weil die Entgelte für Arbeitnehmer in China und anderen Schwellenländern steigen. So könnten die Zeiten mikroskopisch kleiner Lohnerhöhungen in Deutschland bald der Vergangenheit angehören. Goldman-Sachs-Ökonom Schumacher hält es für möglich, dass der deutsche Konsument mittelfristig zum „Treiber der Konjunktur wird“ – vorausgesetzt, die Regierung lenkt das Lohnplus nicht durch immer höhere Abgaben und Steuern in die Kassen des Staates um.

So wünschenswert eine stärkere Inlandsnachfrage ist, sie hat auch Risiken. Hält die EZB die Zinsen zu lange zu niedrig, könnte die Inflation ins Laufen kommen und sich Blasen bilden. „Die größte Gefahr für Übertreibungen besteht mittelfristig wohl am Immobilienmarkt in Ballungszentren und am Aktienmarkt“, sagt DekaBank-Chefökonom Kater.

Was passiert, wenn solche Blasen platzen, lässt sich derzeit in Spanien, Irland und Co. beobachten. 

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