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Konjunktur Deutschlands Wirtschaft prescht voran

Jahrelang hinkte Deutschland der Wirtschaft in der Euro-Zone hinterher. Das ist vorbei. Dank Exportboom und niedriger Zinsen wird die Bundesrepublik zur Konjunkturlokomotive für Europa. Droht jetzt die Deutschland-Blase?

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Export Quelle: Laif

Ja, wir sind wieder wer! Erst gewinnt Deutschlands Vorzeige-Teenager Lena Meyer-Landrut zum Entzücken der Nation den europäischen Schlager-Grand-Prix. Dann trumpft Jogi Löws Boy-Group bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika trotz des Ausscheidens im Halbfinale mit Spielwitz und Verve auf, wie man es früher nur von Brasilien kannte. Als wäre das nicht genug, überrascht auch die deutsche Wirtschaft mit immer neuen Positivmeldungen vom Arbeitsmarkt und von der Unternehmensfront. Finanzkrise war gestern, Aufschwung ist jetzt!

Mögen an den Börsen die Kurse aus Angst vor einem erneuten Absturz der Weltwirtschaft wild hin und her zappeln und die Bundesregierung vor sich hinmurksen – die deutsche Wirtschaft marschiert mit Siebenmeilenstiefeln aus dem tiefen Tal, in das sie durch die Finanzkrise vor rund anderthalb Jahren gefallen war.

Von April bis Juni dürfte die gesamtwirtschaftliche Leistung um bis zu 1,5 Prozent gewachsen sein, schätzen Experten. Rechnet man das auf das Jahr hoch, ergibt sich eine Rate von rund sechs Prozent – doppelt so viel wie Ökonomen den USA zutrauen. Kein Tag, an dem nicht ein Forschungsinstitut oder eine Bank die Wachstumsprognose für Deutschland nach oben revidiert. Anfang des Monats preschte die Commerzbank vor und setzte sich mit einem prognostizierten Wachstum von 2,5 Prozent für dieses Jahr an die Spitze der Optimisten.

Die Nachrichten, die aus den Unternehmen kommen, bestätigen den Optimismus. Der Autohersteller Daimler erreichte mit seinem Pkw-Absatz im zweiten Quartal fast wieder das Vor-Krisen-Niveau. Die Werke Rastatt (A- und B-Klasse) sowie Bremen und Sindelfingen (C-, E- und S-Klasse) sind inzwischen wieder voll ausgelastet. In Bremen müssen Sonderschichten gefahren werden, um die Nachfrage für das GLK-Modell zu befriedigen.

Volle Auftragsbücher

Volle Auftragsbücher meldet auch der Maschinen- und Anlagenbau. Im Mai legten die Bestellungen der Branche um 61 Prozent gegenüber Vorjahr zu. Bei solchen Zahlen bleibt selbst den Experten des Branchenverbands VDMA die Spucke weg. Sogar der längst tot geglaubte Wohnungsbau gibt wieder Lebenszeichen von sich. Die Baugenehmigungen für Mehrfamilienhäuser schießen seit Monaten in die Höhe.

Der Aufschwung hat auch den Arbeitsmarkt erreicht. Im Juni sank die saisonbereinigte Zahl der Arbeitslosen auf 3,23 Millionen. Experten rechnen damit, dass sie schon bald unter die Marke von drei Millionen fällt. Entsprechend ist die Kurzarbeit auf dem Rückzug. Bei Daimler arbeiteten zuletzt nur noch 13.700 Mitarbeiter kurz, im April 2009 waren es noch 68.000 gewesen. Beim Zulieferer Continental sank die Kurzarbeiterzahl von 6000 auf 600. Auch in der arg gebeutelten Stahlindustrie sind die Stechuhren wieder am Anschlag. ThyssenKrupp zählte zuletzt weltweit 3900 Kurzarbeiter, vor einem Jahr waren es noch 48.900.

Steigende Nachfrage nach Waren "made in Germany"

Dass die deutsche Wirtschaft wie Phönix aus der Asche aufsteigt, verdankt sie in erster Linie dem Export. Im Mai schossen die Ausfuhren gegenüber April um 9,2 Prozent in die Höhe. Ihr Vorjahresniveau überschritten sie um 28,8 Prozent. Vor allem in den Schwellenländern boomt die Wirtschaft – das lässt die Nachfrage nach Waren made in Germany kräftig steigen.

Doch mittlerweile mehren sich die Zeichen, dass die Weltwirtschaft in den nächsten Monaten einen Gang zurückschalten wird. Der Lageraufbau der Unternehmen lässt nach, und die Nachfrageimpulse der weltweit aufgelegten Konjunkturprogramme ebben ab. „Wenn sich die Weltkonjunktur abschwächt, geht das auch an der exportabhängigen deutschen Wirtschaft nicht spurlos vorüber“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank.

Frachtcontainer werden für Quelle: AP

Umso wichtiger ist es, dass der Funke von den Ausfuhren auf die Binnennachfrage überspringt. Die Chancen dafür stehen so gut wie lange nicht mehr. Denn der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, wird die Leitzinsen noch lange niedrig halten, um einen Schuldenkollaps der kriselnden Länder im Süden der Euro-Zone zu verhindern. Das gibt der deutschen Konjunktur, die sich schneller erholt als der Rest Europas, einen kräftigen Schub.

Mehr noch: Für Deutschland ergibt sich ein völlig neues Wachstumsmuster. Erstmals seit Beginn der Währungsunion wird der Euro-Einheitszins für Deutschland mittelfristig zu niedrig ausfallen. „Die Krise hat quasi einen Kippschalter umgelegt, der die Wachstumskräfte, die sich unter dem Euro in die Länder der südwestlichen Peripherie Europas verlagert hatten, wieder in Deutschland erstarken lässt“, urteilen die Ökonomen des Münchner ifo Instituts. Deutschland gibt die rote Laterne ab und entwickelt sich zur Konjunkturlokomotive Europas.

Zwar hat das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nach Berechnungen der Commerzbank erst ein Fünftel des vorangegangenen Einbruchs wettgemacht, die gesamtwirtschaftliche Leistung liegt mithin noch immer um rund vier Prozent unter dem Niveau vor der Rezession. Doch bei dem Tempo, mit dem sich die Wirtschaft derzeit erholt, wird das BIP spätestens 2012 wieder das Niveau vor der Rezession erreichen.

Überflieger Deutschland

Die Stärke der deutschen Wirtschaft hat mehrere Gründe:

„Anders als in Spanien, Irland oder Großbritannien hat es in Deutschland in den vergangenen Jahren keine Übertreibungen am Immobilienmarkt und keine Schuldenexzesse bei den Konsumenten gegeben“, erklärt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Während sich Spanier und Briten beim Konsum nun deutlich einschränken müssen, um ihren Schuldendienst zu finanzieren, können die Deutschen unbeschwert ihren Einkaufsbummel genießen.

Wie ein Musterknabe

Auch in den Kassen der öffentlichen Haushalte sieht es hierzulande besser aus. Zwar wird das gesamtstaatliche Haushaltsdefizit dieses Jahr mit voraussichtlich rund fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts über der Maastrichter Obergrenze von drei Prozent liegen. Doch neben Ländern wie Spanien (Defizitquote: 9,4 Prozent), Griechenland (8,7 Prozent) und Großbritannien (11,5 Prozent) nimmt sich Deutschland wie ein Musterknabe aus.

Das Sparprogramm der Bundesregierung fällt daher vergleichsweise moderat aus und dürfte das Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr nur um 0,2 bis 0,5 Prozentpunkte sinken lassen. In Griechenland (–2,8 Prozentpunkte), Spanien (–2,4 Prozentpunkte) und Frankreich (–1,9 Prozentpunkte) fallen die Bremswirkungen deutlich höher aus.

Exporte Wachstum Arbeitslosigkeit

Hatte die Finanzkrise die deutschen Unternehmen wegen der starken Exportorientierung besonders hart erwischt, so treibt jetzt die weltweite Konjunkturerholung die Ausfuhren umso schneller nach oben. Die Ökonomen des Finanzdienstleisters IHS Global Insight rechnen für 2010 mit einem Exportplus von zehn Prozent. Frankreich, Italien und Spanien dürften mit Raten von sechs bis sieben Prozent deutlich dahinter zurückbleiben (siehe Grafik).

„Deutschland hat mit seiner Konzentration auf Investitionsgüter ein besonders zyklisches Exportsortiment und ist stärker als andere Euro-Länder in den wachstumsstarken Schwellenländern vertreten“, erklärt Holger Schmieding, Europa-Chefvolkswirt der Bank of America Merrill Lynch, die deutschen Exporterfolge.

Dazu kommt: In den Reformjahren unter der rot-grünen Bundesregierung von 2003 bis 2005 haben sich die deutschen Unternehmen fit gemacht und im anschließenden Boom von 2006 und 2007 die Kosten unter Kontrolle gehalten. „Deutsche Unternehmen sind ihren Konkurrenten in anderen Ländern jetzt deutlich voraus“, sagt Schmieding.

Das schlägt sich in den Bilanzen nieder. Obwohl die Wirtschaft 2009 so stark einbrach wie seit Jahrzehnten nicht mehr, gingen die Vorsteuergewinne der Unternehmen außerhalb des Finanzsektors nur auf das Niveau von Anfang 2004 zurück. Mittlerweile liegen sie wieder so hoch wie zu Beginn des Aufschwungs Mitte 2005.

Reizthema deutsche Wettbewerbsfähigkeit

Wer so viel Erfolg hat, dem sind die Neider sicher. „Wir haben nicht genug auf die Wettbewerbsunterschiede aufgepasst, die zwischen Deutschland auf der einen und Griechenland, Portugal und Irland auf der anderen Seite entstanden sind“, sagt Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde. Damit setzte sie vor einigen Monaten das Reizthema der stark gestiegenen deutschen Wettbewerbsfähigkeit in die Welt. Lagarde hat hinterher zwar betont, sie sei falsch verstanden worden und habe Deutschland zu seiner Wettbewerbsfähigkeit nur gratulieren wollen. Dennoch bleibt sie dabei: „Jeder muss sich anstrengen.“ Mit Blick auf Deutschland heißt das: Die Inlandsnachfrage solle angekurbelt werden – etwa durch Steuersenkungen oder höhere Löhne.

Comeback der Inlandsnachfrage

Das könnte schneller kommen als gedacht. Die Auslastung der Maschinen und Anlagen hat sich seit dem Tiefpunkt der Konjunktur im Winterhalbjahr 2008/09 kräftig erhöht. Mit knapp 80 Prozent liegt der Auslastungsgrad der Industrie nur noch knapp unter dem langjährigen Durchschnitt von 83 Prozent. Immer mehr Unternehmen erweitern daher ihren Maschinen- und Anlagenpark. In einer aktuellen Umfrage des Zentralverbands Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) gaben 56 Prozent der Unternehmen an, ihre Investitionen dienten der Erweiterung der Kapazitäten.

Nur 32 Prozent nannten Rationalisierungen als Hauptmotiv für Investitionen, bei zwölf Prozent stand der Ersatz alter Anlagen im Vordergrund. „Die Investitionen kommen in Gang, der Aufschwung trägt sich selbst“, urteilt Dirk Schumacher, Deutschland-Chefökonom der US-Investmentbank Goldman Sachs.

Auch die von vielen Experten befürchtete Kreditklemme ist ausgeblieben. In Umfragen des ifo Instituts gaben im Juni nur 34 Prozent der Unternehmen an, die Banken seien bei der Kreditvergabe restriktiv. Vor einem Jahr waren noch 45 Prozent dieser Ansicht.

Zinsen

Die Rückbesinnung der Banken auf das Kreditgeschäft in Deutschland hat auch damit zu tun, dass sich viele Institute mit ihren Engagements in Ländern wie Spanien und Griechenland die Finger verbrannt haben. „Wegen der neuen Angst vor unsicheren Kreditnehmern werden die Banken die Ersparnisse der Deutschen in Zukunft wieder verstärkt der deutschen Industrie als Kredit zur Verfügung stellen“, sagt Hans-Werner Sinn, Chef des ifo Instituts (siehe WirtschaftsWoche 19/2010). Mit dem Geld seiner Sparer, frohlockt Sinn, „kann Deutschland mittelfristig, wenn sich die unmittelbaren Folgen der Krise verflüchtigt haben, einen Wirtschaftsboom finanzieren“.

Die extrem niedrigen Zinsen dürften das Ihre dazu beisteuern. Hatte es vor der griechischen Schuldenkrise noch so ausgesehen, als begänne die EZB in der ersten Jahreshälfte 2010 damit, die Geldschleusen langsam wieder zu schließen, so kann davon angesichts der europaweiten Schieflage der Staatsfinanzen keine Rede mehr sein. Experten erwarten, dass die Euro-Hüter frühestens Ende 2011 an der Zinsschraube zu drehen beginnen.

Für die dahinsiechende Wirtschaft der überschuldeten Krisenländer im Süden der Euro-Zone mag selbst ein Zinssatz von null Prozent noch zu hoch sein. Für Deutschland aber sind die derzeitigen Minizinsen zu niedrig, zeigen Berechnungen des ifo Instituts. Die Münchner haben berechnet, dass in den ersten zehn Jahren der Währungsunion der Euro-Leitzins für Deutschland zu hoch ausfiel. Jetzt ist er zu niedrig (siehe Grafik). Wegen der vergleichsweise schnellen Konjunkturerholung in Deutschland „würde eine deutsche Zentralbank die Leitzinsen am aktuellen Rand um 1,5 bis 2,0 Prozentpunkte über dem EZB-Zielzins setzen“, schreiben die ifo-Ökonomen. Deutschland erhalte so von der Geldpolitik mittelfristig einen „stimulierenden Impuls“.

Die Wirkungen lassen sich am Immobilienmarkt bereits beobachten. Seit vergangenem Herbst ziehen die Genehmigungen für den Neubau von Mehrfamilienhäusern kräftig an. Im Schlussquartal 2009 schnellten sie um 25 Prozent nach oben, in den ersten vier Monaten dieses Jahres stiegen sie um weitere 5,5 Prozent.

Interesse von Investoren an Immobilien geweckt

„Die niedrigen Zinsen in Verbindung mit erwarteten Wohnungsengpässen in Ballungszentren und Inflationsängste haben das Interesse von in- und ausländischen Investoren an Immobilien in Deutschland geweckt“, sagt Heiko Stiepelmann, Chefvolkswirt beim Hauptverband der Deutschen Bauindustrie. In Süddeutschland steigen die Preise für neue Eigentumswohnungen nach Angaben der Landesbausparkassen schon um mehr als sieben Prozent.

Investieren die Unternehmen wieder mehr in Gebäude, Maschinen und Anlagen, steigt auch die Nachfrage nach Arbeitskräften. Ohnehin dürften diese knapp werden, wenn die ersten Jahrgänge der Babyboomer demnächst in den Ruhestand gehen. Der Wettbewerb der Unternehmen um die besten Köpfe wird nicht nur die Jobsicherheit erhöhen, er wird auch die Position der Arbeitnehmer in Tarif- und Gehaltsverhandlungen stärken.

Dazu kommt, dass der von der Globalisierung ausgehende Druck auf die Löhne nachlässt, weil die Entgelte für Arbeitnehmer in China und anderen Schwellenländern steigen. So könnten die Zeiten mikroskopisch kleiner Lohnerhöhungen in Deutschland bald der Vergangenheit angehören. Goldman-Sachs-Ökonom Schumacher hält es für möglich, dass der deutsche Konsument mittelfristig zum „Treiber der Konjunktur wird“ – vorausgesetzt, die Regierung lenkt das Lohnplus nicht durch immer höhere Abgaben und Steuern in die Kassen des Staates um.

So wünschenswert eine stärkere Inlandsnachfrage ist, sie hat auch Risiken. Hält die EZB die Zinsen zu lange zu niedrig, könnte die Inflation ins Laufen kommen und sich Blasen bilden. „Die größte Gefahr für Übertreibungen besteht mittelfristig wohl am Immobilienmarkt in Ballungszentren und am Aktienmarkt“, sagt DekaBank-Chefökonom Kater.

Was passiert, wenn solche Blasen platzen, lässt sich derzeit in Spanien, Irland und Co. beobachten. 

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