WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Konjunktur Die deutsche Wirtschaft im Sog der Euro-Krise

Die Rezession in Europa zieht jetzt auch Deutschland nach unten. Der Abschwung droht. Die EZB ist machtlos, denn Europa braucht Reformen in den Krisenländern. Die aber sind nicht in Sicht.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Eigentlich ist Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), kein Anhänger düsterer Szenarien. Doch am Donnerstag vergangener Woche malte Europas oberster Währungshüter ein Bild mit vielen dunklen Wolken. „Die Lage am Arbeitsmarkt ist schlecht“, sagte Draghi in der slowakischen Hauptstadt Bratislava, wo die EZB über die Geldpolitik beraten hatte. Zudem habe sich die pessimistische Stimmung in Europas Wirtschaft ausgedehnt. Daher habe sich die EZB entschlossen, den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte auf nunmehr 0,5 Prozent zu senken. „Die Zinssenkung“, so Draghi, „soll die Erholung im weiteren Jahresverlauf unterstützen.“

Die Sorgen der Währungshüter um Europas Konjunktur sind begründet. In den Südländern der Euro-Zone schrumpft die Wirtschaft ungebremst. Kriselnde Banken, geplatzte Immobilienblasen und höhere Steuern halten die Konjunktur im Würgegriff. Nun droht der Krisenvirus auf die Kernländer der Währungsunion überzugreifen. In den Niederlanden und Finnland geht die Wirtschaftsleistung schon zurück, Frankreich wird dem Club der Rezessionsländer bald beitreten.

Nur in Deutschland scheint die Wirtschaft den Wogen der Krise noch zu trotzen wie ein Fels in der Brandung. Noch. Doch damit könnte es bald vorbei sein. Denn die Laune in den Unternehmen hat sich auch hierzulande spürbar eingetrübt. Wichtige Frühindikatoren wie der ifo-Geschäftsklimaindex und der Einkaufsmanagerindex für die Industrie haben nach unten gedreht. Auch der Earlybird-Frühindikator, den die Commerzbank exklusiv für die WirtschaftsWoche ermittelt, hat seinen Aufwärtstrend beendet. In vielen Betrieben sinkt die Auslastung von Maschinen und Anlagen, die Personalchefs halten sich mit Neueinstellungen zurück.

So ist der Ausblick bei Banken, Autoherstellern & Co.
Container im Hamburger Hafen Quelle: dpa
Maschinenbau Quelle: dpa
Ein Kabel Quelle: dpa
Zeitungen Quelle: dpa
Ein Flugzeug Quelle: dpa
Chemieindustrie Quelle: dpa
Arzt Quelle: dpa

Die Aktienkurse klettern

Die Teilnehmer an den Finanzmärkten scheint das jedoch nicht sonderlich zu beunruhigen. Die Aktienkurse klettern, als befände sich Deutschland mitten im Boom – obschon Analysten die Gewinnerwartungen für wichtige Dax-Unternehmen nach unten korrigiert haben. Auch die Bürger lassen sich ihre Laune von den schlechten Nachrichten aus der Unternehmenswelt bisher nicht verderben. Der von der GfK ermittelte Index für das Konsumklima kletterte im April auf 6,0 Punkte. Für Mai prognostizieren die Nürnberger Konsumforscher einen weiteren Anstieg auf 6,2 Zähler – den höchsten Wert seit Ausbruch der Finanzkrise 2007.

Experten rätseln daher, ob die Konjunktur nur von einer „vorübergehenden Frühjahrsmüdigkeit“ befallen ist, wie der Chefökonom der US-Investmentbank Morgan Stanley, Joachim Fels, glaubt, oder ob „eine erneute Abschwungphase einsetzt“, wie Jan Poser, Chefökonom der Schweizer Bank Sarasin, meint.

Fakt ist, dass die Kehrtwende der Frühindikatoren sowie die zuletzt enttäuschenden Daten zur Produktion die Auguren auf dem falschen Fuß erwischt haben. Anfang des Jahres hatten die meisten Experten noch eine kräftige Belebung für dieses Jahr vorausgesagt. Grund dafür war die Beruhigungspille, die EZB-Chef Draghi den Märkten im Sommer vergangenen Jahres verabreicht hatte. Sein Versprechen, den Euro um jeden Preis zu retten, hatte die Börsen in Jubellaune versetzt und den akuten Krisenmodus an den Finanzmärkten beendet. Anlagegelder kehrten in die Währungsunion zurück, die Zinsen für die Staatsanleihen der Krisenländer sanken.

Unbeeindruckt von Draghi

Italiens größte Steuer-Eskapaden
Busfahrer in PalermoDie Hauptstadt der Autonomen Region Sizilien plante 2011 eine Serviceoffensive. 110 neue Busfahrer wurden eingestellt. Das Problem: Nicht einer von ihnen hatte einen Busführerschein. Die Stadt sprang ein und spendierte die Ausbildung. Als die Fahrer bereit waren, stellte die Stadt fest, dass es weder genug Busse, noch genug Busrouten für die ganzen Fahrer gab. Die Hälfte der neuen Angestellten sitzt nun in der Verwaltung. Einen Führerschein brauchen sie da nicht. Quelle: AP
Milch von PhantomkühenIn Italien wurde über Jahre die Milch von 300.000 Kühen verkauft, obwohl sie uralt – oder längst tot sind. In der Regel werden Kühe aussortiert und geschlachtet, wenn sie etwa acht Jahre alt sind. Sie geben dann kaum noch Milch, und viel älter würden sie ohnehin nicht. Anders in Italien. Dort stehen nach offiziellen Angaben etwa 300.000 Kühe in den Ställen und werden gemolken, berichtete der „Spiegel“. Manche müssten demnach auch mit 83 Jahren noch Milch wie zu ihren besten Zeiten produzieren. Klarer Fall von Betrug. 1,2 Milliarden Liter Milch kamen zusammen, von denen bislang niemand weiß, woher sie stammen. Den Schaden hat der Steuerzahler: Weil die nach Brüssel gemeldeten Milchmengen von italienischen Kühen regelmäßig die dem Land zugeteilte Gesamtquote überschritten, musste Rom deftige Strafen zahlen. Über die Jahre summierten sich diese angeblich auf rund vier Milliarden Euro. Quelle: dpa
Brücke nach SizilienTrotz aller Haushaltsprobleme fehlt es der Politik nicht an Visionen. Silvio Berlusconi setzt sich seit 2005 für den Bau einer Brücke über die Straße von Messina ein. Kostenpunkt: 3,9 Milliarden Euro. Mehrere regionale Politiker, aber auch die Regierung Romano Prodis, stuften das Projekt als unsinnig und umweltschädigend ein und ließen es ruhen. Berlusconi, der 2008 wieder ins Amt stürmte, nahm zurück an der Macht das Projekt wieder auf. Der Kostenplan sah inzwischen Investitionen von fast 8,5 Milliarden Euro vor. Das war Nachfolger Mario Monti zu viel. Er wollte auf den Brückenbau verzichten, fasste aber keinen Beschluss zum Baustopp, weil ansonsten eine Konventionalstrafe in Höhe von 300 Millionen Euro fällig geworden wäre. Nun soll ein chinesischer Investor das Projekt weiterführen. Quelle: dpa
Autobahn A3400 Millionen Euro an EU-Fördergelder flossen bereits in den Ausbau und die Verbesserung der Autobahn 3 in Süditalien, von Neapel nach Reggio Calabria. Wofür das Geld verwendet wurde, weiß keiner. Fest steht nur: Die Autobahn befindet sich in einem desolaten Zustand. Schlaglöcher, fehlende Fahrbahnmarkierungen und unbeleuchtete Tunnel: zeitweise durfte auf einigen Abschnitten nur mit maximal 40 Stundenkilometer über die Autobahn gefahren werden. Quelle: AP
Kirchenimmobilie in Italien Quelle: dpa
Rote Ferraris in einer Reihe Quelle: rtr
Satellitenaufnahme vom Oktoberfest Quelle: dpa

Doch im Gegensatz zu den Börsianern ließen sich die Unternehmen nicht von Draghis Zauberkünsten beeindrucken. In einer Umfrage der Commerzbank unter 4000 Mittelständlern gibt die Hälfte der Befragten an, in den nächsten drei bis fünf Jahren mit Staatspleiten in der Euro-Zone zu rechnen. 18 Prozent erwarten sogar, dass der Euro auseinanderbricht, 60 Prozent rechnen mit einer starken Inflation. Die überwiegende Mehrheit stellt sich zudem für die nächsten Jahre auf eine schwache Konjunktur ein. „Die Analysten haben den Einfluss der Entspannung an den Finanzmärkten auf die Realwirtschaft überschätzt“, urteilt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

Jetzt zeigt sich, dass die Notenbanker mit ihrem expansiven Kurs zwar Zeit kaufen können. Die für die wirtschaftliche Genesung notwendigen Reformen müssen die Regierungen jedoch selbst auf den Weg bringen. Das Problem ist nur: Über erste zögerliche Schritte sind die meisten Regierungen nicht hinausgekommen. Das gilt vor allem für Italien, Spanien und Frankreich, Länder, die noch kein größeres Hilfspaket in Anspruch genommen haben und daher keinem direkten Reformdruck ausgesetzt sind.

Statt das Versäumte rasch nachzuholen, propagieren deren Regierungschefs vor dem Hintergrund sinkender Zinsen für Staatsanleihen die Abkehr vom Reformkurs. Italien liege „ durch den Irrtum der reinen Austerität im Sterben“, jammert Italiens neuer Regierungschef Enrico Letta – und fordert, mehr für das Wachstum zu tun. Im Klartext heißt das: weniger sparen und mehr Schulden machen. Das ist ein deutlicher Affront gegen die Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die im Gegenzug für finanzielle Hilfeleistungen einen härteren Spar- und Reformkurs in Europa fordert.

Cash-for-Austerity-Politik

Unterstützung gegen die Cash-for-Austerity-Politik von Merkel erhielt Letta ausgerechnet aus Frankreich, Deutschlands wichtigstem Partner in Europa. Politiker der Regierungspartei von Präsident François Hollande riefen mit kriegerischem Unterton zum Kampf gegen die „egoistische Unnachgiebigkeit von Bundeskanzlerin Merkel“ auf, die „ausschließlich die Interessen der deutschen Sparer und den deutschen Handelsbilanzüberschuss“ im Sinne habe.

Auch wenn sich Frankreichs sozialistischer Regierungschef Jean-Marc Ayrault anschließend bemühte, die Wogen zu glätten, zeigt der Konflikt eines deutlich: Je länger die Krise in der Euro-Zone dauert und je tiefer Deutschland in deren Abwärtsstrudel gezogen wird, desto größer werden die politischen Spannungen – und desto geringer werden die Überlebenschancen für den Euro.

Keine Hilfe von außen

So viel kostet eine Stunde Arbeit in Europa
Supporters of the ultranationalist Bulgarian party Ataka (attack) wave national flags during a anti-government rally in central Sofia, Bulgaria Quelle: dpa/dpaweb
A woman peers through a Romanian flag during a protest against President Traian Basescu in Bucharest, Romania, Quelle: dapd
Die Flagge der Europäischen Union weht neben den Nationalfahnen der EU-Mitglieder Spanien Niederlande, Irland und Griechenland sowie Rumaenien (hinten v. l.), Portugal, Tschechien und Schweden Quelle: dapd
Die deutsche Flagge weht am 09.08.2012 an einem Schiff der Reederei Hiddensee vor der Silhouette der historischen Altstadt von Stralsund Quelle: dpa
Eiffelturm Quelle: gms
Der Dannebrog, die dänische Flagge, weht am 27.06.2012 an einem Ferienhaus in Henne Strand Quelle: dpa
Boddenhafen von Barth Quelle: ZB

Dass Europas darbende Wirtschaft Hilfe von außen bekommt, ist kaum zu erwarten. Denn auch in Amerika geht der Konjunktur mehr und mehr die Puste aus. Im ersten Quartal legte das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) der größten Volkswirtschaft der Welt lediglich um 0,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal zu. Ohne den kräftigen Lageraufbau in den Unternehmen und den Rückgang der Sparquote der privaten Haushalte wäre die Wirtschaft kaum noch gewachsen.

Dax-Gewinne seit Dezember kräftig nach unten korrigiert

Weil die US-Betriebe ihre Lagerbestände in den nächsten Wochen wieder abbauen und die Bürger wieder mehr Geld auf die hohe Kante legen dürften, wird sich die Konjunktur wohl weiter abschwächen. Hinzu kommt, dass nach den gescheiterten Verhandlungen im Haushaltsstreit nahezu alle Ministerien in Washington ihre Ausgaben in diesem Jahr um bis zu acht Prozent kürzen müssen. Insgesamt wird die Regierung rund 85 Milliarden Dollar weniger in die Wirtschaft pumpen – was die US-Wirtschaft rund einen halben Prozentpunkt Wachstum kosten könnte.

In Europa bekommt das vor allem die deutsche Wirtschaft zu spüren. Knapp ein Zehntel aller deutschen Exporte gehen über den Atlantik. Seit Mitte vergangenen Jahres befinden sich die deutschen Ausfuhren nach Amerika im Sinkflug. Schaltet die US-Wirtschaft demnächst weiter zurück, könnte der Sink- in den Sturzflug übergehen. Selbst Wachstumsraten von drei Prozent, wie sie Experten für die deutschen Ausfuhren für dieses Jahr erwarten, wären dann kaum noch zu erreichen. Die deutsche Exportwirtschaft müsse sich daher auf magere Zeiten einstellen, warnt der Außenhandelsverband BGA.

Stellenabbau in Deutschland

Der chinesische Konjunkturmotor stottert

Zumal auch der chinesische Konjunkturmotor stottert. Im ersten Quartal wuchs die Wirtschaft des Riesenreichs nur noch um 7,7 Prozent zum Vorjahr. Der jüngste Rückschlag bei den Einkaufsmanagerindizes macht wenig Hoffnung, dass sich an der langsameren Gangart bald etwas ändert. Zu hoch sind die Schulden der Kommunen und Provinzen, als dass es aus Sicht der Machthaber in Peking Sinn machte, die Konjunktur mit staatlichen Ausgabeprogrammen zu stützen.

So bleibt Europa auf sich allein gestellt. Ein Kontinent, zerrissen von politischen Spannungen, heimgesucht von sich ausbreitender Reformmüdigkeit und vereint in der illusionären Hoffnung auf Erleichterung durch eine noch schneller rotierende Notenpresse.

Kostenträchtige staatliche Programme

Was die Deutschen mit Frankreich verbinden
Was die Deutschen mit den Franzosen verbindenAm 22. Januar jährt sich der Elysee-Vertrag zum 50. Mal. Aus diesem Anlass hat die Deutsche Botschaft am Montag in Paris das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage vorgestellt. Die Frage lautete: Welches Bild haben die Franzosen von den Deutschen und umgekehrt? Ein kurzer Überblick, über die Begriffe, mit denen die Deutschen den französischen Nachbarn identifizieren. Quelle: dpa
Wir Deutschen erinnern uns gerne an die Dinge, die in der langen Beziehung mit Frankreich über den Rhein zu uns kamen: Vor allem an die französische Küche. Egal ob Käse, Austern (im Bild) oder Coq au Vin - La cuisine francaise zählt zu den Begriffen, die am häufigsten bei der Umfrage genannt wurden. Quelle: REUTERS
Die Baguette wurde bei 27 Prozent der Befragten am häufigsten genannt.
Auch an Wein denken die Deutschen besonders häufig, nämlich 32 Prozent der Befragten. Nicht verwunderlich: Weine aus Frankreich dominieren den Weltmarkt. Im Bild: Eine Degustation in Beaune, im Weingebiet Burgund. Quelle: REUTERS
Auch oft genannt: Der Eiffelturm, das Wahrzeichen der französischen Hauptstadt. 37 Prozent der Befragten dachten spontan als erstes an dieses Monument aus Stahl und Schrauben, das im 19. Jahrhundert gebaut wurde. La Tour Eiffel zählt zu den größten Touristenmagneten der Stadt. Quelle: Reuters
Auf dem ersten Platz: Die Hauptstadt Paris, die bei 56 Prozent der Befragten als erstes genannt wird. Das wirtschaftliche und politische Zentrum Frankreichs verbindet wie wenige Hauptstädte auf der Welt die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Landes. Der Arc de Triomphe und das Büroviertel La Défense (beides im Bild) sind ein gutes Beispiel dafür. Quelle: REUTERS

Selbst die EU-Kommission rechnet nicht mehr damit, dass die Krisenländer die vereinbarten Ziele für das Haushaltsdefizit erreichen. Kein Wunder. In Spanien erklärte Regierungschef Mariano Rajoy jüngst das bisherige Defizitziel seiner Regierung für dieses Jahr von 4,5 Prozent für obsolet. Stattdessen werde der Fehlbetrag bei 6,3 Prozent liegen. Die Maastrichter Obergrenze von drei Prozent werde Spanien frühestens 2016 erreichen.

Statt zu sparen, diskutiert Spanien über Reformen nur noch im Zusammenhang mit kostenträchtigen staatlichen Programmen für Unternehmensgründer und arbeitslose Jugendliche. „Der Reformprozess“, fürchtet Commerzbank-Chefökonom Krämer, „droht im Sande zu verlaufen.“

Auch Portugal und Frankreich verhandeln mit der EU-Kommission über längere Fristen für die Haushaltskonsolidierung. In Deutschlands Nachbarland lässt vor allem eine durchgreifende Liberalisierung der Arbeits-, Güter und Dienstleistungsmärkte weiter auf sich warten.

Für die Währungsunion und Deutschland ist das fatal. Denn ohne harte Reformen und Sparprogramme wird die Wirtschaft in den Krisenländern nicht wieder auf die Füße kommen. Deutschlands wichtigste Handelspartner, die für rund 37 Prozent der heimischen Exporte stehen, drohen im Krisensumpf zu versacken. Dabei ist die nun als Buhmann verfemte Sparpolitik vor allem deshalb gescheitert, weil sie von Anfang an falsch konzipiert war.

Steuern hoch oder runter?

Untersuchungen des Harvard-Ökonomen Alberto Alesina zeigen, dass Haushaltskonsolidierungen nur dann Erfolg haben, wenn die Regierungen drastische Ausgabenkürzungen mit moderaten Steuersenkungen kombinieren. In den meisten Euro-Ländern hingegen ist die „Sparpolitik“ zu einer Steuererhöhungsorgie entartet, die Bürger und Unternehmen teilenteignet, um Banken und deren Gläubiger – wiederum meist Banken – zu retten. Da kann es nicht überraschen, dass Konsum und Investitionen in den Keller rauschen und die Wirtschaft in der Rezession verharrt.

Doch die Lockerung des Sparkurses, wie sie die Südländer jetzt fordern, ist keine Lösung. Sie lässt den Schuldenberg noch schneller wachsen. Da die Bürger jedoch wissen, dass die Schulden von heute die Steuern von morgen sind, richten sie sich auf höhere Abgaben und niedrigere Lebenseinkommen ein. Die Folge: Der Konsum sinkt, die Wirtschaft schrumpft noch schneller. Und die Schuldenquoten schießen in die Höhe. „Wachstum auf Pump ist Wachstum ohne Wert“, sagt BDI-Präsident Ulrich Grillo der WirtschaftsWoche.

Druck auf die EZB

Hohe Schulden lassen den Druck auf die Europäische Zentralbank wachsen. Grundsätzlich hängt die Schuldendynamik eines Landes von vier Faktoren ab: dem Zinssatz für die Staatsschulden, dem nominalen Wirtschaftswachstum, dem Haushaltssaldo (ohne Zinsausgaben) und dem vorhandenen Schuldenstand in Relation zum BIP. Berechnungen der Ökonomen der Hamburger Privatbank MM Warburg zeigen, wie groß der Druck auf die Euro-Hüter wird, die Zinsen weiter künstlich nach unten zu drücken, wenn die Regierungen das Sparen ad acta legen.

Rezession

So muss Italien für seine Staatsschulden im Schnitt 4,2 Prozent Zinsen zahlen. Bei einem nominalen Wirtschaftswachstum von null Prozent ergibt sich eine Zins-Wachstums-Differenz von 4,2 Prozentpunkten. Angesichts der italienischen Staatsschuldenquote von 127 Prozent müsste das Land einen Einnahmeüberschuss (ohne Zinsausgaben) im Staatshaushalt von 5,3 Prozent des BIPs erwirtschaften, damit die Schuldenquote nicht weiter steigt. Ein schier auswegloses Unterfangen.

Stimmung deutscher Unternehmen

So geht der Internationale Währungsfonds (IWF) davon aus, dass Italien dieses Jahr einen Primärüberschuss von lediglich zwei Prozent erreicht. Die Schuldenquote dürfte daher bis Ende des Jahres auf 130 Prozent klettern. „Die Schuldenquoten werden weiter ansteigen – nicht nur in Italien, sondern wegen der Wachstumsschwäche auch in fast allen anderen Ländern der Euro-Zone“, prophezeit Carsten Klude, Chefökonom von MM Warburg.

Investitionen

Zinsen nach unten

Die einzige Chance, die Schuldenquoten unter Kontrolle zu bringen, bestehe darin, dass die EZB die Zinsen weiter nach unten peitscht. Je weniger die Südländer also sparen, desto wahrscheinlicher wird es, dass die EZB in großem Stil deren Staatsanleihen kauft und dafür frisches Geld in das Bankensystem pumpt. Geld, das die Vermögenspreise weiter aufbläht und mittelfristig höhere Inflation erzeugt. Die wiederum wird das Vermögen der Sparer auffressen. Die Bundesbürger zahlen so letztlich die Zeche für den mangelnden Reformwillen in den Südländern.

Die Zinssenkung vom Donnerstag dürfte daher erst der Beginn einer neuen Geldflut sein. Dass diese der Konjunktur hilft, ist unwahrscheinlich. In Deutschland wird das billige Geld allenfalls den Bauboom weiter anfachen. Das Risiko gefährlicher Preisblasen und ungesunder Kreditexzesse nimmt zu. In den Krisenländern der Euro-Zone dürfte die Zinssenkung gänzlich verpuffen. „Deren Hauptproblem ist das mangelnde Vertrauen“, sagt Marcel Fratzscher, neuer Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, der vorher lange bei der EZB gearbeitet hat. „Die Geldpolitik kann nur Liquiditätsprobleme lösen, nicht Solvenzprobleme“, betont Fratzscher.

Kaum Interesse an neuen Krediten

Die Banken im Süden werden aufgrund der höheren Ausfallrisiken die niedrigeren Geldbeschaffungskosten kaum an ihre Kunden weitergeben. Die Unternehmen in den Krisenländern werden daher wohl weiter deutlich höhere Zinsen für Bankkredite zahlen als ihre Konkurrenten in Deutschland. Hinzu kommt, dass die Banken unter Druck stehen, ihre Kapitalquoten – das Verhältnis aus hartem Eigenkapital zu risikobehafteten Forderungen – zu erhöhen. Das wird ihre Bereitschaft zur Kreditvergabe weiter bremsen.

Zudem dürften Unternehmen und private Haushalte in den Krisenländern kaum Interesse an neuen Krediten haben, um damit die Konjunktur anzukurbeln. Zu hoch sind die Altschulden, die auf ihren Schultern lasten. In Spanien sind die Unternehmen mit 186 Prozent des BIPs verschuldet, in Portugal liegt die Quote bei 158 Prozent, in Frankreich bei 134 Prozent. Statt neue Kredite aufzunehmen, geht es ihnen darum, ihren Schuldenstand zu verringern. Kein Wunder, dass die Kreditvergabe in den Krisenländern mit Raten zwischen vier und acht Prozent schrumpft.

Doch die Euro-Hüter scheint das nicht zu scheren. So kündigte EZB-Chef Draghi am Donnerstag an, die EZB erwäge, einen Markt für Wertpapiere zu schaffen, die mit Krediten an mittelständische Unternehmen besichert sind. Zudem könne er sich vorstellen, den Zinssatz für Einlagen der Geschäftsbanken ins negative Territorium zu drücken, um die Kreditvergabe der Banken zu beschleunigen.

Übersicht der Zinsen für Bankkredite an Unternehmen (zum Vergrößern bitte Bild anklicken)

Eigene Förderbanken

Auch die Bundesregierung macht sich Gedanken, wie man die Kredite an die Unternehmen in Krisenländer anregen und so letztlich die Exportchancen deutscher Unternehmen verbessern kann. Am liebsten sähe man es im Wirtschaftsministerium und im Kanzleramt, wenn die Krisenländer mit eigenen Förderbanken Firmenkredite garantieren würden. Im Ernstfall würde die Bundesregierung auch keinen Einspruch erheben, wenn die EZB direkt Bürgschaften übernähme, heißt es.

Abgesehen davon, dass die Euro-Hüter damit die Ausfallrisiken der Kredite sozialisierten und in industriepolitischer Manier direkt in die Wirtschaftsstruktur der Mitgliedsländer eingriffen, ginge sie damit am Kern der Krise vorbei. „Mit ihrer lockeren Geldpolitik und ihrer Bereitschaft, noch mehr zu tun, nimmt die EZB Reformdruck von den Krisenländern und erschwert letztlich eine Lösung der Staatsschuldenkrise“, kritisiert Commerzbank-Chefökonom Krämer.

Solange die nicht gelöst ist, ist auch ein durchgreifender Aufschwung in Deutschland nicht in Sicht.

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%