WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Konjunktur

Die Situation im Euroraum bleibt kritisch

Die Anzeichen werden deutlicher: Das weltweite Wachstum schwächelt, die Rohstoffpreise lassen nach. Aktien und Anleihen werden bald reagieren - es steht ein stürmischer Herbst ins Haus.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Das niedrige Wachstum in China und die Situation im Euroraum lassen vermuten, dass die Wirtschaft in der nächsten Zeit kaum wachsen wird Quelle: Reuters

Bereits in den vergangenen Jahren mussten wir weltweit mit eher mäßigen Wachstumsraten leben. Seit 2010 bewegt sich das Wachstum des Welthandels gegenüber dem jeweiligen Vorjahr nur noch in einer Bandbreite zwischen null und fünf Prozent. Vor der Bankenkrise, also in den Jahren 2004 bis 2007, hatte der jährliche Zuwachs noch bei fünf bis zehn Prozent gelegen - zeitweise sogar noch höher.

Ein solch dynamisches Wachstum hat die Weltwirtschaft seitdem nicht mehr erreicht. Das ist auch nicht überraschend: Schließlich wurde in den letzten Jahren das Risiko in vielen Sektoren der Wirtschaft teilweise deutlich reduziert.

So haben sich die privaten Haushalte - vor allem in den USA - merklich entschuldet. Auch die Banken in den Industrieländern haben das Risiko in ihren Bilanzen erheblich reduziert und zugleich ihre Bilanzen verkürzt.

Das Geld, das dort für Abbau von Risiken und Schulden ausgegeben wurde, fehlte natürlich auf der Investitionsseite. Lediglich die Staaten haben in den vergangenen Jahren ihre Verschuldung erhöht und so in die Wirtschaft investiert. Dadurch konnten sie jedoch nur einen Teil der negativen Effekte des globalen Risikoabbaus ausgleichen.

China als Bremsfaktor

Ein zusätzlicher Bremsfaktor für die Weltwirtschaft ist das immer schwächer werdende Wachstum des chinesischen Marktes. Hier liegt das Wachstumsziel der Regierung inzwischen nur noch bei 7,5 Prozent – im Gegensatz zu Wachstumsraten von zehn Prozent und mehr in den Vorjahren.

Doch auch wenn diese Entwicklung die Weltwirtschaft insgesamt bremst, ist sie langfristig betrachtet positiv. China hat begonnen, sein Erfolgsmodell grundlegend umzubauen: Statt sich weiter auf Produktion und Export billiger Massenware zu konzentrieren, sollen in Zukunft qualitativ hochwertige Produkte entwickelt und verkauft werden. Damit soll die inländische Nachfrage gestärkt werden.

Das chinesische Wirtschaftswachstum wird an Breite gewinnen und weniger von der Exportnachfrage abhängen. Dass ein solcher Umbau – trotz verschiedener Maßnahmen zur Stärkung des BIP-Wachstums - nicht ohne Bremsspuren in der Wirtschaftsdynamik abgehen kann, ist selbstverständlich.

Deutsche glauben nicht ans Ende der Eurokrise
Vier von fünf Bundesbürgern (81 Prozent) sind davon überzeugt, dass die Eurokrise noch nicht ausgestanden ist. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Insa im Auftrag der „Bild“-Zeitung. Dagegen glauben nur sieben Prozent der Befragten, die Krise sei beendet. Sorgenvoll verfolgen viele Bundesbürger die Entwicklung in Griechenland. Nur 34 Prozent sehen das Land auf dem richtigen Weg. Hingegen sind 39 Prozent davon überzeugt, dass Griechenland sich nicht ernsthaft um Reformen bemüht, die das Land wieder zukunftsfähig machen. „Für die überwältigende Mehrheit der Deutschen ist die Eurokrise noch nicht vorbei. Diese Befürchtung wird auch Einfluss auf die Wahlen zum Europäischen Parlament haben“, sagte INSA-Chef Hermann Binkert der Zeitung. Quelle: dpa
Der Chef des Euro-Rettungsfonds ESM hat Griechenland davor gewarnt, bei einer Rückkehr an den Finanzmarkt zu viel für frisches Kapital zu zahlen. Das hoch verschuldete Land musste als erstes unter den Rettungsschirm der Euro-Länder schlüpfen und entging nur so einem Staatsbankrott. ESM-Chef Klaus Regling sagte der Wochenzeitung "To Vima", es sei natürlich, dass Griechenland nunmehr die Märkte testen wolle. Es sollte den Investoren aber keine zu hohe Rendite zahlen, um seine Schuldenlast nicht weiter zu erhöhen. Die griechische Regierung müsse sich überlegen, welchen Preis sie bereit sei zu zahlen, sagte Regling dem Blatt. Quelle: AP
Italiens neue Regierung will sich für eine Abschwächung der EU-Haushaltsziele einsetzen. Das machten Ministerpräsident Matteo Renzi und Wirtschaftsminister Pier Carlo Padoan bei der Vorlage ihrer Sparpläne deutlich. Beide kündigten an, Italien werde seine im Juli beginnende EU-Präsidentschaft dazu nutzen, die Vorgaben auf den Prüfstand zu stellen. "Wir wollen mehr denn je die Richtung Europas ändern", sagte Renzi. Italien stärke aber seine Position, wenn es seine Finanzen momentan im Zaum halte. Die Äußerungen legen nahe, dass Frankreich in den Bemühungen, mehr Zeit für die Erreichung seiner Haushaltsziele zu erhalten, mit Italiens Unterstützung rechnen kann. Renzi legte Vorschläge für die Finanzierung eines 6,7 Milliarden Euro schweren Steuersenkungsprogramms vor. Ein Großteil solle durch Ausgabenkürzungen im Umfang von 4,5 Milliarden Euro erwirtschaftet werden, sagte er vor Journalisten. 2,2 Milliarden Euro würden durch höhere Mehrwertsteuereinnahmen und Bankensteuern gedeckt. Quelle: REUTERS
Investors George Soros und Ex-Bundesbank-Chefvolkswirt Otmar Issing diskutierten an der Frankfurter Universität über die Rolle Deutschlands in der Euro-Krise. Vor der Bundestagswahl hatte Soros betont: Deutschland muss seine Verantwortung für die Eurozone akzeptieren oder aus dem Euro austreten. Die erste Variante bedeutet nach Soros' Lesart: Deutschland soll mehr Geld auf den Tisch legen. Inzwischen habe sich die Wahl jedoch erübrigt. „Jetzt ist die einzige Alternative für Deutschland seine dominante Position zu akzeptieren.“ Es müsse als „wohlwollender Hegemon nach Wegen suchen, die Schuldnerländer aus der Schusslinie zu bringen", fordert er. Quelle: dpa
"Keine Nation hat zwischen 2009 und 2013 weniger auf Austerität gesetzt als Deutschland", behauptet Paul Krugman und verweist auf eine Grafik. Das Problem an der Behauptung: Deutschland hat schon Anfang des Jahrtausends mit der Agenda 2010 schmerzhafte Reformen umgesetzt. Dadurch hatte Berlin einen zeitlichen Vorteil und brauchte sich in den Krisenjahren nicht verbiegen. Quelle: REUTERS
Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln, Michael Hüther, sowie der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher und der Leiter der europäischen wirtschaftswissenschaftlichen Denkfabrik Bruegel, Guntram B. Wolff, haben sich in der "F.A.Z." hinter das Anleihe-Kaufprogramm und die Niedrigzinspolitik der EZB gestellt. Die Debatte um die EZB-Politik werde in Deutschland „zugespitzt und mit scharfem Ton geführt“, bemängelten die drei Wissenschaftler. Dies sei schädlich, "denn einerseits scheint es so, dass die Kritik vielfach von dem Erfahrungsgrund der Bundesbank ausgeht und die Bedingungen der Geldpolitik in einer Währungsunion verkennt, und andererseits ist die europäische Krise noch nicht überwunden.“ Die Klagen der Deutschen über zu niedrige Zinsen watschten sie ab: "Es kann nicht die Aufgabe der EZB sein, die Geldpolitik auf ein einziges Land auszurichten, sondern Geldpolitik muss für die Eurozone als Ganzes umgesetzt werden." Quelle: dapd
"Der EZB-Rat sollte sich zu umfangreicheren Wertpapierkäufen durchringen", sagte der Wirtschaftsweise Peter Bofinger tags zuvor in einem Interview. Der Ökonom, der die Bundesregierung berät, ist sich sicher: "Damit kann man dafür sorgen, dass es erst gar nicht zu einem Abrutschen des Euro-Raums in die Deflation kommt." Für Bofinger haben die Hüter des Euro um EZB-Präsident Mario Draghi noch Nachholbedarf: "Im Vergleich hat die EZB bislang sehr konservativ agiert." Nicht kleckern, sondern klotzen ist deshalb wegen der mit 0,7 Prozent für den Geschmack vieler Ökonomen zu niedrigen Teuerung auch für Bofinger die Devise: "Maßnahmen wie eine weitere kleine Zinssenkung oder ein längerfristiges Versprechen, die Leitzinsen extrem niedrig zu lassen - meinetwegen auch verbunden mit einem konkreten Zeitrahmen -, sind alles nur Tropfen auf den heißen Stein in der aktuellen Lage." Quelle: dapd

Der Euroraum befindet sich aus Sicht der globalen Weltkonjunktur noch immer in einer kritischen Situation. Zwar konnte er in den vergangenen Quartalen ein Ende der Rezession vermelden, doch ist diese Meldung mit Vorsicht zu genießen. Denn die (angebliche) Trendwende ist zum größten Teil durch eine Steigerung der Staatsausgaben erreicht worden und wird sich daher auch nicht als dauerhaft erweisen.

Die grundlegenden Wirtschaftsstrukturen haben sich im Euroraum nur in den kleineren Ländern und in Spanien verbessert; in Frankreich und Italien wartet man noch immer auf den Beginn durchgreifender Reformen. Aus diesem Grund ist Italiens Volkswirtschaft in der ersten Hälfte von 2014 wieder in die Rezession gerutscht, und Frankreich kann aktuell nur ein sehr mageres Wachstum berichten. Die Wirtschaftssanktionen gegen Russland dämpfen zusätzlich die Wachstumsaussichten in Europa.

Niedrige Zinsen und Wertpapierkäufe

Die weltweiten Zentralbanken versuchen mit verschiedenen Maßnahmen das Wachstum anzukurbeln. Zu den mittlerweile üblichen Instrumenten gehören Notenbankzinsen nahe der Nulllinie; die Europäische Zentralbank hat den Einlagesatz sogar bis auf -0,20 Prozent gesenkt.

Ein weiteres Mittel der Konjunkturankurbelung ist der Aufkauf von Wertpapieren: Hierbei suchen die Zentralbanken gezielt nach Anlagen, deren Ankauf das Zinsniveau in den für sie entscheidenden Sektoren der Volkswirtschaft senkt. Die japanische Zentralbank kauft fast alle Arten von Wertpapieren.

Ziel ist es, eine höhere Inflationsrate zu erreichen. In den USA wurden durch die amerikanische Notenbank hauptsächlich Staatsanleihen gekauft sowie Anleihen, die in Verbindung mit dem Hausmarkt stehen. Im Euroraum beginnt die Zentralbank in Kürze mit dem Aufkauf von Krediten, um so die Kreditvergabe anzukurbeln. Als Nebeneffekt aller dieser Maßnahmen werden die Bilanzen der Notenbanken stark ausgeweitet.

Ob das angestrebte Ziel einer Belebung des Wirtschaftswachstums mit diesen Maßnahmen erreicht wird, ist umstritten. Immerhin scheinen diese Bemühungen einen weiteren Rückgang des Wirtschaftswachstums verhindert zu haben. Und das ist bereits ein Erfolg. Allerdings haben die Zentralbanken es bisher nicht geschafft, das Weltwachstum auf ein nachhaltig höheres Niveau zu heben.

Wie sehr die Weltkonjunktur lahmt, zeigt sich auch bei den Investitionen. Die Unternehmen investieren (in Prozent des jeweiligen BIP) seit Jahren deutlich weniger als noch vor der Krise. Dies liegt sicher auch an dem noch immer schwach kapitalisierten Bankensektor. Insbesondere in Südeuropa führt das zu einer schleppenden Kreditvergabe.

Ein anderer wichtiger Grund für die schwachen Investitionen ist die Nichtauslastung der vorhandenen Kapazitäten. Damit fehlt letztendlich der entscheidende Investitionsanreiz für die Unternehmen.

Ölpreise als Indiz

Auch die fallenden Rohstoffpreise sind ein weiteres Indiz für eine relativ schwache wirtschaftliche Entwicklung. Beispielsweise ist der Ölpreis in den letzten Tagen wieder unter die Marke von 100 Dollar je Barrel gefallen. Und die Preisentwicklung bei Industriemetallen ist ebenfalls rückläufig.

Der Instrumentenkasten der EZB

Global betrachtet hat sich also die wirtschaftliche Situation vieler Länder in den vergangenen  Monaten verschlechtert - und das von einem ohnehin eher niedrigen Niveau aus. Bei eher wachstumssensiblen Anlageklassen, wie Aktien oder Unternehmensanleihen kann dies zu einer längeren Korrektur führen. Die Notenbanken werden diese Entwicklung mit einer weiteren Ausweitung der expansiven Politik nur schwer verhindern können, da die Effektivität der Maßnahmen zuletzt schon deutlich abgenommen hat.

Auch die Investitionen der Staaten dürften eher geringer ausfallen, da letztendlich die haushaltspolitischen Spielräume fehlen. Zudem dürfte eine weitere spürbare Ausweitung der Staatsverschuldung das Vertrauen in die Nachhaltigkeit der staatlichen Budgets weiter verringern. Die Investitionsneigung wird also weiter abnehmen und Wahrscheinlichkeit für zukünftige Steueranhebungen steigt. Es wird also ein unruhiger Herbst werden.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%