Konjunktur Große Sorgen um den Absturz der Weltwirtschaft

Die Euro-Krise bedroht zunehmend die globale Konjunktur. Die Notenbanken drucken daher noch mehr Geld – mit gefährlichen Folgen.

Merkel mit Monti Quelle: REUTERS

Eigentlich ist Mervyn King ein kühl kalkulierender Ökonom. Doch Ende vorvergangener Woche, kurz vor der Wahl in Griechenland, gingen die Emotionen mit dem Chef der britischen Notenbank durch. In einer Rede vor den Bankern der Londoner City geißelte King die Untätigkeit der Regierungen auf dem europäischen Kontinent in der Euro-Krise und malte ein apokalyptisches Bild an die Wand. „Wegen der Krise hängt diese große schwarze Wolke der Unsicherheit über uns, und zwar nicht nur über der Währungsunion, sondern auch über unserer Wirtschaft, ja über der gesamten Weltwirtschaft“, echauffierte sich King.

Die schwarze Wolke, die Englands oberster Währungshüter über sich wähnte, hat sich auch nach der Griechenland-Wahl nicht verzogen. Mitte vergangener Woche entspannte sich die Lage auf den Aktien- und Anleihemärkten zwar, nachdem sich die Parteien in Griechenland auf die Bildung einer durch die Konservativen geführten Koalition geeinigt hatten.

Doch die Akteure an den Finanzmärkten bleiben skeptisch, zumal die neue griechische Regierung nun zwei Jahre mehr Zeit verlangt, um ihr Defizit auf unter drei Prozent zu drücken. Das würde die Hilfen für Athen um 16 bis 20 Milliarden Euro verteuern. „Der Sieg der Pro-Euro-Parteien in Griechenland ändert nichts an den grundsätzlichen Problemen der Euro-Zone“, heißt es in einem Marktkommentar der britischen Bank HSBC. Ähnlich sehen es die Ökonomen der Deutschen Bank. Griechenland könnte noch dieses Jahr den Euro verlassen, sagt Georg Schuh, Chef-Anlagestratege der Vermögensverwaltungssparte DB Advisors. „Ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone ist ein sehr wahrscheinliches Szenario“, so Schuh.

Wachstumsstrategien für Europa
François Hollandes Mission lässt sich auf einen kurzen Nenner bringen: Wachstum. Der neue französische Präsident hat sich zum Ziel gesetzt, Europa die seiner Meinung nach einseitige Ausrichtung auf die Sanierung der Staatsfinanzen auszutreiben und den Kontinent damit aus der Wirtschaftskrise zu führen. Das Thema ist keine Erfindung Hollandes - die EU-Regierungschefs haben sich immer wieder damit beschäftigt, wie der Kontinent Rezession und Arbeitslosigkeit entrinnen kann. Aber die Debatte um die richtige Strategie erhält durch die Wahl des Sozialisten eine ganz neue Dynamik. Quelle: dpa
Die Leitfrage dabei lautet: Wie lässt sich die Wirtschaft ankurbeln, ohne dafür viel Geld in die Hand zu nehmen? Schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme gelten nicht als Option - schließlich sind die Staatskassen leer. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso propagiert daher, "auf wachstumsfreundliche Art und Weise zu sparen". Nach Ansicht vieler Ökonomen lässt sich die Konjunktur nur dann ankurbeln, wenn Wirtschafts- und Finanzpolitiker sowie Notenbanker einige bislang als unantastbar geltende Prinzipien aufgeben. Quelle: dpa
1. Weniger SparenDie heftigen Sparprogramme in Griechenland, Spanien, Italien und Co. sind nach ihrer Einschätzung Teil des Problems, nicht Teil der Lösung: „Der derzeitige Austeritätskurs ist zu hart“, sagt der Chef des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, Gustav Horn. Die Sparziele sollten auf vier bis fünf Jahre gestreckt werden. Ähnlich argumentiert Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank: „Wer Wachstum will, darf die Austeritätspolitik in den Krisenländern nicht übertreiben.“ Quelle: dapd
Barroso setzt dabei unter anderem auf die von ihm vorgeschlagenen Projektbonds. Damit will die EU-Kommission dieses und nächstes Jahr private Investitionen in Höhe von 4,5 Milliarden Euro in Infrastrukturprojekte in den Bereichen Verkehr und Energie anstoßen. Die EU selbst soll die privaten Investitionen mit 230 Millionen Euro ins Rollen bringen. Quelle: dapd
2. Unkonventionelle GeldpolitikDie Europäische Zentralbank kann nach Auffassung von Ökonomen mehr für das Wachstum tun. Die EZB sei deutlich restriktiver als die Notenbanken in vielen anderen Industrieländern, betont etwa Patrick Artus, Chefvolkswirt der französischen Investmentbank Natixis. So seien die kurz- und langfristigen Zinsen nach Abzug der Inflationsrate deutlich höher als in den USA oder Großbritannien. Um Abhilfe zu schaffen, könnte die EZB die Leitzinsen von derzeit einem Prozent auf die Untergrenze von null senken - so, wie es die Zentralbanken in den USA und in Großbritannien schon vor mehreren Jahren getan haben. Quelle: dpa
Noch wichtiger ist nach Ansicht vieler Beobachter aber, dass die EZB die Panik auf dem Markt für Staatsanleihen bekämpft - indem sie signalisiert, dass sie im äußersten Notfall als Käufer agiert. Europas Kernproblem sei die Gefahr, dass die kleineren Länder größere Staaten wie Italien anstecken, so Schmieding. „Das Risiko einer Finanzmarktpanik könnte die EZB mit solch einer Ankündigung in den Griff bekommen“, glaubt der Volkswirt. An den Finanzmärkten würden die Risikoaufschläge sinken, Staaten wie Unternehmen könnten sich leichter refinanzieren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werde die EZB eine solche Ankündigung gar nicht einlösen müssen, sagt IMK-Chef Horn: „Das ist wie im Kalten Krieg: Da hat es gereicht, seine Atomwaffen zu zeigen.“ Quelle: Reuters
3. Sanierung der BankenEin stabiles, funktionierendes Bankensystem ist Grundvoraussetzung für eine prosperierende Volkswirtschaft - viele Geldinstitute in der Euro-Zone gehen aber nach wie vor am Stock und zaudern bei der Vergabe von Krediten. „Wir brauchen dringend eine Sanierung und Rekapitalisierung der Banken“, betont Oxford-Professor Clemens Fuest. „So kann die Politik einen katastrophalen Absturz der europäischen Wirtschaft verhindern.“ Zudem brauche die Währungsunion eine einheitliche Bankenaufsicht und Regeln dafür, wie in Schieflage geratene Banken saniert werden. Quelle: Reuters

Großer Druck

Spekulation um einen Griechen-Austritt, die Bankenkrise in Spanien, Hilfspakete für Zypern und demnächst möglicherweise auch für Italien – die Euro-Zone kommt aus den Negativschlagzeilen nicht heraus. Für die Weltwirtschaft ist der alte Kontinent längst zum Risiko Nummer eins geworden. Sollte die Euro-Gemeinschaft zerbrechen, so fürchten Ökonomen, könnte der Schock für das globale Wirtschaftsgefüge heftiger ausfallen als bei der Lehman-Pleite 2008.

Diagramm: Europa im Abwärtsstrudel Quelle: EU-Kommission

Entsprechend groß ist der Druck auf die Europäer, den Schwelbrand zu löschen, bevor er sich zu einem globalen Flächenbrand ausweitet. Die Mahnungen gelten vor allem Deutschland. Immer heftiger bedrängen Regierungschefs, Banker und Währungshüter Bundeskanzlerin Angela Merkel, ihren Widerstand gegen die Vergemeinschaftung von Schulden aufzugeben. Deutschland, so der Tenor, müsse einer Banken- und Fiskalunion, Euro-Bonds oder wenigstens einem Schuldentilgungsfonds zustimmen. Erst wenn das größte Land Europas sein Portemonnaie öffne und für die Schulden der anderen Länder geradestehe, werde die Krise abebben.

Doch die Bundeskanzlerin zeigt sich bisher standhaft. Sie weiß, dass die Mehrheit der Bundesbürger nicht bereit ist, für die Schulden verantwortungsloser Regierungen anderer Länder zu haften. Zumal der Bonitätstransfer diese Länder dazu verleiten wird, noch mehr Schulden anzuhäufen. Weil von der Politik daher keine schnellen Lösungen zu erwarten sind, wächst der Druck auf die Zentralbanken, den Absturz der Weltwirtschaft mit der Notenpresse zu verhindern.

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