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Konjunktur Deutschlands kranker Boom

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Kapazitätsengpässe in der Bauwirtschaft

Kapazitätsengpässe sind das beherrschende Thema auch in der Bauwirtschaft. Die niedrigen Zinsen, die stabilen Einkommensaussichten und die Zuwanderung treiben derzeit die Nachfrage nach Immobilien. „Wir können den Hebel gar nicht so schnell auf Expansion umlegen, wie die Nachfrage steigt“, heißt es beim Hauptverband der Deutschen Bauindustrie. Im nächsten Jahr werden 350.000 neue Wohnungen fertiggestellt, 50.000 weniger als benötigt. Engpässe gibt es vor allem in Ballungszentren und Universitätsstädten.

Auch im öffentlichen Bau und im Wirtschaftsbau sind die Zementmischer im Dauereinsatz. Der stete Strom der Steuer- und Mauteinnahmen landet via staatlicher Auftragsvergabe in den Kassen der Baufirmen. In den Städten hat sich der Leerstand von Büroimmobilien seit 2010 halbiert. Durch die anziehenden Ausrüstungsinvestitionen ist zudem der Bedarf an Lager- und Werkhallen gestiegen. Im Schnitt rechnen die Ökonomen des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie für 2018 mit Umsatzzuwächsen am Bau von fünf Prozent. Rund die Hälfte davon geht allerdings auf das Konto höherer Preise.

So angenehm der Boom sich anfühlt, so gefährlich ist er zugleich. Vor allem, weil er durch viel zu niedrige Zinsen angefacht ist. Aus Rücksicht auf die hoch verschuldeten Krisenländer im Süden der Euro-Zone dürfte die EZB die Zinsen noch lange niedrig halten – zu niedrig für Deutschland. „Konsum, Investitionen und Exporte geraten in eine Schieflage. Überinvestitionen und Fehlallokationen drohen“, warnt Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts.

Die Prognosen der Experten für 2018
Wirtschaftswachstum und Inflationsrate (in Prozent)
Organisation/InstitutInflationsrateBruttoinlandsprodukt
2017201820172018
Deutsche Bundesbank1,71,62,62,5
Commerzbank1,71,62,32,5
DIW1,71,72,22,2
EU-Kommission1,51,72,22,1
Institut für Weltwirtschaft1,71,72,32,5
ifo1,81,92,32,6
HWWI1,71,82,22,1
OECD1,71,82,22,3
Sachverständigenrat1,71,82,02,2
RWI1,81,92,32,2
Quelle: Institute

Viele Experten erwarten daher eine Bereinigungskrise. Und ob die deutsche Wirtschaft sie ebenso glimpflich überstehen wird wie die Finanzkrise 2008, ist zweifelhaft. Damals war das Land dank der Agenda-2010-Reformen fit. In den vergangenen Jahren aber hat eine christdemokratisch moderierte Sozialdemokratie viele Reformen zurückgedreht. Mindestlohn, Lohngleichheit von Zeitarbeitern und Stammbeschäftigten sowie wachsende Bürokratielasten haben die Unternehmen eines Teils ihrer Flexibilität beraubt.

Das Tückische am Aufschwung sei, dass er den Politikern den Blick für die Belastungsgrenzen der Wirtschaft vernebelt habe, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Das dicke Ende werde daher in der nächsten Rezession kommen. „Dann“, fürchtet Krämer, „wird sich Deutschland nicht mehr so leicht erholen.“

Wie sehr die Standortqualität bereits gelitten hat, zeigt der ungebremste Aufwärtstrend der Lohnstückkosten. Seit Jahren steigen sie schneller als im Schnitt des Euro-Raums. Und weil die Produktivität der Entwicklung der Löhne auch im nächsten Jahr hinterherhinkt, wird sich an dem schleichenden Verlust der preislichen Wettbewerbsfähigkeit nichts ändern.

Dass auch Sozialabgaben, Steuern und Energiekosten seit Jahren steigen, schmälert die Standortqualität zusätzlich. Berechnungen der Commerzbank auf Basis von Daten der Weltbank zeigen, dass Deutschland in puncto Standortqualität seit 2009 gegenüber den Top-Standorten in der EU massiv zurückgefallen ist (siehe Tabelle).

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