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Konjunktur „Keine Puffer für einen zweiten Lockdown“

Ein Anstieg der Coronainfektionen kann den wirtschaftlichen Aufschwung bremsen. Quelle: dpa

Experten befürchten in den Herbst- und Wintermonaten einen weiteren Anstieg der Coronainfektionen. Wie stark kann das den Aufschwung bremsen – und welche Folgen hätte ein erneutes Herunterfahren der Wirtschaft? Die WirtschaftsWoche hat die Konjunkturchefs der großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute befragt.

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Für Jens Spahn (CDU) ist die Sache klar: „Mit dem Wissen von heute würde man keinen Einzelhandel mehr schließen“, sagt der Bundesgesundheitsminister. Auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier mag trotz steigender Infektionszahlen über einen zweiten flächendeckenden Lockdown nicht nachdenken: „Ich bin überzeugt, dass wir einen zweiten Lockdown verhindern können und werden“.

Doch was passiert, wenn sich die Lage in den kalten Wintermonaten trotz aller Vorsichtmaßnahmen noch einmal verschärft? „Kommen wir in eine Situation einer erneuten unkontrollierten Verbreitung des Coronavirus, wäre ein flächendeckender Lockdown wahrscheinlich, um eine Überlastung im Gesundheitswesen zu vermeiden“, befürchtet Claus Michelsen, Leiter der Abteilung Konjunkturpolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Laut Michelsen arbeitet das Berliner Institut derzeit an entsprechenden wirtschaftlichen Simulationen und will diese in Kürze veröffentlichen. Derzeit sprächen zwar „die Anstiege bei den Infektionen für eine Situation, die überblickt werden kann“. Dennoch sei „damit zu rechnen, dass auch in einer solchen Situation Maßnahmen verschärft und neue Regeln eingeführt werden. All das kann auch die Geschäftstätigkeit einschränken.“ Davon unabhängig würden auch die Haushalte ihr Verhalten ändern, wenn die Infektionszahlen steigen. Dies führt laut Michelsen zu geringerer Nachfrage in vielen Wirtschaftsbereichen, insbesondere bei konsumnahen Dienstleistungen, und zu einer sinkenden Investitionsneigung.

Die wirtschaftlichen Folgen eines zweiten Lockdowns wären „kurzfristig recht ähnlich zu dem Geschehen im Frühjahr“, so der DIW-Ökonom. „Einige Unternehmen werden wahrscheinlich Lösungen entwickelt haben, die etwas mehr Aktivität zulassen. Die Wirtschaft würde aber in einer anderen Verfassung getroffen: Die Risikopuffer dürften vielfach aufgezehrt sein - und damit werden dauerhaftere Schäden mit Insolvenzen und hohen Arbeitslosenzahlen wahrscheinlicher.“

Allerdings müsse man dies gegen die Folgen einer unkontrollierten Infektionswelle abwägen. „Ein Lockdown - zumindest aber eine teilweise Einschränkung des gesellschaftlichen Lebens - würde kurzfristig abruptere Einbrüche nach sich ziehen, wahrscheinlich aber deutlich günstiger sein als eine zweite Welle ohne entsprechende Gegenmaßnahmen.“

Nach Ansicht von Timo Wollmershäuser, dem Konjunkturchef des Münchner ifo Instituts, würde ein zweiter Lockdown „die derzeitige Erholung abrupt beenden und die deutsche Wirtschaft nochmals in eine tiefe Rezession stürzen“. Neben diesen kurzfristigen Konsequenzen dürften auch die mittelfristigen volkswirtschaftlichen Kosten deutlich zunehmen, da eine Pleitewelle viel mehr Unternehmen erfassen und damit die Arbeitslosigkeit dauerhaft steigen würde. Wollmershäuser: „Es ist zweifelhaft, ob es mit staatlichen Stützungsmaßnahmen gelänge, Unternehmen über einen derart langen Zeitraum am Leben zu erhalten und Umsatzausfälle zu kompensieren.“

„Die Unternehmen haben keine Puffer, um einen zweiten Lockdown durchzustehen“, warnt auch Torsten Schmidt, Leiter des „Kompetenzbereichs Wachstum, Konjunktur, Öffentliche Finanzen“ beim Essener Wirtschaftsforschungsinstitut RWI. Daher wären die Effekte „gravierender als beim ersten Lockdown“. Viele Unternehmen hätten die Umsatzausfälle während des wirtschaftlichen Stillstands im März und April nicht nachholen können. Schmidt: „Es gab in vielen stark betroffenen Branchen keinen Nachholeffekt. Die Umsätze aus dieser Zeit fehlen einfach. In einigen Bereichen der Wirtschaft bestehen auch weiterhin Beschränkungen, was zu weiteren Belastungen führt.“ Darauf deute nicht zuletzt die steigende Zahl der Anträge auf Eigenkapitalhilfen hin.

Stefan Kooths, Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, hält einen zweiten Lockdown zwar für „kein realistisches Szenario“. Gleichwohl bleibe der Pandemieverlauf – auch mit Blick auf das Geschehen in der übrigen Welt – unsicher, und diese Unsicherheit belaste die wirtschaftliche Erholung. Kooths: „Angesichts des historisch tiefen Einbruchs ist für die zweite Jahreshälfte mit kräftigen Zuwachsraten der Wirtschaftsleistung zu rechnen. Diese reicht aber bei Weitem nicht aus, die Einbrüche aus dem ersten und zweiten Quartal wettzumachen. Ein Aufschließen zum Vorkrisenniveau erwarten wir nicht vor Ende kommenden Jahres.“ Vor allem belaste die sich abzeichnende globale Investitionsschwäche die deutsche Konjunktur. Auch ohne einen zweiten Lockdown belaste die Coronakrise weiterhin massiv die Staatsfinanzen. Laut Kooths dürfte der gesamtstaatliche Haushalt im dritten Quartal mit über 80 Milliarden Euro ähnlich stark belastet sein wie im Vorquartal. In der zweiten Jahreshälfte schlagen vor allem die anlaufenden Maßnahmen aus dem Konjunkturpaket auf den Haushalt durch.

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