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Konjunktur Das Fundament unseres Wohlstands bröckelt

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Niedrige Zinsen als Aufputschmittel

In der Bauwirtschaft wirken die niedrigen Zinsen ebenfalls wie ein Aufputschmittel. Die Branche sitzt auf den höchsten Auftragsbeständen seit 21 Jahren. Vor allem im Wohnungsbau geht die Post ab. „Die niedrigen Zinsen machen das Bauen erschwinglicher und treiben die Anleger auf der Suche nach Rendite in den Immobilienmarkt“, sagt Heiko Stiepelmann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer beim Hauptverband der Deutschen Bauindustrie.

Zudem lassen die Binnenwanderungen in die großen und mittelgroßen Städte den Bedarf an günstigem Wohnraum steigen. „Obendrauf kommt noch der Bau von Flüchtlingswohnheimen“, sagt Stiepelmann. Nach dem Rekordplus von acht bis neun Prozent in diesem Jahr rechnet Stiepelmann für 2017 mit einem Umsatzzuwachs im Wohnungsbau von sieben bis acht Prozent. „In manchen Regionen besteht die Gefahr einer Blasenbildung“, warnt der Bauexperte.

Optimismus ist auch beim öffentlichen Bau angesagt

So hat die Bundesregierung die Mittel für den Ausbau der Infrastruktur kräftig aufgestockt. Bis zum Jahr 2018 will sie die finanziellen Mittel für Straßen, Schienen und Wasserwege auf 14 Milliarden Euro pro Jahr aufstocken. Danach, so hofft die Bauindustrie, werden die steigenden Mittel aus der ausgeweiteten Lkw-Maut für einen steten Ordereingang bei den Bauunternehmen sorgen. Für nächstes Jahr rechnet sie daher mit einem Umsatzplus von fünf Prozent im öffentlichen Bau.

Weniger günstig sieht es im Wirtschaftsbau aus. Hier macht sich die Energiewende negativ bemerkbar. „Die energieintensiv produzierenden Unternehmen schreiben seit Jahren mehr Altanlagen ab, als in neue zu investieren, der Kapitalstock erodiert“, warnt Stiepelmann.

Dazu kommt, dass die Energieversorger weniger Geld in Kraftwerke stecken. Im Maschinenbau bremst die Schwäche Chinas die Investitionsneigung, der Bau von Bürogebäuden leidet unter der Bankenkrise. Für 2017 erwartet Stiepelmann für den Wirtschaftsbau daher lediglich ein Umsatzplus von zwei Prozent.

Insgesamt aber dürften die Bauumsätze 2017 ebenso kräftig zulegen wie in diesem Jahr (plus fünf bis sechs Prozent). Der Bau bleibt damit ein Stützpfeiler der Konjunktur.

Das lässt sich von den Investitionen der Unternehmen in neue Maschinen und Anlagen nicht behaupten. Zuletzt sind sie sogar zurückgegangen. „Die Ausrüstungsinvestitionen sind im historischen Vergleich schwach“, urteilt HSBC-Ökonom Schilbe. Das sollte die Politiker aufhorchen lassen. Denn wenn der Kapitalstock veraltet, erodiert der Wohlstand.

Gründe, nicht in Deutschland zu investieren, gibt es zur Genüge. Vor allem die Wirtschaftspolitik ist zum Standortrisiko geworden. So fordern 64 Prozent der vom ifo Institut befragten Unternehmen, die Regierung müsse schleunigst die Bürokratie abbauen. Denn die ist nicht nur lästig, sondern auch teuer. Hinzu kommen neue Regulierungen. Beispiel Zeitarbeit. Im nächsten Jahr müssen Unternehmen Zeitarbeitern nach neun Monaten den gleichen Lohn zahlen wie den Stammbeschäftigten – auch wenn sie weniger produktiv sind. „Die Beschäftigung von Zeitarbeitern wird unattraktiver“, sagt Unternehmer Skotarek.

Das gilt auch für die Beschäftigung von gering Qualifizierten, für die bald ein höherer Mindestlohn fällig wird. Das dürfte dazu beitragen, die Lohnstückkosten, die schon seit geraumer Zeit rascher steigen als in anderen Euro-Ländern, weiter nach oben zu treiben. „Die deutschen Unternehmen verlieren an Wettbewerbsfähigkeit“, warnt Ökonom Krämer.

In den nächsten Jahren dürfte sich das Problem noch verschärfen. Denn auch die Zuwanderung wird schon bald die alterungsbedingte Schrumpfung des Arbeitskräftepotenzials nicht mehr kompensieren.

Umso dringender ist es, das Rentenzugangsalter anzuheben. Doch in Berlin hat man die Diskussion darüber offenbar zum politischen Tabu erklärt.

Das aber hat fatale Folgen: Verknappen sich die Arbeitskräfte, steigen die Löhne noch schneller. Die Unternehmen dürften ihre Investitionen dann vermehrt ins Ausland verlagern.

Läuft der von der lockeren Geldpolitik angefachte Konsum- und Bauboom eines Tages aus, könnte es für Deutschland ein böses Erwachen geben.

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