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Konjunktur Deutschlands kranker Boom

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Niedrigzinsen

Die Niedrigzinsen der EZB nehmen nicht nur den Reformdruck von der Politik, sie fördern auch den Anreiz, sich zu verschulden. Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov zufolge wollen zwölf Millionen Deutsche ihre Weihnachtsgeschenke in diesem Jahr auf Pump finanzieren. 87 Prozent wollen die Schulden erst in einem Jahr zurückzahlen.

Hält die Niedrigzinsphase an, droht Deutschland eine Entwicklung wie in Frankreich. Dort boomen derzeit die Kredite für Unternehmensübernahmen. Die Verschuldung der Firmen hat sich von 60 Prozent des BIPs im Jahr 2010 auf aktuell 72 Prozent erhöht. Sogar die französische Zentralbank zeigt sich ob der Kreditbonanza mit Wachstumsraten von sieben bis acht Prozent alarmiert.

In Deutschland fließt ein großer Teil der Billigkredite vorerst in den Immobilienmarkt. Noch seien die Risiken angesichts eines Kreditwachstums von knapp vier Prozent „eher begrenzt“, glauben die Ökonomen der Bundesbank. Doch in den Städten sind die Immobilien bereits um 15 bis 30 Prozent überbewertet. Tendenz steigend. Komme es zu einer Marktbereinigung, könnten sich „Risiken aus Neubewertungen, Zinsänderungen und Kreditausfällen gegenseitig verstärken“, fürchtet Bundesbank-Vizepräsidentin Claudia Buch.

Die Niedrigzinsen verschleiern, dass viele Unternehmen ebenfalls auf wackeligen Beinen stehen. Eine Studie der Wirtschaftsauskunftsdatei Creditreform zeigt, dass von 7400 untersuchten Unternehmen mehr als 15 Prozent keinen ausreichenden Gewinn erzielen, um ihre Fremdkapitalkosten zu decken. Allein der Zugang zu Billigkrediten hält diese Zombie-Unternehmen am Leben. Schon bei einem Zinsanstieg um drei Prozentpunkte – was der guten Konjunktur angemessen wäre – schlitterten nach Berechnungen von Creditreform fast 20 Prozent der Unternehmen hierzulande in die Insolvenz.

In den südlichen Ländern der Euro-Zone dürfte die Quote noch höher sein. Dass die EZB die Zinsen in absehbarer Zeit anhebt, ist daher unwahrscheinlich.

Was aber, wenn die Inflation kräftiger anzieht als erwartet? Dann muss sich die EZB entscheiden, was ihr wichtiger ist: die Preisstabilität oder die Rettung überschuldeter Unternehmen, Bürger und Regierungen. Noch weiß niemand, wann die EZB vor diesem Dilemma steht. INDUS-Manager Abromeit ist deshalb vorsichtig. „Das Rückschlagpotenzial nimmt zu“, sagt er. Statt in die Erweiterung der Kapazitäten investieren die INDUS-Beteiligungen lieber in höhere Effizienz. „In der Spätphase des Konjunkturzyklus darf man als vorsichtiger Kapitän die Kosten nicht aus den Augen verlieren“, sagt Abromeit.

Fragt sich nur, ob auf den übrigen Kommandobrücken der deutschen Volkswirtschaft ebenfalls vorsichtige Kapitäne stehen.

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