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Konjunktur Wie lange hält der Aufschwung?

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Grafik: Umsätze und Geschäftserwartung im Einzelhandel 2009/2010

Aus dem einst kranken Mann Europas ist das Powerhouse des Kontinents geworden. Das hat mehrere Gründe. Anders als Spanien, Irland oder Großbritannien leidet Deutschland nicht unter den Folgen einer geplatzten Kredit- und Immobilienblase. Während die Bürger in anderen Ländern bis über beide Ohren verschuldet sind und ihren Schuldenberg abtragen müssen, können die Deutschen frohgemut auf Shoppingtour gehen. Im Gegensatz zu Großbritannien, Spanien und Irland, wo enorme Überkapazitäten am Häusermarkt die Bauinvestitionen lähmen, steht der Wohnungsbau in Deutschland vor einer Renaissance.

Hinzu kommt: Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren wirtschaftlich fit gemacht. Die Hartz-Reformen haben die Arbeitsanreize erhöht und die Deregulierung der Zeitarbeit hat Tausenden von gering Qualifizierten die Tür zum Arbeitsmarkt geöffnet. Zudem hat sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen durch die jahrelange Lohnzurückhaltung verbessert.

Lohnzurückhaltung stärkt Konjunktur

In der vergangenen Dekade sind die Löhne und Gehälter in Deutschland nominal lediglich um 22,4 Prozent gestiegen. Im Schnitt aller EU-Länder lag die Zuwachsrate dagegen bei 37 Prozent. In Griechenland kletterten die Bruttoverdienste sogar um mehr als 42 Prozent, in Spanien um 47 Prozent. In keinem Land Europas nahmen zudem die Lohnnebenkosten im selben Zeitraum so langsam zu wie in Deutschland, wo sie um 9,5 Prozent stiegen (EU-Durchschnitt: 38,5 Prozent). "Dank der Lohnzurückhaltung und der Hartz-Reformen reagiert der deutsche Arbeitsmarkt heute viel schneller auf Konjunktursignale als früher", urteilt Stefan Schilbe, Chefvolkswirt der Düsseldorfer Bank HSBC Trinkaus & Burkhardt.

Die verbesserte preisliche Wettbewerbsfähigkeit hat Deutschlands Exporten Rückenwind verliehen. Mit Investitionsgütern wie Autos, Maschinenbauprodukten und chemischen Erzeugnissen punkten sie in den stark wachsenden Schwellenländern. Seit Mai 2009 haben die Ausfuhren insgesamt um 32 Prozent zugelegt.

Der Funke hat gezündet

Mittlerweile ist der Funke von den Exporten auf die Investitionen übergesprungen. Seit Anfang 2010 legen die Ausrüstungsinvestitionen von Quartal zu Quartal mit Raten von rund vier Prozent zu. Zum Jahresende könnte es einen Extraschub geben. Dann nämlich laufen die Möglichkeiten zur degressiven Abschreibung von Investitionsgütern aus. Viele Betriebe dürften deshalb ohnehin geplante Investitionsprojekte vorgezogen haben.

Alles spricht dafür, dass sich der Aufwärtstrend bei den Ausrüstungsinvestitionen im nächsten Jahr fortsetzt. Die weiterhin guten Absatzaussichten im In- und Ausland lassen die Gewinne der Unternehmen kräftig sprudeln. Das steigert die Investitionsrendite. Zudem dürften die Finanzierungskosten niedrig bleiben. Aus Rücksicht auf die prekäre Lage der Banken und die Schuldenlast der südlichen Euro-Staaten sowie Irlands dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins vorerst bei 1,0 Prozent belassen. Frühestens Ende 2011 werden die Euro-Hüter Beobachtern zufolge an der Zinsschraube drehen. "Davon profitiert vor allem die deutsche Konjunktur, die angesichts des kräftigen Aufschwungs eigentlich höhere Leitzinsen benötigt", urteilt Kiel-Economics-Ökonom Meier.

Einen kräftigen Schub erhalten die Investitionen dadurch, dass sich die internationalen Kapitalströme drehen. Viele Investoren haben sich in den vergangenen Jahren mit Anlagen in den Euro-Krisenländern die Finger verbrannt. Auf der Suche nach soliden Anlagen kehren sie nun nach Deutschland zurück. "Banken sind heute wieder bereit, mehr Kredite im Inland zu vergeben, weil sie die Risiken im Ausland höher einschätzen", erklärt Hans-Werner Sinn, Chef des ifo Instituts.

So planen der ifo-Umfrage zufolge 29 Prozent der Unternehmen, im nächsten Jahr mehr zu investieren als 2010. Nur 17 Prozent wollen weniger Geld in neue Maschinen und Anlagen stecken. Besonders ausgeprägt ist die Investitionsbereitschaft in der Grundstoff- und Investitionsgüterindustrie. Auch bei den Dienstleistern ist die Investitionsbereitschaft überdurchschnittlich hoch.

Zwar stehen bei 57 Prozent der Unternehmen Ersatzbeschaffungen im Vordergrund der Investitionspläne. Doch die Erweiterung des Maschinenparks (28 Prozent aller Nennungen) gewinnt als Investitionsmotiv zunehmend an Bedeutung gegenüber dem Rationalisierungsmotiv (27 Prozent der Nennungen).

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