WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Konjunktur Wie lange hält der Aufschwung?

Trotz der Euro-Krise boomt die deutsche Wirtschaft. Die Stimmung der Unternehmer und Verbraucher ist prächtig, die Arbeitslosigkeit sinkt. Perlt die Krise an Deutschland ab – oder kommt das dicke Ende noch?

Toys'R'Us-Filiale in München Quelle: dapd

Wer sich kurz vor den Festtagen noch aufgemacht hat, um ein schickes Spielzeug für die lieben Kleinen daheim zu ergattern, dürfte sein blaues Wunder erlebt haben. Vor allem dann, wenn die Dinosaurierwelt von Playmobil oder das Traumschloss der Pferdchen-Sammelreihe Filly von Simba auf dem Wunschzettel des Sohnemanns oder des Töchterchens standen. Unter dem Weihnachtsbaum könnte es dann enttäuschte Gesichter geben. Denn die beliebten Spielzeuge sind in vielen Geschäften ausverkauft. Neue Ware ist erst für Januar zu erwarten. Die hohe Nachfrage hat die Händler überrascht – und in Chinas Fabriken, die die Plastikspielwaren herstellen, sind Arbeitskräfte knapp.

Der Nachfrageboom bei Spielwaren ist kein Weihnachtsphänomen. "Der Umsatz mit Spielwaren läuft bereits das ganze Jahr über blendend", sagt Beatrix Rosenberg, Inhaberin des Düsseldorfer Spielwarenladens Spielschiff. Von Januar bis Oktober lagen die Umsätze im Spielwareneinzelhandel um sieben Prozent höher als im Vorjahr.

Die Deutschen sind im Kaufrausch

Grund zum Feiern haben auch die Textilhändler. Sechs Prozent mehr Pullis, Hemden und Jacken als im Vorjahr haben sie bisher verkauft. "Mancherorts sind Teile des Wintersortiments ausverkauft, die Händler haben Schwierigkeiten, Ware nachzuordern", weiß Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland – HDE. Wegen des guten Weihnachtsgeschäfts sei für das Gesamtjahr 2010 ein Umsatzplus von bis zu zwei Prozent möglich, sagt Genth.

Die Deutschen im Kaufrausch – das hat es schon lange nicht mehr gegeben. Während die Bürger in anderen Ländern Europas unter hoher Arbeitslosigkeit und explodierenden Staatsschulden leiden und Europas Regierungen am laufenden Band Hilfspakete für überschuldete Staaten und Banken schnüren, herrscht in Deutschland Partylaune. Die Auftragsbücher der Firmen sind prall gefüllt, die Maschinen laufen heiß, und die Industrie stellt so viele Mitarbeiter ein wie seit 1996 nicht mehr.

Aufschwung hält an

Deutschland, frohlocken die Ökonomen des Analyseinstituts Kiel Economics, steht vor "fetten Jahren". Nach einem Plus von 3,8 Prozent in diesem Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt 2011 um 3,2 Prozent erneut kräftig zulegen, prognostiziert Carsten-Patrick Meier, Geschäftsführer von Kiel Economics.

Auch die meisten Unternehmen sind optimistisch. In einer Exklusivumfrage des Münchner ifo Instituts für die WirtschaftsWoche unter mehr als 650 Betrieben aus Industrie, Handel, Dienstleistungen und Bauwirtschaft zeigten sich 85 Prozent der Befragten überzeugt, dass der Aufschwung im nächsten Jahr anhält. 66 Prozent erwarten, dass sich dabei die Dynamik abschwächt, 19 Prozent rechnen dagegen mit einer Beschleunigung des Expansionstempos.

Kaum ein Konjunkturbeobachter hat der deutschen Wirtschaft einen solch fulminanten Aufstieg aus dem tiefen Tal der Rezession zugetraut. Im Gegenteil: Nach einer Finanz- und Bankenkrise, so lautete das einhellige Urteil der Experten, dauere es mehrere Jahre, bis die Wirtschaft wieder in Schwung kommt. Mehr als eine blutleere Erholung sei daher nicht drin.

Pustekuchen! Nicht etwa um mickrige 1,6 Prozent, wie die fünf Wirtschaftsweisen vor einem Jahr prognostizierten, sondern um fast vier Prozent ist Deutschlands Wirtschaft dieses Jahr gewachsen – weit stärker als andere Länder der Euro-Zone.

Grafik: Umsätze und Geschäftserwartung im Einzelhandel 2009/2010

Aus dem einst kranken Mann Europas ist das Powerhouse des Kontinents geworden. Das hat mehrere Gründe. Anders als Spanien, Irland oder Großbritannien leidet Deutschland nicht unter den Folgen einer geplatzten Kredit- und Immobilienblase. Während die Bürger in anderen Ländern bis über beide Ohren verschuldet sind und ihren Schuldenberg abtragen müssen, können die Deutschen frohgemut auf Shoppingtour gehen. Im Gegensatz zu Großbritannien, Spanien und Irland, wo enorme Überkapazitäten am Häusermarkt die Bauinvestitionen lähmen, steht der Wohnungsbau in Deutschland vor einer Renaissance.

Hinzu kommt: Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren wirtschaftlich fit gemacht. Die Hartz-Reformen haben die Arbeitsanreize erhöht und die Deregulierung der Zeitarbeit hat Tausenden von gering Qualifizierten die Tür zum Arbeitsmarkt geöffnet. Zudem hat sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen durch die jahrelange Lohnzurückhaltung verbessert.

Lohnzurückhaltung stärkt Konjunktur

In der vergangenen Dekade sind die Löhne und Gehälter in Deutschland nominal lediglich um 22,4 Prozent gestiegen. Im Schnitt aller EU-Länder lag die Zuwachsrate dagegen bei 37 Prozent. In Griechenland kletterten die Bruttoverdienste sogar um mehr als 42 Prozent, in Spanien um 47 Prozent. In keinem Land Europas nahmen zudem die Lohnnebenkosten im selben Zeitraum so langsam zu wie in Deutschland, wo sie um 9,5 Prozent stiegen (EU-Durchschnitt: 38,5 Prozent). "Dank der Lohnzurückhaltung und der Hartz-Reformen reagiert der deutsche Arbeitsmarkt heute viel schneller auf Konjunktursignale als früher", urteilt Stefan Schilbe, Chefvolkswirt der Düsseldorfer Bank HSBC Trinkaus & Burkhardt.

Die verbesserte preisliche Wettbewerbsfähigkeit hat Deutschlands Exporten Rückenwind verliehen. Mit Investitionsgütern wie Autos, Maschinenbauprodukten und chemischen Erzeugnissen punkten sie in den stark wachsenden Schwellenländern. Seit Mai 2009 haben die Ausfuhren insgesamt um 32 Prozent zugelegt.

Der Funke hat gezündet

Mittlerweile ist der Funke von den Exporten auf die Investitionen übergesprungen. Seit Anfang 2010 legen die Ausrüstungsinvestitionen von Quartal zu Quartal mit Raten von rund vier Prozent zu. Zum Jahresende könnte es einen Extraschub geben. Dann nämlich laufen die Möglichkeiten zur degressiven Abschreibung von Investitionsgütern aus. Viele Betriebe dürften deshalb ohnehin geplante Investitionsprojekte vorgezogen haben.

Alles spricht dafür, dass sich der Aufwärtstrend bei den Ausrüstungsinvestitionen im nächsten Jahr fortsetzt. Die weiterhin guten Absatzaussichten im In- und Ausland lassen die Gewinne der Unternehmen kräftig sprudeln. Das steigert die Investitionsrendite. Zudem dürften die Finanzierungskosten niedrig bleiben. Aus Rücksicht auf die prekäre Lage der Banken und die Schuldenlast der südlichen Euro-Staaten sowie Irlands dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins vorerst bei 1,0 Prozent belassen. Frühestens Ende 2011 werden die Euro-Hüter Beobachtern zufolge an der Zinsschraube drehen. "Davon profitiert vor allem die deutsche Konjunktur, die angesichts des kräftigen Aufschwungs eigentlich höhere Leitzinsen benötigt", urteilt Kiel-Economics-Ökonom Meier.

Einen kräftigen Schub erhalten die Investitionen dadurch, dass sich die internationalen Kapitalströme drehen. Viele Investoren haben sich in den vergangenen Jahren mit Anlagen in den Euro-Krisenländern die Finger verbrannt. Auf der Suche nach soliden Anlagen kehren sie nun nach Deutschland zurück. "Banken sind heute wieder bereit, mehr Kredite im Inland zu vergeben, weil sie die Risiken im Ausland höher einschätzen", erklärt Hans-Werner Sinn, Chef des ifo Instituts.

So planen der ifo-Umfrage zufolge 29 Prozent der Unternehmen, im nächsten Jahr mehr zu investieren als 2010. Nur 17 Prozent wollen weniger Geld in neue Maschinen und Anlagen stecken. Besonders ausgeprägt ist die Investitionsbereitschaft in der Grundstoff- und Investitionsgüterindustrie. Auch bei den Dienstleistern ist die Investitionsbereitschaft überdurchschnittlich hoch.

Zwar stehen bei 57 Prozent der Unternehmen Ersatzbeschaffungen im Vordergrund der Investitionspläne. Doch die Erweiterung des Maschinenparks (28 Prozent aller Nennungen) gewinnt als Investitionsmotiv zunehmend an Bedeutung gegenüber dem Rationalisierungsmotiv (27 Prozent der Nennungen).

Daimler-Chef Dieter Zetsche Quelle: dpa

In vielen Betrieben sind die Produktionskapazitäten schon jetzt bis zum Anschlag ausgelastet. Beim Automobilbauer Daimler müssen Kunden teilweise mehrere Monate auf ein C-Klasse-Modell warten. "Ein Vierteljahr kann’s schon dauern", sagt Daimler-Chef Dieter Zetsche, "überall stoßen wir an Kapazitätsgrenzen." Die deutsche Autobranche sei "wieder eine Wachstumsindustrie".

Das spürt man auch bei der Indus Holding in Bergisch Gladbach. Die Gesellschaft ist an 41 mittelständischen Produktionsunternehmen aus unterschiedlichen Branchen, darunter Fahrzeugkomponentenherstellern, beteiligt. "In unserem Automobilbereich sind die Kapazitäten zum Teil schon zu 100 Prozent ausgelastet", sagt Helmut Ruwisch, Vorstandsvorsitzender von Indus. Der Bestand an Aufträgen reiche bis weit in das Jahr 2011 hinein.

Ruwisch hat daher das Investitionsbudget für 2011 um 50 Prozent gegenüber 2010 nach oben gefahren. "In unseren Plänen sind viele Erweiterungsinvestitionen enthalten", sagt der Indus-Chef.

Bau mal wieder

Investiert die Industrie in neue Maschinen und Anlagen, ist das auch für die Bauwirtschaft ein gutes Signal. Denn mehr Kapazitäten für die Produktion bedeuten meist auch mehr Werkshallen, Lagerräume und Bürogebäude. Nachdem die Umsätze im Wirtschaftsbau zwei Jahre in Folge gesunken sind, hofft die Bauindustrie für 2011 auf den Turn-around.

Im Wohnungsbau hat die Wende schon eingesetzt. Die staatlichen Fördermaßnahmen für energetisches Sanieren haben vor allem dem Ausbaugewerbe gute Geschäfte beschert. Dank der niedrigen Hypothekenzinsen können sich mehr Bürger als zuvor den Traum von den eigenen vier Wänden erfüllen. Hinzu kommt, dass die Deutschen aus Angst vor Inflation und Währungskrisen die Immobilie als Investitionsobjekt wieder entdecken.

Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB) erwartet, dass sich der Aufwärtstrend im Wohnungsbau 2011 fortsetzt. "Steigende Haushaltszahlen, anhaltend niedrige Zinsen, bessere Einkommensperspektiven sowie eine steigende Beschäftigung dürften den Wohnungsbau 2011 um drei bis vier Prozent wachsen lassen", prognostiziert Heiko Stiepelmann, Chefvolkswirt des HDB. Der Wohnungsbau werde daher von allen Bausparten in den nächsten Jahren am besten laufen, vermutet Stiepelmann.

Unternehmen stellen ein

Dagegen sieht er für den öffentlichen Bau "ganz schwarz". Zwar wirkten die von der Bundesregierung aufgelegten Konjunkturprogramme bis ins nächste Jahr hinein. Allerdings hätten viele Kommunen die Mittel aus den Programmen nur genutzt, um ohnehin geplante Investitionen zu finanzieren, zusätzliche Impulse seien kaum entstanden, moniert Stiepelmann. Außerdem sei damit zu rechnen, dass angesichts der angespannten Haushaltslage in den Städten und Gemeinden die Sparkommissare wieder das Ruder übernehmen. Die Ökonomen des ifo Instituts rechnen daher damit, dass sich die Zuwachsrate der gesamten Bauinvestitionen von 4,2 Prozent in diesem auf 2,1 Prozent im nächsten Jahr halbieren wird.

Damit die Erholung der Konjunktur in einen nachhaltigen Aufschwung mündet, müssen nach den Exporten und den Investitionen die Konsumausgaben anziehen. Die Aussichten dafür sind so gut wie lange nicht mehr. Die Arbeitslosigkeit ist seit Monaten auf dem Rückzug, die Zahl der Erwerbstätigen steigt. In einigen Branchen und Regionen sind Arbeitskräfte schon knapp.

Nur acht Prozent der vom ifo Institut befragten Firmen wollen daher im nächsten Jahr Arbeitsplätze abbauen. 21 Prozent dagegen planen, ihren Personalbestand zu erhöhen. Zu Beginn des Aufschwungs konzentrierte sich das Interesse der Betriebe auf die Zeitarbeiter, jetzt stehen unbefristete Beschäftigungsverhältnisse im Vordergrund der Einstellungsoffensiven. Die Firmen versuchen, Mitarbeiter an sich zu binden, bevor die demografische Zeitenwende zuschlägt und Arbeitskräfte nur noch schwer zu bekommen sind.

Der Wolfsburger Automobilbauer VW hat von den 6000 in Deutschland beschäftigten Leiharbeitern 400 fest eingestellt. Bis 2015 will VW in Deutschland weitere 5000 bis 6000 neue Arbeitsplätze schaffen. Beim Konkurrenten BMW in München sollen dieses und nächstes Jahr mindestens 2600 neue Arbeitsplätze entstehen, die Hälfte davon in Deutschland.

Grafik: Exporte, Arbeitsmarktlage und privater Konsum in Deutschland 2007 - 2010

Solche Nachrichten kommen bei den Bürgern gut an, signalisieren sie ihnen doch, dass die Arbeitsplätze wieder sicherer sind. "Neben den direkten Einkommenseffekten hat das einen stark positiven psychologischen Effekt", sagt Alexander Koch, Ökonom bei der italienischen Bank UniCredit. Einer Studie des Versicherungskonzerns Allianz zufolge gehen aktuell 59 Prozent der Bundesbürger mit Zuversicht für das persönliche Leben ins Jahr 2011, sieben Prozent mehr als vor einem Jahr.

Die meisten Betriebe haben mittlerweile ihre Kurzarbeiter wieder in die Vollzeitbeschäftigung zurückgeholt, was sich im Portemonnaie der Betroffenen bemerkbar macht. „In der Krise haben die Menschen ihre Konsumwünsche zurückgestellt, jetzt erfüllen sie sich diese“, analysiert HDE-Geschäftsführer Genth.

Gewerkschaften auf dem Plan

Die bessere Lage auf dem Arbeitsmarkt ruft die Gewerkschaften auf den Plan. In den Krisenjahren hatten sie niedrige Lohnabschlüsse akzeptiert, um Arbeitsplätze zu sichern. 2010 sind die Tariflöhne daher nur um rund 1,5 Prozent gestiegen.

Spätestens nächstes Jahr soll Schluss sein mit der Bescheidenheit. Die IG Bergbau, Chemie, Energie fordert für die Chemiebranche sechs bis sieben Prozent mehr Geld. Gut denkbar, dass am Ende der im Februar startenden Verhandlungen eine Vier vor dem Komma steht. Allerdings: In vielen Branchen wirken im nächsten Jahr noch die mehrjährigen moderaten Krisenabschlüsse der Vergangenheit nach. UniCredit-Ökönom Koch rechnet daher für 2011 mit einem spürbaren, aber nicht überzogenen gesamtwirtschaftlichen Lohnplus von zwei Prozent.

Risiken für die Konjunktur gibt es immer noch genug

Davon werden Fiskus und Sozialversicherungen einen steigenden Teil für sich beanspruchen. So werden die Beiträge zur Arbeitslosen- und Krankenversicherung angehoben. Zudem kürzt die Regierung das Elterngeld und streicht den Heizkostenzuschuss für Wohngeldempfänger. Auf die Bürger kommen dadurch zusätzliche Belastungen von knapp fünf Milliarden Euro zu, hat UniCredit-Ökonom Koch berechnet. Das entspricht rund 0,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Für die Betroffenen ist das unangenehm. Doch die Bremswirkungen auf den privaten Konsum dürften überschaubar bleiben.

Nach Berechnungen des Marktforschungsunternehmens GfK in Nürnberg wird jeder Bürger 2011 im Schnitt über eine Kaufkraft von 19.684 Euro verfügen, rund 500 Euro mehr als in diesem Jahr. UniCredit-Analyst Koch rechnet daher für 2011 mit einem Plus beim privaten Konsum von 2,0 Prozent – so viel wie seit zehn Jahren nicht mehr.

Kann den Aufschwung in Deutschland also nichts mehr aus der Bahn werfen?

So einfach ist das nicht. Risiken für die Konjunktur gibt es genug. Vor allem die Staatsschuldenkrise im Euro-Raum könnte den Konjunkturoptimisten einen Strich durch die Rechnung machen. Zwar dürften die Bremseffekte des Sparkurses in den Schuldnerländern für die deutsche Konjunktur begrenzt bleiben. Irland, Griechenland, Portugal und Spanien haben zusammengenommen gerade mal einen Anteil von 5,4 Prozent an den deutschen Exporten.

Doch könnte die Staatsschuldenkrise außer Kontrolle geraten und die Währungsunion auseinanderreißen. "Das wäre ein Unsicherheitsschock wie nach der Lehman-Pleite, der vermutlich eine schwere Rezession auslösen würde – ohne dass die Staaten die Mittel hätten, sie mit Konjunkturprogrammen zu bekämpfen", warnt Jörg Krämer, Chefökonom der Commerzbank.

Grafik: Wachstumsprognosen für Deutschland 2011

Die Wahrscheinlichkeit, dass es so weit kommt , ist allerdings nicht allzu hoch. Auf dem EU-Gipfeltreffen Ende vergangener Woche in Brüssel erklärten die Staats- und Regierungschefs der EU, sie seien bereit, "alles zu tun, um die Stabilität des Euro-Raums zu sichern – was auch immer nötig ist". Die Botschaft ist klar: Die Regierungen werden alle Hebel in Bewegung setzen, um den Euro zu retten – koste es die Steuerzahler, was es wolle.

Eine kurzfristig größere Gefahr für die deutsche Konjunktur könnte aus dem Fernen Osten kommen. Dort droht Chinas Wirtschaft heiß zu laufen. Im November sprang die Inflationsrate auf 5,1 Prozent, die Industrieproduktion legte um mehr als 13 Prozent zu, die Umsätze im Einzelhandel sogar um knapp 19 Prozent. Die starke Nachfrage aus China hat die Preise für Energie- und Industrierohstoffe auf den Weltmärkten in die Höhe katapultiert.

Warten Regierung und Zentralbank zu lange mit Bremsmaßnahmen, müssen sie später umso schärfer gegensteuern, um die Inflation unter Kontrolle zu bringen. Das könnte die Konjunktur in China abwürgen – und mit ihr die des gesamten asiatischen Raums. Angesichts eines Anteils der asiatischen Schwellenländer einschließlich Japans an den deutschen Exporten von zwölf Prozent, käme es unweigerlich zu hässlichen Bremsspuren in der deutschen Handelsbilanz.

Stehen Deutschlands goldene Jahre bevor?

In Peking hat man die Gefahr erkannt. Anfang des Monats hoben die Währungshüter den Mindestreservesatz für die Geschäftsbanken an. In den nächsten Wochen dürften weitere Bremsmanöver folgen, um die Konjunktur rechtzeitig in ruhigeres Fahrwasser zu lenken.

Bleibt die Weltwirtschaft auf Wachstumskurs, könnten "Deutschland goldene Jahre bevorstehen", sagt Kiel-Economics-Ökonom Meier. Die Exporte würden – wenn auch nicht mehr ganz so schwungvoll wie bisher – weiter zulegen, und die Inlandsnachfrage übernähme die Rolle des Konjunkturmotors.

Allerdings: Irgendwann werden auch diese fetten Jahre ihr Ende finden. Schon Mitte des Jahrzehnts, wenn die Schrumpfung und Alterung der Bevölkerung so richtig spürbar werden, droht die Wirtschaft auf einen niedrigeren Wachstumstrend abzusacken. "Die Regierung muss das Land darauf vorbereiten", fordert Meier. Sie sollte die goldenen Jahre dazu nutzen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%