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Konjunkturabschwung Stell dir vor, es ist Rezession, und keiner kriegt’s mit

Eine bayerische Firma sucht Beschäftigte: Die Aufnahme stammt aus dem Januar, doch der Jobboom hält trotz Abschwung an. Quelle: imago images

Die deutsche Wirtschaft entgeht im dritten Quartal knapp einer technischen Rezession, der Industrie gelingt das nicht. Doch trotz der Konjunkturkrise boomt der Arbeitsmarkt unbeirrt. Wie passt das zusammen?

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Stagnation oder Rezession? Ökonomen und Analysten treibt diese Frage seit Wochen um. Am Donnerstagmorgen meldete das Statistische Bundesamt nun: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte zwischen Juli und September um 0,1 Prozent minimal zu. Damit ist die deutsche Volkswirtschaft einer technischen Rezession der Definition nach – zwei aufeinanderfolgende Quartale mit schrumpfendem BIP – knapp entgangen.

Dafür fiel das Minus im Vorquartal nach den jetzt veröffentlichten korrigierten Zahlen mit minus 0,2 Prozent deutlicher aus als zunächst gedacht. Und Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums am Institut für Weltwirtschaft Kiel, gibt zu bedenken: „Außerhalb der Bauwirtschaft dürfte die Wertschöpfung im Produzierenden Gewerbe weiter geschrumpft sein, und die Industrie dürfte die Schwelle zur Rezession überschritten haben.“

Viele Angestellte dürften sich der Konjunkturflaute zum Trotz jedoch fragen: Rezession? Welche Rezession?

Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten steigt laut Bundesagentur für Arbeit von einem Allzeithoch zum nächsten (August: 33,6 Millionen). Insgesamt sind nach vorläufigen Zahlen aus dem September 45,3 Millionen Menschen in Arbeit. Die Arbeitslosenquote verharrt mit 4,8 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Und das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rechnet „trotz der konjunkturellen Schwäche noch mit einem Plus von 380.000 Personen in diesem und 120.000 im nächsten Jahr“.

Die Konjunkturkrise ist nicht mehr zu leugnen. Gleichzeitig boomt der Arbeitsmarkt wie eh und je. Wie passt das zusammen?

„Deutschland: Vor einem zweiten Arbeitsmarktwunder?“ So hat die Commerzbank eine aktuelle Studie zu diesem Phänomen betitelt. Der hiesige Arbeitsmarkt verfüge über Puffer, „die sogar in der schweren Rezession des Jahres 2009 einen Einbruch der Beschäftigung verhindert hatten“.

Im Grundsatz gilt: Weniger arbeiten ist besser, als gar nicht arbeiten. Im Krisenjahr 2009 schufteten Arbeitnehmer im Durchschnitt 46 Stunden weniger als ein Jahr zuvor. Dass auch diesmal viel Spielraum besteht, zeigt schon der Blick auf die Überstunden: Fast 50 waren es voriges Jahr pro Kopf, davon war nur circa die Hälfte bezahlt.

Inzwischen nutzen mehr als die Hälfte der Beschäftigten Arbeitszeitkonten, deutlich mehr als 2009. Seitdem hat die zehn Jahre lange Hochkonjunktur diese Konten üppig gefüllt. In der vom Abschwung besonders gezeichneten Industrie erfassen überproportional viele Beschäftigte ihre Arbeitszeit. Die Auftragsflaute ist eine gute Gelegenheit, ihr Stundenkonto zu leeren.

„Fast so wichtig wie der Abbau von Guthaben auf den Arbeitszeitkonten“, schreiben die Volkswirte der Commerzbank, „war 2009 die Rolle der Kurzarbeit“. In der Spitze schickten die Unternehmen während der Weltwirtschaftskrise 2009 1,5 Millionen Beschäftigte in Kurzarbeit, für bis zu zwei Jahre.

Bislang liegt die Zahl der Kurzarbeiter laut Commerzbank „mit gut 50.000 nicht deutlich über dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre“. Doch vor allem kriselnde Autozulieferer greifen vermehrt auf dieses Instrument zurück. Die Bundesagentur für Arbeit, die Kurzarbeitergeld zahlt, ist finanziell gut gewappnet. Ende 2018 lagen ihre Reserven bei 23,5 Milliarden Euro.

Enzo Weber, Arbeitsmarktforscher des IAB, stellt fest, Beschäftigung und Konjunktur hätten sich immer mehr „entkoppelt“. Das liegt auch daran, dass in den vergangenen Jahren Jobs vor allem in Dienstleistungssektoren entstanden sind, die kaum an der Konjunktur hängen: Erziehung, Pflege, Bildung.

Doch auch für das produzierende Gewerbe sind Entlassungen und Stellenabbau in aller Regel die schlechteste aller Optionen – wenn überhaupt. Denn im zunehmenden Fachkräftemangel sehen viele Betriebe das weit größere Übel als in einer vorübergehenden Konjunkturkrise. Auf Jahressicht werden dem Arbeitsmarkt 300.000 Menschen im arbeitsfähigen Alter fehlen.

Die Konjunkturkiller Handelskrieg und Brexit sind deshalb nicht automatisch Jobkiller. Auf die Unsicherheit reagieren die Unternehmen ambivalent: Mit Investitionen halten sie sich seit Monaten merklich zurück. An ihren Beschäftigten aber halten viele unter allen Umständen fest – oder stellen sogar noch ein. Nicht dass ein Personalengpass zum existenziellen Problem wird, sobald die Weltkonjunktur wieder anzieht.

Tatsächlich besteht Anlass zur Hoffnung. Etliche Frühindikatoren haben zuletzt angezogen oder deuten zumindest darauf hin, dass die Talsohle überwunden ist. In der Industrie sind im September wieder mehr Aufträge eingegangen. Laut ifo Institut hat sich das Geschäftsklima im Oktober nach anderthalb überwiegend schwierigen Jahren auf niedrigem Niveau stabilisiert. Und laut der Novemberumfrage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung ist der größte Konjunkturpessimismus an den Finanzmärkten überwunden.

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