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Konjunkturausblick 2011 Die globale Krisenbewältigung

Schuldenkrise, steigende Arbeitslosigkeit, explodierende Preise – auf die Folgen der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise reagieren die großen Volkswirtschaften auf sehr unterschiedliche Weise. Während der Euro-Raum weiter auseinanderdriftet, kämpfen China und Brasilien mit den Folgen einer heiß gelaufenen Konjunktur. In den USA dagegen drohen Maßnahmen gegen die hohe Arbeitslosigkeit am politischen Stillstand zu scheitern. Ein Blick auf die Weltkonjunktur 2011.

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USA: Erholung lässt auf sich warten

Grafik: BIP, Inflation, Arbeitslosenquote & Haushaltssaldo USA 2009 - 2011

Alte Wirtschaftsweisheiten gelten plötzlich nicht mehr. War es nach früheren ökonomischen Schwächephasen fast noch ein Naturgesetz, dass die USA schneller und kraftvoller aus einer Rezession herauskommen würden als zum Beispiel Deutschland, ist diesmal alles anders.

Die Mehrheit der Ökonomen erwartet, dass die US-Wirtschaft im nächsten Jahr gerade mal ein Wachstum zwischen 2,5 und 3,0 Prozent schaffen wird – nicht genug, um die immer noch bei über neun Prozent verharrende Arbeitslosenrate wesentlich herunterzubringen. Auf diesem Niveau dürfte sie auch Ende nächsten Jahres liegen. Für die US-Inflationsrate sagen die Wirtschaftsexperten im Schnitt einen Wert von knapp zwei Prozent voraus. Daher wird die US-Notenbank ihre Leitzinsen vermutlich erst Ende 2011 moderat auf rund ein halbes Prozent anheben. Die noch im Herbst relativ starke Furcht mancher Ökonomen vor einem Double-Dip, einem erneuten Rückfall in die Rezession, ist deutlich zurückgegangen.

Doch es gibt eine ganze Reihe von Unsicherheitsfaktoren. Ziemlich gespalten sind die Meinungen darüber, was das nach den gerade stattgefundenen Wahlen zugunsten der Republikaner verschobene Kräfteverhältnis in Washington für die Wirtschaft bedeuten wird. Während ein Teil der Ökonomen glaubt, dass ein möglicher politischer Stillstand für die verbleibenden beiden Amtsjahre von Präsident Barack Obama gute Nachrichten für die wirtschaftliche Erholung sind, beharrt ein anderer Teil auf den geplanten Reformen.

Fazit Die Arbeitslosigkeit ist das zentrale Problem. Bleibt sie hoch, lahmt der Konsum. Weil Obama keine neuen Schulden machen kann, flutet Notenbankchef Bernanke die Märkte mit Dollar. Der bleibt schwach und die Inflationsgefahr wächst.

China: Tritt auf die Bremse

Grafik: BIP, Inflation, Arbeitslosenquote & Haushaltssaldo China 2009 - 2011

Chinas Wirtschaftsplaner kämpfen derzeit an vielen Fronten. Die Exporte erreichten im November mit einem Plus von 35 Prozent im Vergleich zum Vorjahr einen neuen Rekord. Grund genug für den US-Senat, China erneut mit Sanktionen zu drohen, sollte Peking seine Währung nicht schneller aufwerten. Gleichzeitig springt die Inflation bedrohlich an.

Die beherrschende Frage im kommenden Jahr dürfte darum sein, ob es Pekings Planer schaffen, die heiß gelaufene Konjunktur abzukühlen. Es gilt bereits als sicher, dass die Zentralbank die Leitzinsen 2011 in mehreren Schritten anheben wird. Der Tritt auf die Bremse, so erwarten die meisten Analysten, dürfte dazu führen, dass die Wirtschaft 2011 im Jahresdurchschnitt um acht bis neun Prozent wachsen wird statt wie im laufenden Jahr um zehn Prozent. Der zwölfte Fünfjahresplan, den Peking im März veröffentlichen wird, wird ebenfalls Maßnahmen für ein solideres Wachstum, vor allem für eine Stärkung des privaten Konsums und die Förderung von Zukunftsbranchen, aufzeigen.

Ob Peking das kontrollierte Abbremsen gelingt, ist keineswegs sicher. Schon seit Anfang 2010 versucht das Land den schrittweisen Ausstieg aus der stark expansiven Wirtschaftspolitik – mit begrenztem Erfolg. Im April versuchte die Regierung, den heiß gelaufenen Immobilienmarkt abzukühlen. Zunächst verlangsamte sich der Preisanstieg für Wohnungen und Häuser auch wie geplant. Doch seit Sommer dreht sich die Preisspirale wieder nach oben. Auch die Investitionstätigkeit in den Provinzen und Städten sollte gebremst werden. Doch viele Unternehmen und Behörden auf lokaler Ebene halten sich nicht an die Vorschriften – sie bauen munter weiter.

Fazit 2011 muss Chinas restriktivere Politik deutliche Erfolge zeigen. Sonst könnte es mittelfristig tatsächlich zu der von einigen Analysten erwarteten abrupten Abschwächung der Wirtschaft kommen.

Japan: Rückfall ins Mittelmaß

Grafik: BIP, Inflation, Arbeitslosenquote & Haushaltssaldo Japan 2009 - 2011

Den Kampf mit China um Platz zwei der größten Volkswirtschaften hat Japan im abgelaufenen Jahr endgültig verloren. Aber Nippon überraschte 2010 mit einem Wachstum von deutlich mehr als drei Prozent und gehörte damit zu den Spitzenreitern unter den Industrienationen. Der Ausblick auf 2011 fällt jedoch weniger erfreulich aus. Die Regierung rechnet zwar noch mit 1,4 Prozent, doch nach der aktuellen Prognose von IHS Global Insight wird das Wachstum gut ein Prozent betragen. Japan fällt zurück ins Mittelmaß.

Wirtschaftsminister Banri Kaieda sieht drei Risiken für die japanische Wirtschaft: Eine anhaltende Yen-Stärke gegenüber dem Dollar, einen schwachen Arbeitsmarkt, ein schwächeres China und eine lahmende Konjunktur in den USA und der Euro-Zone. Japans Aufschwung nach der Finanzkrise war nicht nachhaltig und beruhte auf staatlichen Geldspritzen und dem Boom in den Schwellenländern. Vor allem der brummende Konjunkturmotor in China hatte Japan aus dem Tal der Tränen gezogen. Sobald dieser Motor stottert, verliert auch Japan an Tempo.

Vom Binnenmarkt sind keine Impulse zu erwarten. Die Lücke zwischen Nachfrage und Angebot betrug zuletzt 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und sorgt weiter für Deflation. Die Bank von Japan erwartet für 2011 zwar die Rückkehr zu stabilen Preisen. Doch wird diese Einschätzung nicht mehr von allen Währungshütern geteilt. Die Nullzinspolitik und eine reichlich liquide Geldpolitik scheinen nicht zu reichen.

Dennoch sind Japans Ökonomen optimistisch. Die Konjunktur werde sich mit anziehenden Exporten nach China und in die USA ab dem Sommer 2011 erholen. „Die Automobilindustrie wird die Führung übernehmen“, sagte der Tokioter Ökonom Koichi Haji.

Das dürfte auch die zuletzt deutlich schlechter gewordene Stimmung bei den Firmenlenkern aufhellen. Sie klagen vor allem über steigende Rohstoffpreise und hohe Steuern und erwarten für 2011 nur noch ein Gewinnplus von 13,3 Prozent. Allerdings gehört Zweckpessimismus zum guten Ton in Japan. Die Wirtschaft ist deshalb oft für eine Überraschung gut.

Fazit Japan setzt ganz auf seine Exportwirtschaft. Vom Binnenmarkt sind keine Impulse zu erwarten, die Bevölkerung altert und schrumpft. Trotz Deflation erwarten Japans Ökonomen 2011 keinen Rückfall in die Rezession.

Brasilien: Starke Währung belastet Export

Grafik: BIP, Inflation, Arbeitslosenquote & Haushaltssaldo Brasilien 2009 - 2011

Brasiliens Wirtschaft geht es so gut wie schon lange nicht mehr. Die achtgrößte Volkswirtschaft der Welt wächst dieses Jahr voraussichtlich fast acht Prozent. Dazu kommen ein niedriges Leistungsbilanzdefizit (–2,4 Prozent/BIP), rasant wachsende Devisenreserven und eine fast ausgeglichene Handelsbilanz. Allerdings: Der Real, Brasiliens Währung, gewinnt durch das zufließende ausländische Kapital zunehmend an Wert. Die starke Aufwertung belastet die Unternehmen. Viele setzen in ihrer Produktion zunehmend importierte Vorprodukte ein – brasilianische Teile sind zu teuer geworden. Die Zahl der Importfirmen hat sich in zwei Jahren verdoppelt.

Brasilien muss sich an einen starken Real gewöhnen. Israels Zentralbankchef Stanley Fischer, früher Vize-Chef bei IWF und Weltbank, sagte: „Je robuster Brasilien wird, umso schwieriger kann eine Aufwertung vermieden werden.“

Für Brasiliens neue Präsidentin Dilma Rousseff, die am 1. Januar 2011 ihr Amt antreten wird, ist der starke Real jedoch auch eine große Chance: Ihr könnte es wegen des Währungsdrucks politisch leichter fallen, einige Reform-Rückstände aufzuarbeiten. Dazu gehören das ausufernde Steuersystem und die hohe interne Staatsverschuldung. Denn nur so lässt sich der Leitzins von 10,75 Prozent mittelfristig senken – und damit die Anziehungskraft Brasiliens für die Investoren verringern.

Fazit Brasiliens Wirtschaft wächst stürmisch, aber auch die Risiken nehmen zu. Die Aufwertung des Real, eine hohe Inflation und massive Kapitalzuflüsse könnten das Tempo bald bremsen.

Russland: Billiges Öl dämpft das Wachstum

Grafik: BIP, Inflation, Arbeitslosenquote & Haushaltssaldo Russland 2009 - 2011

Neuerdings kritteln Ökonomen und Analysten zunehmend am Konzept von Jim O’Neill herum. Der Chefökonom der Investmentbank Goldman Sachs prägte 2001 in einem Aufsatz die Wortschöpfung „BRIC“ für die Länder Brasilien, Russland, Indien und China, die Wachstumslokomotiven des 21. Jahrhunderts. Doch in diesem erlauchten Kreis hat Russland nichts mehr verloren, meint Anders Aslund, Ökonom am Peterson Institute for International Economics. „Russland hinkt den anderen BRICs hinterher“, sagt er, das Land sei geschwächt aus der Krise hervorgegangen.

Auf den ersten Blick hat er Unrecht: Das Bruttoinlandsprodukt wird in diesem Jahr um vier Prozent wachsen. Nächstes Jahr dürften sogar 4,3 Prozent drin sein. Doch wer den Vergleich mit China wagt, sieht den Unterschied sofort: Die Volksrepublik wächst nach der Krise zweistellig, Russland nicht. Finanzminister Alexej Kudrin stellt sich auf ein Haushaltsdefizit bis zum Jahr 2015 ein, der Konsum steigt dieses Jahr um fünf Prozent statt elf Prozent in 2008, die Industrieproduktion erholt sich nur langsam, in der Bauindustrie stehen die Kräne still, und außer Groß- und Staatskonzernen kommt kaum jemand an Kredite.

Russland erlebt eine harte Landung. Eine Baisse am Rohstoffmarkt bringt die Grundfesten der russischen Ökonomie ins Wanken, die auf der Umverteilung von Staatseinnahmen basierte: Unter Ministerpräsident Wladimir Putin sorgte der Staat für Nachfrage, indem er selbst kräftig investierte und den Privatverbraucher mit Steuer- und Rentengeschenken für den Konsum rüstete.

Jetzt fehlt das Geld für die Umverteilung. Russland ist auf Anleiheemissionen und die Privatisierung von Staatsunternehmen angewiesen, um die Defizite im Haushalt zu decken. Vor allem aber ist Russland auf der Suche nach einem neuen Geschäftsmodell: Das Land will künftig nicht mehr nur Rohstoffe, sondern auch Innovatives exportieren. Entsprechend fördert die Regierung seit dem Frühjahr den Aufbau einer wettbewerbsfähigen Nano- und Biotechnologie, investiert in Energieeffizienz und die Pharmaindustrie. Es wird jedoch ein paar Jahre dauern, ehe Erfolge sichtbar werden.

Fazit Gut vier Prozent Wachstum im nächsten Jahr – so die Prognose für Russland. Doch das ist zu wenig, um die Verbraucher bei Laune zu halten und die Wirtschaft modernisieren zu können.

Euro-Land: Europa driftet auseinander

Grafik: BIP, Inflation, Arbeitslosenquote & Haushaltssaldo Euro-Land 2009 - 2011

EU-Wirtschaftskommissar Ollie Rehn spricht von „einem gewissen Dualismus in Europa“. Das ist reichlich untertrieben. Starke und schwache Volkswirtschaften driften immer weiter auseinander – ein Trend, der sich 2011 noch verstärken wird. Prognostizierte Durchschnittswerte für die Euro-Zone verlieren folglich an Aussagekraft. Denn hinter einem Wachstum von insgesamt 1,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Euro-Land im kommenden Jahr verbergen sich höchst unterschiedliche Wirtschaftsaussichten. Während einige Länder wachsen – Neu-Mitglied Estland (4,4 Prozent), die Slowakei (3,0 Prozent), Finnland (2,9 Prozent) und Luxemburg (2,8 Prozent) –, ist in anderen Ländern kein Ende der wirtschaftlichen Misere abzusehen. In Portugal (–1,0 Prozent) und Griechenland (–3,0 Prozent) wird die Wirtschaftsleistung zurückgehen. Irland und Spanien lassen die Rezession zwar hinter sich, von einem Aufschwung kann aber angesichts von Wachstumsraten von 0,9 Prozent und 0,7 Prozent keine Rede sein. Auch Italien, ein weiteres Sorgenkind im Euro-Raum, steht mit einer Wachstumsrate von prognostizierten 1,1 Prozent nicht glänzend da.

Auch wenn die Wirtschaft in der Euro-Zone insgesamt wächst, die Haushaltsdefizite und Staatsschulden einiger Mitglieder werden von Ökonomen weiterhin mit Sorge gesehen. Denn die Zahlen, die aktuell vorhergesagt werden, zeigen, wie langsam der Prozess der Konsolidierung vorangeht. Im Durchschnitt wird die Euro-Zone auch im kommenden Jahr mit einem Haushaltsdefizit von 4,6 Prozent deutlich unter der Maastricht-Marke von drei Prozent liegen. In Spanien prognostiziert die EU-Kommission sogar ein Haushaltsloch von 6,4 Prozent vom BIP, in Irland von 10,3 Prozent. Die gigantischen Schuldenberge werden so nicht kleiner. Sowohl Irland (107,0 Prozent) als auch Belgien (100,5 Prozent) bleiben 2011 wahrscheinlich über der Marke von 100 Prozent vom BIP. Auch in Italien wird sich der Schuldenstand weiter erhöhen (120,2 Prozent). Spitzenreiter bleibt Griechenland, wo die Staatsverschuldung auf 150,2 Prozent vom BIP anschwillt.

Fazit Die Euro-Zone wächst, aber viele Mitgliedsländer fallen zurück. So nimmt die Kluft zwischen Arm und Reich zu. Und es sind die Armen, die – weil hoch verschuldet – den Gürtel enger schnallen müssen.

Frankreich: Angst vor Ansteckung

Grafik: BIP, Inflation, Arbeitslosenquote & Haushaltssaldo Frankreich 2009 - 2011

In Frankreich geht die Angst um. Genährt hat sie der als Kassandra bekannte Ökonom Nouriel Roubini, der kürzlich sagte: „Frankreich steht nicht besser da als Griechenland oder Irland.“ Nach seiner Auffassung hat Paris strukturell nichts

getan, weist ein hohes Staatsdefizit auf und ist nur begrenzt zu Reformen in der Lage. „Wenn schon so eine kleine Rentenreform solchen Widerstand hervorruft, was passiert dann erst, wenn es richtige Reformen gibt?“, fragt sich der Amerikaner.

Dabei sind Reformen dringend notwendig. Frankreichs Industrie ist nicht wettbewerbsfähig: Der Anteil am Welthandel ging innerhalb der vergangenen 30 Jahre von sechs auf drei (Deutschland: elf) Prozent zurück. Vor allem exportfähige Mittelständler fehlen, die Arbeitsproduktivität ist deutlich gesunken, die Steuer- und Abgabenbelastung der Unternehmen ist nach einer Studie der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers mit 65,8 Prozent eine der höchsten weltweit. Präsident Nicolas Sarkozy hat nun Deutschland zum Vorbild erkoren und strebt eine Steuerharmonisierung mit dem Nachbarland an: Doch stehen weder eine dafür nötige, aber unpopuläre Mehrwertsteuererhöhung, noch eine Senkung der Unternehmenssteuern an.

Zwar hat Standard & Poor’s das AAA-Rating mit stabilem Ausblick erst einmal bestätigt. Doch das gilt nur, wenn Paris das Versprechen wahr macht, den Reformstau wirklich aufzulösen. Skepsis ist angebracht. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) attestiert Frankreich bislang eine „schwache Bilanz bei der Erreichung der in seinen sukzessiven Stabilitätsprogrammen festgelegten Defizitziele“.

Für 2010 ist ein Defizit in Höhe von 7,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) prognostiziert, das 2011 auf 6,2 Prozent sinken könnte. Der Schuldenstand könnte auf knapp 87 Prozent vom BIP ansteigen, die Arbeitslosigkeit bei deutlich über neun Prozent verharren und das Wachstum in beiden Jahren nur verhalten ausfallen. Trotzdem hält die Regierung an ihrer Prognose von zwei Prozent fest. Besonders beunruhigend ist das anhaltend hohe Leistungsbilanzdefizit von etwa 2,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Frankreich fehlt eine Reformagenda. Die Hoffnung auf eine Verbesserung der Haushaltssituation beruht einzig auf Steuermehreinnahmen durch Wachstum. Strukturelle Verbesserungen bringen weder die geplante Reform der Vermögensbesteuerung noch die Einführung einer Pflegeversicherung: Eher das Gegenteil könnte der Fall sein. Schon das geplante Einfrieren der Staatsausgaben und die Neubesetzung nur jeder zweiten Stelle im öffentlichen Dienst erscheinen als ehrgeizige Ziele. Die OECD mahnt Reformen im Gesundheitswesen, eine Reduzierung der Verwaltungsebenen und „möglicherweise Steuererhöhungen“ an. Doch Wirtschaftsministerin Christine Lagarde rühmt sich, in Europa eine längere Frist zur Reduzierung der Defizite durchgesetzt zu haben. Eine geplante Schuldenbremse nach deutschem Vorbild, die die Glaubwürdigkeit Frankreichs erhöhen würde, hat vermutlich keine Chance.

Fazit Ohne eine ernst gemeinte Reform wird Frankreichs Glaubwürdigkeit weiter leiden. Und mit ihr vermutlich auch das Vertrauen der Anleger. Dann dürfte aus der Angst vor dem Abstieg bald Wirklichkeit werden.

Großbritannien: Ran an die Verschuldung

Grafik: BIP, Inflation, Arbeitslosenquote & Haushaltssaldo Großbritannien 2009 - 2011

Großbritannien hat die schwerste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg überwunden und versucht nun, sein hohes Haushaltsdefizit abzubauen. Finanzminister George Osborne verordnete seinen Landsleuten ein drakonisches Sparpaket, das mit Beginn des neuen Steuerjahres ab April seine volle Wirkung entfalten wird. Ziel ist es, das Haushaltsdefizit von zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bis zum Fiskaljahr 2015/16 auf nur noch 1,1 Prozent zu senken. Viele Ökonomen stimmt das zuversichtlich. Das neue Office for Budget Responsibility (OBR) erwartet für 2011 ein Wachstum von 2,0 Prozent, in der City schwanken die Prognosen zwischen plus 1,6 Prozent (Morgan Stanley) und plus 1,9 Prozent (Goldman Sachs). Das wichtigste Argument der Optimisten: Der Industrieverband CBI berichtet von einer sehr guten Auftragslage aus dem Ausland. Doch das muss nicht so bleiben: Großbritannien schickt rund die Hälfte seiner Exporte in die Euro-Zone – und hier könnte ein gegenüber dem Pfund schwächelnder Euro das Geschäft verderben.

Sorge macht auch der durch Rohstoffe und Lebensmittel verursachte Preisanstieg. Seit Anfang 2010 liegt die Teuerungsrate nun schon über drei Prozent. Die Bank of England wird den Anstieg nicht lange tolerieren wollen und dürfte ab Mitte 2011 beginnen, die Leitzinsen, die schon seit März 2009 auf dem historischen Tiefstand von 0,5 Prozent verharren, wieder anzuheben.

Der Arbeitsmarkt entwickelt sich dagegen besser als gedacht. So sank die Arbeitslosenquote auf 7,7 Prozent, 2011 dürfte sie allerdings wieder höher liegen. Positive Signale kommen von den Maschinenbauern. Ihr Verband erwartet, dass die Wachstumsraten in der Industrie 2011 höher ausfallen werden als in anderen Sektoren.

Im Nachbarland Irland sind die Aussichten trotz der EU-Hilfen auch für 2011 trübe. Dazu kommt die unklare politische Zukunft des Landes – Anfang kommenden Jahres stehen Neuwahlen an.

Fazit Die britische Regierung schreckt vor Radikalmaßnahmen nicht zurück. Doch die wirtschaftliche Erholung könnte 2011 durch die Einsparungen und Steuererhöhungen einen Dämpfer bekommen.

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